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Meinung

GNTM 2020: Die Attacken gegen Lijana haben ProSieben wachgerüttelt – warum der Sender eine Mitschuld trägt

Im GNTM-Finale hat Kandidatin Lijana nach einer emotionalen Rede ihren Ausstieg erklärt – nachdem sie zuvor von Hatern sogar zu Hause attackiert worden war. Offenbar hat auch ProSieben nach dem Mobbing etwas verstanden.

GNTM FInale 2020

In den seltensten Fällen bleibt nach dem Finale einer GNTM-Staffel die Siegerin im Gedächtnis hängen – sondern vielmehr die Kandidatin, die am meisten polarisiert hat. Im vergangenen Jahr war das allerdings ein und dieselbe Person. Simone Kowalski fiel auf, weil sie von den anderen Kandidatinnen gemobbt wurde. Zur Genugtuung vieler Fans gewann sie das Finale. Mittlerweile hat sie sich allerdings von der Show distanziert. Und das aus einem guten Grund: Durch die Show hat sie zwar ihre Karriere als Model etwas ankurbeln können – aber auch gelitten.

"Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich das durchgestanden habe. Ich finde nicht, dass das eine Produktion zulassen sollte. Dass man es als Unterhaltung wahrnimmt, wie Menschen einander heruntermachen, finde ich unmöglich", sagte Simone kürzlich in einem Interview mit dem "Playboy" und erhob damit schwere Vorwürfe gegen die Show und ProSieben. 

Lijana war die Oberzicke bei GNTM

Auch in diesem Jahr stand das Thema Mobbing wieder ganz oben auf der Agenda. Dieses Mal waren es zwar weniger die Kandidatinnen, die sich gegenseitig fertig gemacht haben. Sondern vielmehr Fans der Show, die Kandidatin Lijana attackierten. Aber: Auch daran hat ProSieben einen Anteil.

Denn der Sender weiß genau, wie er Szenen zusammenschneiden muss, um eine klare Zicke auszumachen. Gut für die Quoten, gut für die Show. Aber was so etwas mit der gezeigten Person machen kann, hat nun das Drama um Lijana eindeutig gezeigt.

Lijana wurde zu Hause von Hatern attackiert

Der Hass gegen die 24-Jährige war so groß, dass sie nicht nur unter jedem ihrer Instagram-Fotos Kommentare lesen muss, die deutlich unter der Gürtellinie sind. Die Studentin wurde sogar zu Hause attackiert: bespuckt, beleidigt, es wurden sogar Giftköder für ihren Hund ausgelegt. Ihre Angst war so groß, dass die Polizei sie schützen musste. Und all das nur, weil sie in einer Unterhaltungsshow im TV unvorteilhaft gezeigt wurde. 

Lijana hat im GNTM-Finale hingeschmissen

GNTM-Kandidatin Lijana ist nach den Mobbing-Attacken gegen sie im Finale freiwillig ausgestiegen

ProSieben

ProSieben hätte die Kandidatin vorher schützen müssen. Hätte zu ihrem Schutz Szenen weglassen können und damit weniger Hass schüren können. Und nicht nur in Bezug auf die Darstellung der Kandidatinnen – die in jeder Staffel überzogen ist – hätte man anders handeln müssen.

Jungen Frauen wird ihr Selbstbewusstsein genommen

Auch die Art, wie mit den jungen Frauen, die sich eine Karriere als Model erträumen, umgegangen wird, war in dieser Staffel teilweise grenzwertig. Wie manche Gastjuroren oder Fotografen mit den Mädchen gesprochen haben ("Models sind vielleicht nicht die intelligentesten Wesen") war in einigen Situationen ein Unding. 

Etwa in Bezug auf Kandidatin Mareike, die sich auf Instagram vor einiger Zeit beinahe nackt zeigte, um ihre Tattoos zu präsentieren. Daraufhin wurde sie von "taff"-Moderator Christian Düren hart angegangen: "Ist man ein Vorbild, wenn man sich so zeigt?" Ist es richtig, dass ProSieben damit signalisiert, dass man nicht stolz auf seinen Körper sein darf, sondern sich für sein Selbstbewusstsein schämen muss? Auch das ist nicht respektvoll im Umgang mit jungen Mädchen.

Die Folge: Mareike stieg im weiteren Verlauf der Show aus. Man merkte, dass sie sich unwohl fühlte, ihr ihr Selbstbewusstsein genommen wurde. Sollte eine Castingshow so mit ambitionierten Mädchen umgehen? Sicher nicht. Dass einige Kandidatinnen freiwillig die Reißleine ziehen, ist doch eigentlich Statement genug.

Philipp Plein drohte einer Kandidatin mit dem Rauswurf aus seiner Show

Ein weiteres Beispiel dafür, dass ProSieben einiges falsch gemacht hat, ist Philipp Pleins Umgang mit GNTM-Fan-Liebling Tamara. Der Designer sprach ihr eine Drohung aus ("Ich schwöre dir eins: Wenn du es nicht hinkriegst, dann läufst du morgen nicht!"), nachdem sie Probleme mit ihren Schuhen hatte.

Ja, die Mädchen entscheiden alle selbst, dass sie an der Show teilnehmen wollen. Dass sie am Ende allerdings runtergemacht, vielleicht völlig verzerrt dargestellt und im schlimmsten Fall sogar attackiert werden, hätte aber sicher keine gedacht oder sich gewünscht. 

Nach allem, was Kandidatin Lijana widerfahren ist, hat aber offensichtlich auch der Sender selbst verstanden, dass Respekt gegenüber jungen Frauen und Menschen allgemein unabdingbar ist. So gab es nach den Attacken gegen Lijana eine große Kampagne gegen (Cyber-)Mobbing. Und in der trat auch "taff"-Moderator Christian Düren auf, der zuvor noch in der Sendung die jungen Frauen doof dastehen lassen hat.

ProSieben versuchte im GNTM-Finale Wiedergutmachung zu betreiben

Auch im Finale wollte man offenbar Wiedergutmachung betreiben: Der Ton gegenüber den Kandidatinnen war respektvoll wie nie. Fotograf Christian Anwander bedankte sich bei den Finalistinnen nach dem Fotoshooting höflichst anstatt sie zurechtzuweisen, weil sie vielleicht eine Pose nicht fehlerfrei zeigten. Und auch Obermacho Philipp Plein entschuldigte sich bei Tamara für seine Worte.

Wirklich ein Statement gesetzt hat am Ende aber nur Lijana selbst: Sie stieg nach einer emotionalen Rede freiwillig aus. Und hat deutlich gemacht, wie schlecht es ihr wegen der Show ging. Dass sie nach dem Ausstieg immer wieder betonte, wie glücklich sie nun sei und was für eine Last von ihr gefallen sei, zeigt doch nur, was die Teilnahme an so einer Sendung verursachen kann. In Simone Kowalksi hat sie nun eine Gleichgesinnte gefunden, mit der sie sich austauschen kann.

Lijanas Worte nach ihrem Ausstieg könnten treffender nicht sein: "Mein Traum ist es nicht mehr 'Germanys next Topmodel' zu werden. Ich will Menschen helfen, Menschen Mut machen, die das gleiche Schicksal wie ich haben und ihnen zeigen: Nur DU bestimmst deinen Wert." Damit hat die 24-Jährige jetzt schon vielmehr gewonnen als mit einem Vertrag bei ONEeins. 

In Zukunft sollte sich der Sender also überlegen, wie weit er bei Shows wie "Germany's next Topmodel" gehen wird, um für Unterhaltung zu sorgen. Und er sollte sich immer wieder klarmachen, dass man bitte auch ununterbrochen Respekt zeigen sollte – und nicht erst im Nachhinein.