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TV-Partner von Harald Schmidt Er erhob hemmungslosen Blödsinn zu Kunst: Herbert Feuerstein ist tot

Herbert Feuerstein
Herbert Feuerstein im Oktober 2009 als Teufel bei einer Fotoprobe für das Theaterstück "Jedermann" im Berliner Dom
© Jens Kalaene / DPA
Als "Prügelknabe" von Harald Schmidt wurde er zur Kultfigur: Der Kabarettist Herbert Feuerstein brachte TV-Zuschauer zum Lachen - und nahm sich dabei auch nie selbst zu ernst. Jetzt ist der Österreicher im Alter von 83 Jahren gestorben.

Kleine Männer sind erstmal im Nachteil. Vor allem wenn sie an ganz große Egos geraten. Herbert Feuerstein (1,65 Meter) war von 1990 bis 1994 der Dauer-Prügelknabe von Harald Schmidt, der ganze 29 Zentimeter größer war als er und sich immer schon für den Allergrößten hielt. In "Schmidteinander" waren für den späteren Late-Night-Talker die Pointen und die Lacher reserviert. Feuerstein war der ewige Sidekick, der immer eins draufbekam.

Am Dienstag starb er im Alter von 83 Jahren in Erftstadt bei Köln, wie sein Haussender WDR am Mittwoch unter Berufung auf Feuersteins Ehefrau mitteilte. WDR-Intendant Tom Buhrow würdigte den "klugen Humor, seine herrliche Albernheit, den intelligent durchdachten Anarchismus" Feuersteins.

Die Gegensätzlichkeit des Duos Schmidt/Feuerstein machte wohl einen großen Teil seines Erfolgs aus. Hier der für seine Schlagfertigkeit und Bosheit gleichermaßen bekannte Zyniker Schmidt, dort der verschmitzte Feuerstein, der sich stets in Bescheidenheit übte und versicherte, er sei selbst kein Fan von sich selbst: "Ich kann mich nicht sonderlich leiden."

Gleichwohl – oder gerade deshalb – bekam Feuerstein mehr Fanpost. Die Leute identifizierten sich mit dem Underdog. Außerdem – so berichtete er einmal in einem Interview – profitierte er von Schmidts Trägheit: "Schmidt wurde relativ schnell faul und ließ mich alles schreiben, dadurch konnte ich die Inhalte an mich ziehen."

Der Humorist Feuerstein, geboren im österreichischen Zell am See, hatte nach eigener Aussage eine alles andere als spaßige Jugend. Sein Vater war – und blieb – ein strammer Nazi, die Mutter wünschte sich immer bloß, dass er doch mal normal werden möge. Um dieser engen Welt zu entfliehen, begann er ein Musikstudium, das 1959 wegen Beleidigung des Hochschulpräsidenten mit seinem Rauswurf endete.

Herbert Feuerstein erfand Comic-Vokabeln wie "Hechel", "Ächz" und "Würg"

Der Liebe wegen verschlug es ihn nach New York, wo er als Korrespondent arbeitete. Zurück in der Alten Welt, wurde er 1973 Chefredakteur der deutschen Ausgabe der Satire-Zeitschrift "MAD" und steigerte die Auflage von 10.000 auf 400.000. Er gilt als Erfinder wegweisender Comic-Vokabeln wie "Hechel", "Ächz" und "Würg". So wirkte Feuerstein als "Entwickler höheren Blödsinns" lange still im Verborgenen. Bis zu seinem Ausstieg 1992 wurden fünf Millionen Bücher und 50 Millionen "MAD"-Hefte verkauft. Und Feuerstein wurde mit diesem trashigen Humor ein reicher Mann, weil er sich eine Umsatzbeteiligung ausgehandelt hatte.

Nebenbei begann er fürs Fernsehen zu schreiben und bekam in den 80ern seine erste WDR-Show "Wild am Sonntag" (ARD), die allerdings noch kein Erfolg war. Danach saß er im Rateteam der von Harald Schmidt moderierten Spielshow "Pssst...", und dann kam der große Durchbruch mit "Schmidteinander". 1994 erhielt Feuerstein einen Bambi für seine "anarchistische Originalität" und den "hemmungslosen Mut zum Chaos". Kurz danach wurde die Sendung eingestellt – Schmidt hatte die Lust daran verloren. Feuerstein soll übrigens der erste gewesen sein, der seine Karriere als Late-Night-Talker voraussah: "Als ich Schmidt kennenlernte, wusste ich sofort: Das ist der deutsche David Letterman."

Dem nunmehr prominenten Feuerstein boten sich viele Möglichkeiten zum Weitermachen, und er nutzte sie weidlich. Er trat in Operetten und Theaterstücken auf, wurde Ratefuchs in der Wiederauflage von "Was bin ich?" und Reporter für die ARD-Reihe "Feuersteins Reisen". Außerdem schrieb er Bücher.

"Ich möchte meine Ruhe haben", sagte Feuerstein zu seinem 80. Geburtstag

Als Feuerstein 2017 seinen 80. Geburtstag feierte, wünschte ihm Schmidt "ewiges Leben". Das klang nett, war aber auch eine kleine Spitze des praktizierenden Katholiken gegen den "total gläubigen Atheisten", der Feuerstein war. Schmidts Begründung: "Strafe muss sein."

Um Feuerstein selbst war es schon vor einigen Jahren still geworden. "Ich möchte meine Ruhe haben", sagte er vor seinem 80. Geburtstag der "Süddeutschen Zeitung" zu seinen nicht mehr vorhandenen Zukunftsplänen. Damit dürfte eine zum 80. Geburtstag von ihm erstellte Radiosendung einer seiner letzten Geistesblitze gewesen sein. "Schöner erben" nannte er die Sendung hintersinnig.

"Der Tod ist mein Freund und Begleiter, der steht immer hinter mir", sagte Feuerstein in einem Interview mit dem Magazin "Cicero". Manchmal meine er, schon längst tot zu sein, seit 40 Jahren oder so. Ein Irrtum, zum Glück – nachdem im vergangenen Jahr das "MAD"-Magazin endgültig eingestellt wurde, überlebte Feuerstein sogar die Titelfigur der Zeitschrift, Alfred E. Neumann.

jum; Christoph Driessen/DPA; Ralf Isermann/AFP

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