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"Unser Lied für Lissabon" Hot oder Schrott? Das taugen die Songs im ESC-Vorentscheid

Die Kandidaten für den ESC-Vorentscheid 2018
Die Kandidaten für den ESC-Vorentscheid 2018: Natia Todua, voXXclub, Michael Schulte (oben, v.l.), Ryk, Xavier Darcy und Ivy Quainoo.
© ARD
Lederhosen-Volksmusik, Gitarrenpop und Balladen-Herzschmerz: Sechs Teilnehmer treten mit sechs ganz unterschiedlichen Songs beim ESC-Vorentscheid "Unser Lied für Lissabon" an. Hat Deutschland damit eine Chance? Alle Beiträge im stern-Check.

Einen "radikalen Neuanfang" verspricht der NDR für den diesjährigen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Vier Monate lang wurde geplant, Song-Workshops veranstaltet, mithilfe eines komplizierten Auswahlverfahrens sechs Teilnehmer gefunden und an den Liedern gefeilt.  Am Donnerstagabend muss der Sender liefern. Dann findet die Show "Unser Lied für Lissabon" in Berlin statt.

Nach den schlechten Platzierungen in den Vorjahren sollen Zuschauer und Jurys einen Song wählen, mit dem Deutschland beim ESC-Finale am 12. Mai in der portugiesischen Hauptstadt zumindest eine Chance auf eine Top-13-Platzierung hat ("die linke Hälfte der Ergebnistabelle", wie der NDR das Ziel definiert). Doch was taugen die von den Kandidaten Xavier Darcy, Ryk (Rick Jurthe), Ivy Quainoo, Michael Schulte, Natia Todua und der Band voXXclub vorgetragenen Lieder? Der stern hat vorab reingehört. Alle Songs im ESC-Check.

voXXclub mit "I mog Di so"

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"Yodel it" hieß der Song, der beim ESC 2017 auf dem siebten Platz landete. Rumänien war mit einer Volksmusik-Popnummer erfolgreich. In eine ähnliche Richtung geht auch die Münchner Band voXXclub. Ihren Stil nennen sie "neue Volksmusik" und erinnern damit an im deutschsprachigen Raum erfolgreiche Künstler wie Andreas Gabalier oder Florian Silbereisen. "I mog Di so" ist eine typische Nummer zum Mitgrölen und mitklatschen. Einige finden's peinlich, andere originell. Der Song polarisiert - und erfüllt damit in Lissabon eine wichtige Aufgabe: Er gerät auf keinen Fall in Vergessenheit. Doch ob Volksmusik den internationalen Musikgeschmack trifft?

Erinnert an: Volks-Rock'n'Roll von Andreas Gabalier

Wiedererkennungswert: In Lederhosen tritt beim ESC nicht jeder an.

stern-Wertung: Der Song macht Spaß. Gewinnen werden wir den ESC 2018 ohnehin nicht, also warum nicht etwas schicken, das wenigstens in Erinnerung bleibt.

Ivy Quainoo mit "House On Fire"

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2012 gewann sie die erste Staffel von "The Voice of Germany". Beim ESC 2018 möchte Ivy Quainoo ein Comeback starten. Ihr Song heißt "House On Fire" und ist eine von Schlagzeugrhythmen getragene Popballade, die nicht so recht zündet. Ohne erkennbaren Höhepunkt plätschert sie vor sich hin. Leider können auch Quainoos stimmliche Qualitäten dieses Lied nicht retten. In Lissabon ein sicherer Kandidat für den letzten Platz. Schade.

Erinnert an: Jamie-Lee Kriewitz mit "Ghost" (letzter Platz beim ESC 2016 in Stockholm)

Wiedererkennungswert: Kein Refrain, kein Gänsehaut-Moment - von diesem Lied bleibt gar nichts hängen.

stern-Wertung: "House On Fire" ist kommerzielle Massenpopware. Wer soll dafür beim ESC anrufen?

Ryk mit "You and I"

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Ryk (der eigentlich Rick Jurthe heißt) muss am Donnerstag ein kleines Kunststück vollbringen. Nur wenn er die Zuschauer verzaubert, hat seine zerbrechliche Ballade eine Chance. Sein Song "You and I" polarisiert. Für die einen ist es langweilige Fahrstuhlmusik, für die anderen ein kleines Kunstwerk. Der 28-jährige Sänger lehnte es ab, beim deutschen Vorentscheid mit einem gefälligeren Lied anzutreten und setzte sich durch. Die Ballade mit den orchestralen Elementen lebt von den Emotionen des Sängers und der Inszenierung auf der Bühne. ESC-Vorjahressieger Salvador Sobral hat vorgemacht, wie so etwas funktioniert. Aber schafft Ryk das auch?

Erinnert an: Songs von Jeff Buckley

Wiedererkennungswert: Es passiert sehr wenig, könnte in Lissabon untergehen

stern-Wertung: Risiko! Dieser Song ist kompliziert. Vermutlich zu kompliziert für den ESC.

Natia Todua mit "My Own Way"

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Noch eine "The Voice"-Siegerin tritt in diesem Jahr beim deutschen Vorentscheid an: Doch Natia Todua präsentiert eine ähnlich blasse Popnummer wie Kollegin Ivy Quainoo. "My Own Way" klingt mit Streichern und Trommelrhythmus nett und leichtgängig, bleibt aber leider in keiner Weise in Erinnerung. Einzig Toduas Stimme im quetschigen Anastacia-Stil versprüht ein bisschen Wiedererkennungswert. Denkbar schlechte Voraussetzungen für einen ESC-Song.

Erinnert an: "Perfect Life", den deutschen Beitrag aus dem vergangenen Jahr. Wie der beim europäischen Publikum ankam, wissen wir inzwischen - gar nicht.

Wiedererkennungswert: Frei nach Loriot: Klingt alles irgendwie wie das Erste. Falsch, wie das Zweite.

stern-Wertung: Deutsches Mittelmaß. Das ist kein Hit, schon gar keiner für den ESC.

Michael Schulte mit "You Let Me Walk Alone"

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Berührend oder langweilig? Das ist bei Michael Schulte und "You Let Me Walk Alone" die Frage. Der 27-jährige Youtube-Star und Dritter der ersten "The Voice"-Staffel singt über seinen vor 13 Jahren verstorbenen Vater. Ein emotionales Lied. Dem Sänger ist auf der Bühne anzumerken, dass ihn das Thema bewegt - und das ist gut. Verdammt gut! Bei der Show am Donnerstag werden im Hintergrund Fotos von Menschen mit ihren inzwischen verstorbenen Vätern zu sehen sein. Das könnte viele Zuschauer zu Tränen rühren, doch der Grad zur emotionalen Überdosis ist schmal. 

Erinnert an: Ed Sheeran (nicht nur wegen der Haarfarbe)

Wiedererkennungswert: Der Sänger ist eine Type, die Inszenierung wirkt. Damit könnte Deutschland punkten.

stern-Wertung: Könnte international besser ankommen als Lederhosen-Volksmusik. Schulte berührt und ist authentisch - keine schlechte Voraussetzung für einen ESC-Hit.

Xavier Darcy mit "Jonah"

Erinnern Sie sich noch an die Titelmelodie von "Bonanza"? Dann werden Sie den  Rhythmus bei "Jonah" von Xavier Darcy sofort wiedererkennen. In der Gitarren-Folknummer galoppiert der Sänger mit den langen Haaren mit uns durch die Geschichte einer verflossenen Liebe. Der Uptempo-Song hebt sich von den restlichen Titeln im Wettbewerb ab und wird die Zuschauer ansprechen, die nicht auf Balladen stehen. 

Erinnert an: "Bonanza" mit Paddy Kelly

Wiedererkennungswert: Darcys raue Stimm polarisiert.

stern-Wertung: Der größte Vorteil des Titels: Der Refrain kann sofort mitgegrölt werden. Doch am Ende wird das beim ESC nicht reichen.

Fazit:

Die Bandbreite an Songs bei "Unser Lied für Lissabon" ist groß. Doch es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass ein großer Hit nicht dabei ist. Ein Charterfolg ist eben nicht planbar - genau das versuchte der NDR mit seinem Konzept. Ob Deutschland hinter seiner Wahl und seinem Künstler steht, bleibt damit fraglich. Doch das ist entscheidend für das Abschneiden in Lissabon. Die von Stefan Raab oft beschworene "nationalen Aufgabe" droht erneut zu scheitern. Mit Michael Schulte oder voXXclub hat Deutschland immerhin die Wahl zwischen zwei Beiträgen, denen im Finale am 12. Mai nicht das gleiche Schicksal droht wie Ann Sophie, Jamie-Lee oder Levina: der Untergang.


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