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Kritik "The Voice of Germany" Die Anti-Bohlens


Es gibt keinen Krawallmacher. Das macht den Reiz von "The Voice of Germany" aus - und könnte die Casting-Show auf Dauer etwas bieder wirken lassen. In der zweiten Folge gab es dennoch große Kunst.
Von Ina Linden

Komm, wir battlen mal ein bisschen", sagt "The BossHoss"-Sänger Alec Völkel und drückt beherzt auf den Buzzer. Kurz zuvor hatte bereits Mitjuror Xavier Naidoo zugeschlagen und die 18-Jährige Daliah damit in die nächste Runde geholt. Mit ihrer ruhigen Interpretation von Adeles "One and Only" hatte die Sängerin Soulexperte Naidoo sofort für sich gewonnen, die Countryrocker Völkel und Sascha Vollmer ließen sich hingegen etwas mehr Zeit, schauten sich stirnrunzelnd an, zögerten.

Die Reaktion ist nicht verwunderlich, hatten TheHoss Boss sich doch einige Kandidaten vor Daliah für die kantige Motorradbraut und Rockröhre Giulia entschieden. Aber egal, schließlich geht es - abgesehen von der Stimme und den individuellen Vorlieben der Juroren- bei "The Voice of Germany" um Wettkampf. Und den tragen nicht nur die Sänger untereinander aus, sondern auch das Juryteam aus Xavier Naido, The HossBoss, Reamonn-Frontmann Rea Garvey und 80iger-Jahre-Ikone Nena. Schließlich dürfen die von mehreren Musikern favorisierten Kandidaten selbst wählen, von wem sie sich in den nächsten Sendungen weiterbilden lassen wollen. Die ausstrahlenden Sender Pro7 und Sat.1 hatten in den letzten Wochen die Trommel für die zweite Staffel der Castingshow auch damit gerührt, es werde "noch mehr gebattlet".

Kuscheln statt Kampf

Doch auch in der zweiten Folge dominierte das Kuschelklima, auch wenn sich die Coaches immer wieder Streitversuche lieferten. So ging Daliah zwar relativ widerstandslos an Rivalen Naidoo, dafür erhöhten The Boss Hoss im Ringen um die 35-jährige Freaky T. die Schmerzgrenze, als sie mit "er ist ein sehr guter Sänger, aber kein guter Coach" geradezu um die Gunst der Frau mit dem Erikah-Badu-Style bettelten. Doch bevor es richtig fies werden konnte, nahte auch schon Friedensengel Nena und rief die Countryrüpel mit einem "Ne, da muss ich widersprechen, ich würde zu Xavier gehen", zur Räson. Ansonsten beschränkten sich die Battles auf verbales Sich-in-die-Seite-Puffen, was auch dadurch erschwert wurde, dass die Coaches immer mal wieder schmusten oder sich TheBoss-Hoss-Alec Völkel spontan zu Rea Garvey auf den Stuhl kuschelte.

Die Quote spricht Bände - es ist ein klares Plus der Sendung, dass sie im Gegensatz zu Formaten wie "Deutschland sucht den Superstar" mit Krawallmaschine Dieter Bohlen auf verbale Tiefstschläge verzichtet. Mit der Sendung am Freitag wurde der Bestwert der ersten Staffel noch übertroffen - 3,49 Millionen Zuschauer sahen die Sendung. Auch passen Reibereien unter den Coaches schlecht mit den Kuschelzenen zusammen, die sich zwischen Kandidat und Familie sowie Kandidat und Coaches wie ein rosarotes Endloswölkchen durch die gut zwei Stunden Sendung ziehen. Ein bisschen mehr Biss ist dem harmoniegeschwängerten Format jedoch zu wünschen. So ist Nena derart aufs Liebhaben programmiert, dass sie dem 31-Jährigen Tom gleich zweimal ein enthusiastisches "Du bist super!" entgegenruft, nur um ihm anschließend zu bescheinigen, dass irgendwas "nicht richtig bei Dir rollt." Toms ungläubiges Stirnrunzeln sprach dann auch Bände – und der Rocker zeigte sich im Gegensatz zu den sich artig bedankenden anderen Verlieren geradezu rebellisch.

Die Jury langweilt - die Kandidaten überzeugen

Gut, dass die meisten Kandidaten den süßlichen Grundton mit ihrer Musik ordentlich übertönten. Mit der 27-jährigen Souldiva Michelle und der Niederländerin Aisato mit "Nothing is real but love" hat die zweite Folge der "Blind Auditions" - die Sänger performen, ohne dass die Coaches sie sehen können - zwei stimmgewaltige Talente präsentiert, die allein mit ihrer Leidenschaft und viel Individualität schon einen Grund zum weiteren Einschalten liefern. Auch der Amerikaner Michael überzeugte mit einer gefühlvollen und exzellent intonierten Version von Ed Sheerans "Lego House".

Die Mischung der Kandidaten ist in der zweiten Folge gelungen. Neben Schmusestimmen wie der des Modelagenten Omid glänzten auch noch Rockerin Giulia und Singer-Songwriterin Eva Croissant. Die Frau, die sich niemals Gedanken um einen Künstlernamen machen muss, durfte nach einem dünnen "Auf dem Weg", für das sich Nena erwärmte ("Ich mag es, wie Du Deutsch singst") als einzige der Kandidaten einen selbstgeschriebenen Song vortragen. Stimmlich und emotional um Klassen besser, macht ihr Auftritt vor allem Lust auf kommende Folgen. Auf in die nächste Runde.


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