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Kritik zu "Anne Will": Fußballtalk statt Pseudo-Politik

Stammtisch-Atmosphäre kam auf bei Anne Wills Thema "Was regiert die Fußballwelt". Komiker Serdar Somuncu hatte es vor allem auf den FC Bayern abgesehen und beschimpfte den Rekordmeister.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Hätte nur noch gefehlt, dass man Weißbier serviert. Als gestern bei Anne Will über das Thema "Geld oder Leidenschaft – was regiert die Fußballwelt" debattiert wurde, war so viel Stammtisch-Atmosphäre da wie selten. Das kumpelige Du die gebräuchliche Anredeform. Man war ja unter sich, unter Fußball-Begeisterten. Und deshalb auch erstmal damit beschäftigt, den Sieg des FC Bayern zu verarbeiten – nur wenige Minuten vorher hatte es den Schlusspfiff für das Spiel gegen Borussia Dortmund gegeben. Fast einhellige Freude über das Penalty-Glück der Rot-Weißen, nur Serdar Somuncu hatte Tränen in den Augen. Und ließ keinen Zweifel daran, was er von dem süddeutschen Verein hielt, nannte ihn "künstlich", "seelenlos" und Präsident Uli Hoeneß einen "Versager". Trainer-Legende Udo Lattek konterte entschieden: "Wenn ich krank wäre, würde der Uli mit dem Hubschrauber kommen und mich ins Krankenhaus fliegen." Und die vielen Bayern-Fans, die in Trikot und mit Schal im Publikum saßen, grölten heftig gegen Somuncus Hoeneß-Bashing. Wie es halt so ist. "Man hasst sich leidenschaftlich“, so Somuncu.

"Wir sind doch alle korrupt"

Wenigstens das. Leidenschaftliche Fans, doch wie steht es um das Leidenschaftlichkeits-Niveau der Spieler? Wollen die nicht einfach nur ihre Performance auf dem Rasen absolvieren und dafür möglichst viel Zaster kassieren? Ein gängiger Vorwurf. Aber Blödsinn, wie Waldemar "Waldi" Hartmann befand. "Ich kenne keinen, der ohne große Leidenschaft ist", so der legendäre Sportreporter. Kollegin Esther Sedlaczek verteidigte die astronomisch hohen Summen, die Fußballer müssten dem Verein schließlich Tag und Nacht zur Verfügung stehen und stünden außerdem unter einem hohen psychischen Druck. Linken-Politiker Dieter Dehm hingegen kritisierte freilich: "Es geht zu sehr ums Geld." Und stellte die Frage nach der Honorargrenze: "Muss es denn immer mehr sein?" Den Spielern könne man das doch nicht zum Vorwurf machen, wandte Torwart-Legende Toni Schumacher ein, denn verantwortlich sei das "schlechte System". Und überhaupt, wer würde nicht das Doppelte nehmen, wenn es der Arbeitgeber anbiete. Dem stimmte auch Waldi Hartmann zu: "Wir sind doch alle korrupt."

"Früher war alles besser"

Schnell war man sich in der Runde einig, dass – Achtung, Plattitüde – "früher alles besser war". Fußballer wären noch zufrieden gewesen, wenn sie für ein Spiel ein Mittagessen bekommen hätten, das allerdings in den Jahren nach Kriegsende. Also ziemlich lange her. Auch die Ursprünge des Fußballs, und daran erinnerte Somuncu, hatten mit Glanz und Glamour herzlich wenig zu tun. "Das war ein Sport der Arbeiterklasse, es spielten die Ärmsten der Armen", so der Kabarettist. Der Zusammenhalt sei aus einer gewachsenen Struktur entstanden, das "Elf-Freunde-Müsst-Ihr-Sein" noch nicht inszeniert. Tempi passati. Spieler würden, so der Kabarettist vorwurfsvoll, nicht mehr aus einer lokalpatriotischen Kultur heraus aufgebaut, sondern die Besten den Vereinen weggekauft. So entstünde wie beim FC-Bayern ein "generierter Club", eine "Retorte". Eine alarmisierende Entwicklung, so sah es auch Dehm. Insbesondere die Amateurvereine seien bedroht, wenn es so weitergehe, gingen sie kaputt.

Die einzige Frau meldet sich kaum zu Wort

Nicht die einzigen Schattenseiten des Fußballs. Man denke unter anderem an die Schicksale von Sebastian Deisler, Jahrhunderttalent, das wegen Depressionen ausfiel und an den Suizid von Torhüter Robert Enke. Auch die Zuschauer, so Dehm, müssten Verantwortung übernehmen, um den Druck auf die Spieler nicht weiter zu erhöhen. Man müsse wieder lernen, mehr zufrieden zu sein und nicht immer mehr wollen. Der Ruf nach "Leistung, Leistung, Leistung" solle aufhören. Wenig sensibel kommentierte Sedlaczek, einzige Frau in der Runde und sich ohnehin kaum zu Wort meldend, die Spieler-Tragödien. "Das ist natürlich traurig", meinte die 26-Jährige lapidar. Doch im Verhältnis seien das "nur wenige Fälle."

Anne Will fühlte sich, wie es schien, mit ihren Gästen so wohl wie selten. Eine Lässigkeit, die der Sendung gut tat. Endlich ein Talk, der nicht mehr sein wollte als er ist. Denn die Probleme der Welt wurden, wen wundert´s, noch nie in Talkshows gelöst. Also besser gleich mal die ernsten Gesichter weglassen. Stattdessen ein bisschen Stammtischgeplauder, alles schon mal gehört, aber wenigstens hat es Spaß gemacht. Feel-Good-Talk statt Pseudo-Politik. Was vor allem dann geht, wenn die Gäste sich selbst nicht so wichtig nehmen. Unkompliziertheit und Direktheit bringen Punkte. Waldi Hartmann allen voran, der an ungeschnörkelten Kommentaren nicht sparte: "Anne, nicht die Augenbrauen hochziehen." Und Anne? Anne lachte.

  • Sylvie-Sophie Schindler