HOME

ZDF-Zweiteiler "Landgericht": Bei diesem Zweiteiler werden Sie sprachlos vorm Fernseher sitzen

Großes Kino im ZDF: Der Zweiteiler "Landgericht" ist eine bewegende Familiengeschichte und thematisiert ungesühnte Verbrechen der NS-Juristen, die in der jungen BRD schnell Karriere machten.

ZDF-Zweiteiler "Landgericht - Geschichte einer Familie"

Richard (Ronald Zehrfeld) und Claire Kornitzer (Johanna Wokalek) sind entschlossen, ihre Kinder Georg (Moritz Hoyer) und Selma (Lisa Marie Trense) in Sicherheit zu bringen. Szene aus dem ZDF-Zweiteiler "Landgericht - Geschichte einer Familie"

Eine Familie. Claire und Richard Kornitzer. Sie haben zwei Kinder, Georg und Selma, acht und fünf Jahre alt. Eine Familie, nicht ohne Probleme, aber grundsätzlich glücklich. So sehen wir sie am Anfang des TV-Zweiteilers "Landgericht". Das Glück weicht schnell dem Grauen. Berlin, 1938. Richard ist Jude, Claire "arisch". Der Terror wird allgegenwärtig, die Hetze zur systematischen Verfolgung. Richard darf seinen Beruf als Richter nicht mehr ausüben. Dann kommt die Reichspogromnacht. So fängt es an - das Ende dieser Familie. Schweren Herzens entschließen sich Claire und Richard, ihre Kinder nach England zu schicken. Eine Hilfsorganisation bringt sie zu Pflegeeltern. Die Eltern jedoch dürfen das Land nicht verlassen. Am Bahnhof heißt es Abschied nehmen. Johanna Wokalek und Ronald Zehrfeld spielen diese Eltern mit beeindruckender Intensität. Wie muss sich das anfühlen? Die Kinder allein in die Fremde zu schicken? Zurückzubleiben in der Nazi-Diktatur? An einem kalten Morgen in Berlin?

Man kann es an den Gesichtern der Schauspieler sehen. An ihrer Körpersprache. Den wenigen Worten. Alles bleibt leise, bedrückend. "Landgericht" verzichtet auf Theatralik. Es ist das Verdienst des Regisseurs Matthias Glasner, dass er seinen Schauspielern vertraute und ihnen den Raum gab, sich behutsam in ihre Rollen hineinzufühlen. Johanna Wokalek und Ronald Zehrfeld lieferten am Ende die wohl beste Leistung ihrer bisherigen Karriere ab.

Nur Wochen nach dem Abschied von den Kindern muss auch Richard Berlin verlassen, um sein Leben zu retten. Er erhält ein Visum für Kuba; Claire bleibt allein zurück. Eine Scheidung kommt für sie nicht infrage. Und so wird auch sie zum Freiwild für die Täter. "Es hat mich zutiefst berührt, wie diese Frau unerbittlich an der Hoffnung festhält, dass alles wieder gut wird. Und damit total scheitert", sagt Johanna Wokalek. Claire überlebt. Aber als der Krieg endlich zu Ende ist, findet sie keinen Zugang mehr zu ihren Kindern, für die sie eine Fremde geworden ist. Auch Richard kommt als schweigender Fremder zurück. Und der jüdische Jurist wird zum zweiten Mal Opfer. Die NS-Juristen geben sich jetzt als gute bundesdeutsche Demokraten und entnazifizieren sich gegenseitig. Richard Kornitzer darf wieder als Richter arbeiten, bleibt aber ein Außenseiter, ein Opfer, das stört, ein fleischgewordener Vorwurf, den man nicht um sich haben will.

"Landgericht" zeigt, wie Unrecht und Willkür Menschen zerstören

"Landgericht" ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ursula Krechel. 2012 erhielt die Schriftstellerin für ihr Werk den Deutschen Buchpreis. Wie unter einem Brennglas ist hier alles zu finden, was unser Land bis heute beschäftigt. Der Terror, die Schuld, die Ohnmacht der Opfer - und ein dunkles Kapitel, das bis heute nie richtig aufgearbeitet wurde: die größtenteils ungesühnten Verbrechen der NS-Juristen und ihr geschmeidiges Hinübergleiten in die Gerichte der Bundesrepublik.

Der Jurist und Autor Ingo Müller hat die Verstrickung zahlloser Kollegen in die NS-Justiz in seinem Buch "Furchtbare Juristen" detailliert beschrieben und zeigt, wie aus willfährigen Tätern sehr schnell "lupenreine" Demokraten wurden. Der junge westdeutsche Staat ließ sie meist unbehelligt. Selbst die Richter des gefürchteten Volksgerichtshofs unter Roland Freisler kamen bis auf wenige Ausnahmen ungeschoren davon. Wie auch viele Kriegsrichter, die Todesurteile aussprachen und vollstrecken ließen.

"Wohl keine Berufsgruppe", schreibt Müller, "ist aus der Nazi-Zeit mit derart gutem Gewissen hervorgegangen wie die Juristenschaft." Der Fall des ehemaligen Marinerichters und späteren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, der an vier Todesurteilen beteiligt war und 1978 zurücktreten musste, ist eher die Ausnahme.

Auch "Landgericht" beruht auf einer wahren Geschichte. Krechel recherchierte für ihr Werk das Schicksal des jüdischen Richters Robert Bernd Michaelis, der 1939 nach Shanghai flüchtete, nachdem er und seine Frau ihre beiden Kinder im Rahmen von Kindertransporten nach England geschickt hatten. Nach dem Krieg arbeitete Michaelis wieder als Richter in Mainz. Doch Verachtung und Missgunst seiner Kollegen, die unbehelligt aus der Nazi-Justiz in die bundesrepublikanische Rechtsprechung wechselten, machten ihm das Leben schwer. Mit 54 Jahren ging Michaelis desillusioniert in den vorzeitigen Ruhestand.

Matthias Glasner und seine Drehbuchautorin Heide Schwochow schaffen es, diese nochmalige berufliche Vernichtung des jüdischen Richters in wenigen Szenen eindrucksvoll darzustellen. Die Täter von gestern verzeihen dem Opfer nicht, dass es wiedergekommen ist und sein Recht einfordert. So ist "Landgericht" nicht nur Familiengeschichte, sondern auch gelungene Geschichtsstunde.

Der Film zeigt eindringlich, wie Unrecht und Willkür Menschen zerstören. Überleben - das reicht nicht. Das Unrecht wirkt nach, frisst sich in die Seelen und zersetzt sie. Claire und Richard scheitern privat und gesellschaftlich. Sie werden Opfer ihrer Zeit und ihrer selbst. Warum man sich so etwas Trauriges ansehen sollte? Weil diese Geschichte mit solch emotionaler Wucht erzählt wird, dass man sprachlos vor dem Fernseher sitzt. Ein großes, unbequemes Werk, das lange nachwirkt.

"Landgericht - Geschichte einer Familie", ZDF, 30. 1. und 1. 2. jeweils um 20.15 Uhr