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Mai Think X Mai Thi über Atomkraft-Debatte: "Nur Ablenkung vom big elefant in the room – dem Verpennen der Energiewende"

Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim
Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim spricht in ihrem Format "Mai Think X" auf ZDF Neo aus wissenschaftlicher Sicht über die brennenden Themen unserer Zeit.
© Imago Images
Atomkraft – ja bitte oder nein danke? Diese Frage nimmt sich Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim in der aktuellen Folge von "Mai Think X" vor. Vor allem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kommt dabei nicht allzu gut weg. 

"Heute geht es um ein Thema, das häufiger auf Comeback-Tour ist als die Rolling Stones." Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat am Sonntagabend in ihrem Format "Mai Think X" auf ZDF Neo mal wieder ein brisantes Thema aufgegriffen: die Atomkraft. Im Fokus der 30-minütigen Sendung stand die Frage: "Atomkraft – ja, bitte!" oder "Atomkraft – nein, danke!"?

Der Anlass für den wissenschaftlichen Blick auf die Atomkraft: Die immer wieder aufkommende Debatte um die Zukunft der Kernkraft. Mai Thi Nguyen-Kim nennt als Beispiel eine aktuelle Umfrage, laut der 78 Prozent der Deutschen angesichts der Energiekrise für eine Laufzeitverlängerung der drei übrigen Atomkraftwerke in Deutschland stimmen, während 41 Prozent der Befragten sogar den Bau neuer AKW begrüßen würden.

Atomkraft spaltet nicht nur Kerne

Aber nicht nur bei den Bürgern habe das Thema Spaltungspotenzial, stellt die Chemikerin fest: "Selbst bei den Grünen ist die knappe Mehrheit für Atomkraft – sie spaltet also nicht nur Kerne, sondern auch Parteien." Möglich mache das die aktuelle Weltlage. Die Abhängigkeit von Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem Gas und die damit verbundene Energiekrise sorgen dafür, dass Deutschland im Hinblick auf die Energieversorgung umdenken muss.

Aber was passiert eigentlich, wenn wir das fehlende Gas nicht kompensieren können? Mai Thi Nguyen-Kim fasst die bisherigen Erkenntnisse aus dem Stresstest der Bundesregierung so zusammen: "Im schlimmsten Fall wird es ziemlich schlimm."

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat deshalb einen Notfallplan ausgetüftelt: Die zwei Kernkraftwerke in Süddeutschland sollen auf Reserve weiterlaufen, damit man sie im Ernstfall wieder in Betrieb nehmen kann. Ob das eine gute Idee ist?

Die Geschichte der Atomkraft im Schnelldurchlauf

Bevor die Wissenschaftsjournalistin sich Habecks Plan einmal genauer vornimmt, gibt es einen kleinen Geschichtsexkurs von Dr. Insa Thiele-Eich, Meteorologin und (F)Astronautin: Im Jahr 1960 wurde das erste Atomkraftwerk in Deutschland gebaut. Damals galt Atomenergie als sauber, sicher und günstig. In den 70er Jahren folgten durch die Ölkrise weitere AKW in ganz Deutschland. Im Jahr 1986 dann der Supergau in Tschernobyl. 2001 beschließt die Regierung Schröder den Ausstieg aus der Atomenergie.

Im Jahr 2010 rudert Kanzlerin Angela Merkel dann zurück: Wegen der Energiekrise wird der Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Ein Jahr später, durch den Supergau in Fukushima, folgt dann der Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg. Der Plan: Das letzte AKW soll bis Ende 2022 vom Netz genommen werden. Jedenfalls bis der Ukraine-Krieg alles auf Null gestellt hat. Jetzt geht die Debatte wieder von vorne los. Berechtigte Frage von Thiele-Eich: "Wer soll da noch durchblicken?"

Das Chaos rund um die Atomkraft-Debatte wird noch einmal deutlicher, als Mai Thi Nguyen-Kim die Argumente für und gegen den Weiterbetrieb der AKW ausführt. Auf der einen Seite gelte Atomkraft als klimafreundlicher, weil bei der Produktion weniger CO2 ausgestoßen wird, als bei anderen Verfahren. Andererseits wissen wir noch immer nicht, was wir eigentlich mit dem ganzen Atommüll anstellen sollen.

Mai Thi Nguyễn-Kim über den Notfallplan von Robert Habeck

Mai Thi Nguyen-Kim erklärt, warum gerade das ein großes Problem darstellt: "Es dauert etwa eine Million Jahre, bis Atommüll abgebaut wird." Zum Vergleich: Homosapiens gibt es erst seit etwa 300.000 Jahren. Dreimal die Zeit, in der aus Höhlenmenschen unsere Zivilisation wurde plus 100.000 Jahre, dauert es also, bis der Atommüll, den wir heute produzieren, verschwindet.

Mit dem Atommüll werden also noch etliche Generationen zu tun haben. Allerdings gibt es das Problem bereits jetzt. Ist Robert Habecks Plan, die AKW in Deutschland auf Reserve weiter laufen zu lassen, statt den Betrieb um wenige Monate zu verlängern, also ein guter? Für Mai Thi Nguyen-Kim ist die Antwort klar: Nein! "Habecks Kompromiss ist aus technischer Sicht nicht klug."

Der Grund: Das Herunter-und wieder Hochfahren von Kernkraftwerken ist für die Betreiber nicht einschätzbar. Aber der Wirtschaftsminister will trotzdem lieber abwarten, was im Dezember passiert und dann reagieren. Für Mai Thi Nguyen-Kim die falsche Reihenfolge: "Zur Politik gehört eben auch, Entscheidungen über die Zukunft zu treffen, ohne diese zu kennen."

Mai Thi Nguyễn-Kim fordert klare Entscheidung für oder gegen Atomkraft

Aber wäre es dann nicht sogar vielleicht klüger, die Atomkraftwerke auszubauen, wie es zum Beispiel unser Nachbar Frankreich macht? Auch hier lautet die Antwort von Mai Thi Nguyen-Kim: Nein! Die Gründe dafür seien vielfältig: Atomkraft ist teurer als andere Arten der Stromerzeugung. Es dauert mit einer Bauzeit von 15 Jahren lange, bis Atomkraftwerke in Betrieb genommen werden können. Und das wichtigste Argument: Der Fokus auf Atomkraft blockiert den Ausbau Erneuerbarer Energien.

Vor allem der letzte Punkt scheint der Wissenschaftsjournalistin dabei am Herzen zu liegen: "Sind wir einfach mal ehrlich: die ganze Aufregung rund um Atomenergie ist doch eigentlich nur eine Ablenkung vom "big elefant in the room" – also dem eigentlichen Problem, dass die Bundesregierung die Energiewende die letzten Jahrzehnte komplett verpennt hat."

Deshalb wendet sich Mai Thi Nguyen-Kim am Ende auch mit zwei Bitten an die Verantwortlichen: "Können wir bitte JETZT eine Entscheidung treffen für oder gegen Atomkraft?", sagt die Wissenschaftsjournalistin.

Und, was ihr fast noch wichtiger zu sein scheint: "Können wir uns in jedem Fall nicht so viel aufregen. Denn für das, was sie leisten kann, schenken wir der Atomkraft viel zu viel Aufmerksamkeit." Stattdessen sollten wir unsere Ressourcen endlich in die grüne Energiewende stecken.

Quelle: "Mai Think X" auf ZDF Neo

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