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Mala Emde Sie ist Anne Frank


Wie spielt man ein Mädchen, über das wir alles zu wissen glauben? Mala Emde hat in dem ARD-Film "Meine Tochter Anne Frank" eine sehenswerte Antwort darauf gefunden.
Von Nina Poelchau

Als die Schauspielerin Mala Emde erfuhr, dass sie sich für ein Casting als Anne Frank vorstellen sollte, hatte sie das Gefühl, im Grunde alles über das Mädchen zu wissen. Jüdin, Amsterdam, Auschwitz. Kollektives Unterbewusstsein sozusagen: Das Buch hatte sie nie gelesen. Warum auch sollte sie es aus dem Regal der Eltern ziehen.

Die 18-Jährige fühlte sich, wie sie sagt, auch so "multiplex" darüber informiert, welches einzigartig-monströse Verbrechen der Holocaust gewesen ist. Von den Lehrern, von ihren Eltern und weil sie sich für Politik interessierte.

Raymond Ley, Jahrgang 1958, der Regisseur des Fernsehfilms "Meine Tochter Anne Frank", ist ebenfalls mit dem Tagebuch aufgewachsen, das 1950 mit einigen Kürzungswünschen von Annes Vater Otto Frank erschien.

Bald in über 70 Sprachen übersetzt, kam es in zahlreichen Fassungen auf die Theaterbühnen und wurde mehrfach verfilmt. Ley hatte das Tagebuch wie die meisten Deutschen seiner Generation gelesen. Der Produzent Walid Nakschbandi schlug ihm vor, für die ARD ein Dokudrama über Anne Frank zu drehen, die erste bundesdeutsche Verfilmung ihrer Geschichte. Ley reagierte matt. Zuletzt hatte er für das Afghanistan-Stück "Eine mörderische Entscheidung" einen Grimme-Preis bekommen.

Das war aktuell, nah und neu. "Mehltau der Geschichte", war das Erste, was ihm zu dem Tagebuch der 1945 in Bergen-Belsen ermordeten Anne einfiel, "Schulstoff". Er bat um Bedenkzeit und begann, erneut das Buch zu lesen. Das Mädchen sprach ihn so überraschend, so unmittelbar an, dass er zusagte. Anne Frank. Ohne Mehltau.

"Meine Tochter Anne Frank" bildet den Auftakt zu einer Reihe von Filmen zur NS-Zeit rund um den 70. Jahrestag des Kriegsendes. Am 1. April wird, ebenfalls in der ARD, "Nackt unter Wölfen" gezeigt, eine grausame Geschichte aus dem Konzentrationslager Buchenwald; bald darauf kommt die Geschichte des Widerstandskämpfers Georg Elser in die Kinos. Außerdem entsteht gerade ein zweiter deutscher Anne-Frank-Film, diesmal in einer Leinwandversion, in der Lea van Acken, Ulrich Noethen und Martina Gedeck zu sehen sein werden. Das Zuschauerinteresse an dem schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte bleibt groß - genau wie die Bandbreite der filmischen Aufarbeitungen. Vom fantasievoll ausgepinselten Rührstück bis zur staubtrockenen Dokumentation, die bestimmt kein junger Mensch sehen will, ist alles drin.

So nervös, dass sie den Text vergaß

Mala Emdes Agentur sprach von einer "Doku- Fiction", als sie die damals 17-Jährige zum Casting schickte - Mala dachte, es ginge darum, ein paar Schnipsel zwischen viel Originalstoff zu spielen. Es war der Tag vor ihrem schriftlichen Abitur: Sie sauste mit dem Fahrrad zum Vorspielen, nur ein paar Minuten von ihrem Zuhause im Frankfurter Norden entfernt. Wegen der Schulprüfungen war sie so nervös, dass sie ihren Text vergaß, was ihr noch nie zuvor passiert war. Trotzdem bekam sie die Rolle. Von wegen Schnipsel, eine echte Hauptrolle. Die Gespräche mit Zeitzeugen, die Ley eingesammelt hat, unterbrechen den Spielfluss nur kurz. Mala Emde fühlte, als sie die Zusage bekam, eine "unglaubliche Verantwortung". Vor allem, weil sie zum ersten Mal eine Person darstellen sollte, die tatsächlich gelebt hat: Anne Frank. Die Ikone.

Mala Emde hat für das Gespräch ein Café in Berlin-Neukölln ausgesucht, sie wohnt mittlerweile hier um die Ecke. Die Wände sind von außen mit Graffiti besprüht, innen ist es gemütlich, Holz und Samt- bezüge. Sie holt sich vom Nebentisch den Kerzenleuchter, weil das Licht dann schöner ist, wirkt wie Juliette Binoche in jung, das herzförmige Gesicht, die glänzenden, dunklen Augen mit sehr dichten Wimpern, das große Lachen. Mala Emde sagt, eines habe sie beschlossen, als sie die Rolle hatte: „Ich spiele das Mädchen. Ich spiele kein Symbol des Holocaust.“ Als das klar war, sei es wie eine Befreiung gewesen, da hatte sie das Gefühl, die Verantwortung tragen zu können.

Das Drehbuch hat der penibel recherchierende Raymond Ley zusammen mit seiner Frau Hannah geschrieben. Unter dokumentarisch verstehen die beiden, dass sie wie Detektive nach Belegen für das Geschehen wühlen - doch dann, auf sicherer Grundlage, lässt Ley einfach spielen. Als erster Filmemacher überhaupt hatte er Zugriff auf das ungekürzte Tagebuch. Götz Schubert spielt als Annes Vater die zweite Hauptfigur im Stück - ein Schauspieler, dem die Gefühlsregungen über das Gesicht fließen, als seien es Töne in einem Musikstück. Schließlich Mala Emde. Auf beinahe magische Weise passt sie zu Anne Frank. Die "Zeit" schrieb vom "Lächeln der Anne Frank", aber es gibt Essenzielleres, worin sich die beiden ähneln: in der unbändigen Lust zu leben. Das Leben zu kapieren, in allen Nuancen auch sich selbst. Beide wussten früh, dass sie ihren Platz in der Welt unübersehbar einnehmen wollen: Mala Emde hat, soweit sie zurückdenken kann, den Drang zu schauspielern. Anne Frank wollte Schriftstellerin werden, sich zeigen, unbedingt hinaus auf die Bühnen der Welt.

In den Baracken von Auschwitz

Bevor die Dreharbeiten begannen, unternahm Raymond Ley mit einer kleinen Gruppe eine Reise. Annes Stationen. Amsterdam, Westerbork, Auschwitz, Bergen- Belsen. In Amsterdam legte sich Mala in der Kammer auf den Boden, in der sich Anne Frank 25 Monate vor den Nazis versteckt hatte. Sie wollte sich einfühlen in diesen Ort, der zugleich Zuflucht und Gefängnis war. Später, beim Besuch in Auschwitz, "ging jeder meist in sich gekehrt seiner Wege", wie Raymond Ley sagt. Mala stand vor den Baracken der Frauen, sie fasste den Zaun an, hielt das Gesicht in den Regen. Sie weinte. Diese Augenblicke, sagt sie, nahm sie in einer Art "innerem Marmeladenglas" mit zu den Dreharbeiten. Als sie später im nachgebauten Dachgeschoss in einer Villa in Potsdam vor der Kamera stand, hielt sie sich selbst dazu an, sich von der Schwere wieder zu lösen, schließlich dachten Anne Frank und die anderen Versteckten das mögliche bittere Ende nicht jede Minute mit - sie hofften unter quälenden Umständen auf ein rasches Kriegsende.

Den bitteren Ausgang bildet im Film eine stille Szene mit besonderer Wucht. Mala Emde sagt, das sei einer dieser Momente gewesen, die sie als Schauspielerin so liebe - wo alles zusammenfließt, sich im gemeinsamen Spiel alles richtig anfühlt. Otto Frank, der Vater, zeigt dem SS-Mann, der sie abführt, die Bleistiftstriche an der Wand in der Wohnung, die dokumentieren, wie seine beiden Kinder in der Zeit des Versteckens gewachsen sind. Anne wendet ihren Kopf zum Vater. Dem ist die Gewissheit anzusehen: Ab sofort kann ich dich nicht mehr beschützen.

Im Café bestellt Mala Emde Ingwertee, sehr viel Zeit hat sie nicht mehr, sie muss sich für das Vorsprechen an Schauspielschulen vorbereiten, neue Texte lernen für neue Filme. Es gibt verschiedene Schauspieler, mit denen sie gern mal spielen würde, Helena Bonham Carter, Lars Eidinger; es sind so viele, die sie bewundert, von denen sie lernen möchte.

Sie sagt, auch von Anne Frank könne man etwas Großartiges lernen. Mut und Tapferkeit, vollkommen zeitlos: den Mut, sich selbst erbarmungslos genau zu beobachten. Und die Tapferkeit auszuhalten, dass dabei meist keine Heldin mit Lorbeerkranz herauskommt, sondern oft einfach nur ein sehnsüchtiger, in seinen Widersprüchen gefangener Mensch.


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