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Podcast "heute wichtig" Michel Abdollahi – der Morgen-Mann

Michel Abdollahi
Michel Abdollahi
© Andreas Friese / TV Now
Erst mit Mitte 30 hat Michel Abdollahi gemerkt, dass er von Rassismus betroffen ist. Seither beteiligt er sich regelmäßig an gesellschaftlichen Debatten. Und moderiert nun mit "heute wichtig" einen täglichen Podcast.

Ein gut gekleideter Mann steht im Januar 2015 am Jungfernstieg in Hamburg und lädt mit einem Schild die Passanten zum Dialog ein: "Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?" Kurz zuvor haben Islamisten in Paris einen Terroranschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verübt – und mal wieder stehen Muslime unter Generalverdacht, auch in Deutschland. Fragen, wann die Michaeliskirche, der berühmte Michel, zur Moschee umgebaut werde, kontert er mit dem Verweis, dass es bereits ein muslimisches Gotteshaus an der Alster gebe, das viel besser gelegen sei.

Bei dem Mann handelt es sich um Michel Abdollahi. Der Hamburger ist bis dahin als Organisator und Conférencier von Poetry-Slams sowie mit kleineren TV-Beiträgen für das NDR-"Kulturjournal" in Erscheinung getreten. Mit dieser Aktion am Jungfernstieg hat er ein Thema gefunden, das fortan sein Schaffen bestimmen soll: den Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung. Auch in dem Podcast "heute wichtig", den er nun wochentäglich moderiert, wird es um diese Themen gehen, aber nicht nur. "heute wichtig" entsteht beim stern, in Zusammenarbeit mit RTL und N-TV.

Abdollahi, 1981 in Teheran geboren, ist mit fünf Jahren nach Hamburg gekommen, begleitet nur von seiner Großmutter; er sollte Saddam Husseins Granaten entgehen. Die Eltern und die Schwester zogen erst ein Jahr später nach.

Michel Abdollahi arbeitete für die Hamburger Senatskanzlei

In der Schule kam Abdollahi gut zurecht, hatte nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Nach dem Abitur studierte er Jura und legte das erste Staatsexamen ab. Nebenbei arbeitete er für die Hamburger Senatskanzlei. Dass die Hansestadt zu der Zeit von einer Koalition aus CDU und der rechtspopulistischen Schill-Partei regiert wurde, störte ihn nicht.

"Ich wusste ja, was der Schill wollte", sagt der 40-Jährige heute. "Schill war für innere Sicherheit und für strengeres Vorgehen gegen Migrantenbanden. Uns wurde eingetrichtert, Gewalt gehe von Migranten aus. Dass es also einen berechtigten Grund geben müsse, wenn die urdeutsche Bevölkerung das nicht mehr möchte." Dass er selbst in den Augen vieler Mitbürger auch zur Gruppe der Unerwünschten gehört – das war ihm nicht bewusst. "Ich habe mich immer vorbildlich benommen, damit ich nicht zu den Bösen gehöre", sagt Abdollahi.

Seine damalige Naivität führt er auf das entspannte gesellschaftliche Klima der nuller Jahre zurück. Er habe den Eindruck gehabt, dass die Diskriminierung komplett verschwunden sei. Die rot-grüne Bundesregierung liberalisierte das Land, Deutschland ging in der EU auf, der Euro ersetzte die D-Mark. Bei der WM 2006 feierten alle zusammen, Deutschstämmige wie Zugewanderte. Abdollahi selbst jubelte im Miroslav-Klose-Trikot. Doch die schwarz-rot-goldene Euphorie verdeckte den Rassismus nur, weg war er nie, so empfindet er es heute.

Hass auf Muslime

Abdollahi sagt: "Das war eine gute Zeit – und die ging weg, als Thilo Sarrazin kam." In Talkshows diskutierte man von da an über "arabische Clans". Und für Zugewanderte wie ihn wurden neue Begriffe kreiert. Abdollahi ist nun kein normaler Deutscher mehr, sondern ein Mensch mit Migrationshintergrund.

Nach den Terroranschlägen in Paris musste Abdollahi sich als Muslim distanzieren – von anderen Muslimen, von Menschen, die er gar nicht kennt. Von Taten, die ihm nie in den Sinn gekommen wären. Die Pegida-Demonstrationen machten den brodelnden Hass auf Menschen islamischen Glaubens sichtbar. "Da habe ich gemerkt: Ich gehörte tatsächlich nie dazu." Abdollahi nahm nun die vielen bösen Stimmen im Land wahr. Sie verschafften sich Gehör, auf den Straßen, in sozialen Medien wie Facebook.

Der Hamburger Abdollahi sieht seitdem die Welt und auch sein eigenes Leben mit anderen Augen: Vieles, was ihm in der Vergangenheit merkwürdig vorkam, fügt sich nun zu einem Bild zusammen. Die Lehrerin, die ihn einst in der Schule aufforderte, nicht mehr "ausländisch" zu sprechen. Die Abi-Fahrt nach Prag, für die er als Einziger in der Klasse ein Visum benötigte, weil ihm der deutsche Staat den Pass verwehrte, er war ja ein Ausländer. Und vor allem: die vielen grundlosen Polizeikontrollen, in die er immer wieder geriet. Den Begriff "racial profiling" kannte er als Schüler nicht. Aber diese Erfahrungen haben ihn bis heute geprägt: "Ich zucke immer noch zusammen, wenn ich einen Polizeiwagen sehe", sagt er.

Deutscher Fernsehpreis für Reportage über ein Nazidorf

Für Abdollahi kann es so nicht weitergehen. Er gehört zu einer Generation von Migranten, die sich sehr stark mit Deutschland identifizieren und denen dennoch die Zugehörigkeit abgesprochen wird. Er machte das Thema bald zum Mittelpunkt seiner Arbeit. Für einen Dokumentarfilm zog er im Sommer 2015 für einen Monat in den mecklenburgischen Ort Jamel, der immer wieder als "Nazidorf" Schlagzeilen gemacht hatte – und wurde dafür im folgenden Jahr mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Für den NDR war er von da an regelmäßig zu sehen. Empfing seine Gäste für die Talkshow "Käpt'ns Dinner" in der Kommandozentrale eines alten U-Bootes im Hamburger Hafen und diskutierte in seiner Late-Night-Show "Der deutsche Michel" gesellschaftliche Themen. Sein Buch "Deutschland schafft mich", eine Antwort auf Sarrazins "Deutschland schafft sich ab", wurde 2020 zum Bestseller. Im gleichen Jahr gründete er den virtuellen TV-Sender "Viertes Deutsches Fernsehen" und schuf mal eben sieben Vollzeitarbeitsplätze, mitten in der Corona- Pandemie.

Nun moderiert Abdollahi "heute wichtig". Der Nachrichten-Podcast soll nicht nur die zentralen Themen des Tages abbilden, sondern darüber hinaus auch eigene Schwerpunkte setzen. Themen aufgreifen, die anderswo zu kurz kommen. Öffentliche Debatten anstoßen. "Das fehlt komplett auf dem deutschen Markt", sagt Abdollahi. Dabei möchte er Menschen zu Wort kommen lassen: "Von der örtlichen Kioskbesitzerin bis zum Papst sollen alle dabei sein."

"Alman-Taxi" mit Moderatorin Daphne Sagner: "Darf man Farbige noch sagen?"

Abdollahi will seine beiden Sichtweisen in diesen Podcast einbringen. Die eines aus dem Iran Eingewanderten sowie die eines in diesem Land aufgewachsenen Mannes. Damit will er etwas Neuartiges schaffen: zwei bislang voneinander getrennte Öffentlichkeiten zusammenbringen. "Tatsächlich finden Podcasts in der migrantischen Community fast gar nicht statt", sagt er. "Die meisten richten sich an die weiße Mehrheitsgesellschaft." 

Und so möchte er mit "heute wichtig" beide Gruppen vereinen. Dafür will er Themen ansprechen, die alle Menschen in diesem Land betreffen. Etwa soziale Ungleichheit oder Probleme bei der Wohnungssuche. Sein größter Wunsch ist, dass die Zuhörer hinterher sagen: "Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe heute etwas gelernt."

"heute wichtig" erscheint bei Audio Now sowie auf allen gängigen Podcast-Plattformen.


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