HOME

ARD-Film "Nackt unter Wölfen": Blut am Boden

In der DDR gehörten das Buch und der Film zum Kanon. Nun hat die ARD "Nackt unter Wölfen" neu verfilmt. Die Geschichte über das KZ-Kind kommt mit einer bislang ungesehenen Härte zur Hauptsendezeit.

Von Christian Ewers

Schutz vor den Nazis: Ein jüdischer Junge soll im  Lager versteckt werden

Schutz vor den Nazis: Ein jüdischer Junge soll im
Lager versteckt werden

Unten im Bunker, diesem schlimmsten Ort im Konzentrationslager Buchenwald, das so viele Orte des Leides und des Todes kennt, liegen die Folterwerkzeuge säuberlich aufgereiht wie Operationsbesteck. Mandrill, der Henker, will alles griffbereit haben, wenn er sein sadistisches Spiel treibt. Mit einem Lächeln auf den Lippen zieht er seine Opfer am Strick hoch und prügelt sie mit Eisenstangen. So lange, bis die Knochen brechen, so lange, bis der Abfluss das viele Blut nicht mehr schlucken kann und ein roter See unter den Füßen der Gehängten steht.

Es sind grausame, kaum zu ertragende Szenen, die der TV-Film "Nackt unter Wölfen" seinem Publikum zumutet. Bilder, die in dieser Härte noch nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt worden sind. Einer Härte, die man zwar aus dem amerikanischen Kino kennt, von Tarantino etwa, aber dort ist sie oftmals abgemildert durch Ironie. Und die verbietet sich bei einem Thema wie Buchenwald natürlich. Am 1. April strahlt die ARD den Film des Berliner Regisseurs Philipp Kadelbach aus - zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr. Altersfreigabe: ab zwölf Jahren.

Überforderung ist das Ziel

"Nackt unter Wölfen" ist eine radikale und streitbare Antwort auf die Frage, wie die Gräueltaten der Nationalsozialisten heute noch erzählt werden können. Kadelbach und der Drehbuchautor Stefan Kolditz nehmen den Zuschauer in den Würgegriff: Es gibt wenige entlastende Momente in ihrem KZ-Drama, keinen Raum für Reflexion – nach einer Folterszene folgt ein Kameraschwenk in den Himmel, dann geht es weiter.

Die Überforderung des Zuschauers ist das Ziel. Man sucht ständig nach Halt in diesem Bilderstrom, aber da ist nichts, was einen stützen könnte, nirgends. Dabei hätte die Geschichte nach Motiven des gleichnamigen Romans von Bruno Apitz, der erstmals 1958 in der DDR erschien, mehr Nachhall und Ruhe gebraucht. Es ist die Geschichte eines drei Jahre alten jüdischen Jungen, der in einem Koffer in das KZ Buchenwald geschmuggelt wird, wenige Wochen vor der Befreiung durch amerikanische Truppen im April 1945.

In Buchenwald kümmert sich der politische Häftling Hans Pippig um den Jungen. Pippig ist Mitglied einer kommunistischen Widerstandsorganisation im KZ und wird bald von seinen Genossen gedrängt, den Jungen nach Bergen-Belsen abschieben zu lassen, obwohl das dessen Tod bedeutete. Die Kommunisten fürchten, dass der Junge von den Nazis entdeckt und die Widerstandsgruppe zerschlagen werden könne. Sie sehen ihr Ziel - eine Revolte im KZ - bedroht. Das Leben des Jungen steht gegen das Schicksal von 50.000 Mithäftlingen, die die Kommunisten befreien wollen. Nach und nach dreht die Stimmung in der Gruppe. Viele Genossen schließen sich Hans Pippig an und beschützen den Jungen. Selbst unter größten Schmerzen, im Folterkeller von Mandrill, verraten sie das Kind nicht.

"So authentisch wie möglich"

Für die Recherchen zum Film besuchten Regisseur Kadelbach und Autor Kolditz die Gedenkstätte Buchenwald. Kadelbach verbrachte Stunden in der Ausstellung, die das Leben im Arbeitslager dokumentiert. Zwischen 1937 und 1945 waren hier 250.000 Menschen inhaftiert; 56.000 von ihnen starben im Lager, das nur zehn Kilometer von Weimar entfernt liegt, der Stadt von Goethe und Schiller. Kadelbach sagt, nach dem Tag in der Gedenkstätte sei ihm klar gewesen, wie er "Nackt unter Wölfen" erzählen wolle: "So authentisch wie möglich, hart und schonungslos, der Film muss sein wie diese Ausstellung." Daran ist Kadelbach gescheitert.

Kein Spielfilm, sei er noch so drastisch, kann mit den Mitteln der Fiktion eine Glaubwürdigkeit herstellen, wie das Dokumentationen mit Originalaufnahmen vermögen. Wohl auch deshalb wagte sich über Jahrzehnte kein deutscher Regisseur daran, eine KZ-Geschichte zu verfilmen. Das Grauen, das Unvorstellbare, galt als nicht inszenierbar. Der letzte Versuch eines Filmemachers stammt von 1977. "Aus einem deutschen Leben" mit Götz George erzählt von der kalten Grausamkeit, mit der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß die Vergasung der Lagerinsassen mit Zyklon B plante.

Kadelbach lehnt sich in seiner Bildsprache an KZ-Dokumentationen an. Er zeigt ausgemergelte Leiber hinter Stacheldraht, Gefangene, denen die Haare geschoren werden; und in den Baracken löffeln sie dünne Suppe aus Blechtellern. Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Bei Kadelbach wirken sie wie Zitate. Sie entfalten in ihrer Dichte zwar eine Atmosphäre der Beklemmung, aber sie weisen nicht über sich hinaus. Der Film öffnet keine zweite Ebene; das Grauen bleibt das Grauen - ohne dass man es auch nur im Ansatz verstanden hätte.

"Bloß keine Biederkeit"

Nico Hofmann, der "Nackt unter Wölfen" produziert hat, sieht darin keine Schwäche. "Wir wollten einen Film, der sich aus allen didaktischen Zwängen löst. Bloß keine Biederkeit. Es ging uns um einen neuen, unmittelbaren Zugang zu diesem schwierigen deutschen Thema." In Hofmanns Schaffen als Produzent ist "Nackt unter Wölfen" ein Wendepunkt. Angedeutet hat sich das bereits in der Serie "Unsere Mütter, unsere Väter" (2013), die aus wechselnden Perspektiven die Geschichte einer Jugendclique im Zweiten Weltkrieg schildert.

Zuvor hatte Hofmann historische Stoffe nach dem immer gleichen Muster aufgearbeitet: Themen wie Flucht und Vertreibung, die Bombennacht in Dresden und Stauffenbergs Attentatsversuch auf Hitler unterlegte er mit einer melodramatischen Struktur, einem Helden, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann, weil dessen Gefühlswelt sorgsam ausgebreitet wird, untermalt von bewegender Musik. Mit diesem Rezept erzielte Hofmann gewaltige Reichweiten. Seine Filme sahen bis zu 14 Millionen Menschen. Heute gilt schon ein "Tatort" mit knapp zehn Millionen Zuschauern als großer Erfolg.

Distanz zum Personal

Und jetzt "Nackt unter Wölfen". Der komplette Gegenentwurf. Wo Hofmanns Filme früher zu ranschmeißerisch nah an den Figuren waren, geht "Nackt unter Wölfen" jetzt kühl auf Distanz zum Personal. So bleibt einem der Held Hans Pippig fremd – trotz der aufwühlenden Bilder. Pippig geht unter in einem allzu großen Figurenensemble. Da helfen auch die Szenen aus seinem Leben vor der Verhaftung nicht. Pippig, so erfährt man, wird selbst Vater. Er musste seine schwangere Frau zurücklassen, als er ins KZ deportiert wurde.

Die Rückblende soll Pippigs heldenhafte Tat, die Rettung des polnischen Jungen, begreifbar machen. Er sieht in dem Jungen seinen eigenen Sohn, das ist die Botschaft. Ansonsten ist dieser Pippig ein blasser Charakter. Niemand, an den sich der Zuschauer anlehnen könnte.

Nico Hofmann weiß, dass er ein Wagnis eingegangen ist mit diesem schroffen Werk. "Ich bin erwachsener geworden in meinen Filmen", sagt er. "Ich hoffe, das Publikum auch."

"Nackt unter Wölfen", Das Erste, Mittwoch, 1. April, 20.15 Uhr