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Neuer "Polizeiruf 110": Starkes Debüt mit Witz und Spannung

Kein Geplänkel, keine Frotzeleien - der neue Münchner "Polizeiruf 110" hebt sich wohltuend von manch anderen TV-Krimis ab. In "Cassandras Warnung" geben Matthias Brandt und Anna Maria Sturm ihren gelungenen Einstand als Ermittler. Daran hat auch der Regisseur maßgeblichen Anteil.

Nachdenklich und etwas entrückt waren die Münchner Kommissare der ARD-Krimireihe "Polizeiruf 110" schon immer. Edgar Selge als Jürgen Tauber etwa, der am liebsten seine eigenen Wege ging. Oder Jörg Hube, der vor seinem überraschenden Tod ein kurzes Gastspiel gab. Der neue TV-Ermittler Hanns von Meuffels setzt diese Tradition fort. Doch sein Darsteller Matthias Brandt bringt etwas Neues mit: Einen ironischen Unterton, Leichtigkeit und das Bestreben, alles nicht ernster zu nehmen als nötig. Ihm zur Seite steht die bodenständige Polizistin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) - offen und mit gutem Gespür für das Zwischenmenschliche. In "Cassandras Warnung" treffen sie zum ersten Mal aufeinander bei unangenehmen Mordermittlungen innerhalb der Polizei. Der spannende Krimi von Dominik Graf ist an diesem Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

Graf hat eine Gabe für das spannende Genre, was er erst vergangenes Jahr mit der hochgelobten Krimiserie "Im Angesicht des Verbrechens" unter Beweis gestellt hat. Sein neuer "Polizeiruf 110" ist dicht und komplex erzählt, in rascher Folge reihen sich unruhig gedrehte Bilder aneinander. Wer hier am Ball bleiben will, muss sich konzentrieren, wird aber auch belohnt. "Cassandras Warnung" ist ein Krimi fernab des sonst oft üblichen Kommissars-Geplänkels. Facettenreich und mit Wortwitz entspinnt sich ein Drama von hoher Intensität. Auch wenn Ermittlungen in den eigenen Reihen in einem Fernsehkrimi nichts Neues sind, wird die Geschichte doch nie langweilig. Und auch wer glaubt, im letzten Drittel den Täter erraten zu haben, wird am Ende durch eine verblüffende Wende überrascht.

Nordisch-zurückhaltender Adliger

Hanns von Meuffels wird nicht groß in die Geschichte eingeführt. Keine Szenen, in denen er sein neues Zimmer bezieht oder sich bei den Kollegen vorstellt. Er ist einfach da und wird auch sofort in einen Fall geworfen. Doch es sind unangenehme Ermittlungen. Die Frau seines Kollegen Gerry Vogt (Ronald Zehrfeld) wurde angeblich in ihrem Landhaus erschossen - doch bald wird klar: die Tote war nicht Diana, sondern ihre Freundin. Eine Verwechslung? Der Verdacht fällt auf eine enttäuschte Geliebte Gerrys, Cassandra. Seine Ehefrau Diana scheint noch immer in großer Gefahr zu sein. Mit Fingerspitzengefühl macht sich von Meuffels daran, die Verwicklungen zu lösen.

Anna Burnhauser hat als Dorfpolizistin mit den Mordermittlungen nur am Rande zu tun. Erst gegen Ende taucht sie auf, nachdem schon andere Polizisten begehrlich auf die Assistenten-Stelle an von Meuffels Seite geschielt haben. Dass sie sich durchsetzt, bleibt in der ersten gemeinsamen Folge noch offen. Doch Burnhauser hat einen großen Vorteil: Von Meuffels kann nicht mit jedermann, kommt mit ihr aber offensichtlich gut klar. Der nordisch-zurückhaltende Adlige, der Baudelaire-Gedichte auswendig rezitieren kann und die zupackende, lebenskluge Bauerntochter, die den Dingen ohne Umschweife auf den Grund geht. Eigentlich eine Kombination, die wenig überraschend ist. Doch Brandt ("Das Blaue vom Himmel") und Sturm ("Beste Zeit") verleihen ihren Figuren so viel Charme und Eigensinn, dass man auf ihre Zukunft als Ermittler-Duo gespannt sein darf.

Cordula Dieckmann/DPA / DPA