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Matthias Brandt: Der Verstörende

Er spielt die Schwierigen, die Verzweifelten. Die mit den Abgründen. Und das macht Matthias Brandt, Willy Brandts Sohn, so gut, dass er zu Deutschlands meistbeschäftigten Schauspielern gehört.

Von Ulrike Posche

Am Ende landen wir doch auf dem Friedhof. "Sollen wir noch eben bei Rut und Willy vorbeigehen?", fragt Matthias Brandt. Dann stoppt er seinen tomatensaftroten Mercedes 200, Baujahr 81, vorm Zehlendorfer Hauptportal. Er schnürt den Weg hinauf, zeigt auf Ehrengräber links und Ehrengräber rechts. Hier Hildchen Knef, da Ernst Reuter, dort Günter Pfitzmann. Nach kurzer Strecke steht er vor seinem Vater. "Und wieder 'ne einzelne Rose drauf ", singsangt er und keckert ein brüchiges Matthias-Brandt-Lachen, "hat noch viele Verehrer, unser Willy. Und Verehrerinnen."

Es klingt nicht böse, nur ein bisschen ironisch vielleicht, auch verlegen. Man ist sofort in einer dieser melancholischen Komödien, wenn man ihn reden und lachen hört. In Filmen, in denen der 47-Jährige Wunderlinge und Sonderlinge spielt. Den beherzten Loser neben Maria Furtwängler, das skurrile Seelentier neben Katja Flint, den wortwitzigen Schwerblüter neben Barbara Auer, den gestrauchelten Künstler, wie kürzlich in "Ein Sommer mit Paul" neben Anna Thalbach. Muttersöhne wie den Aquarianer Erwin, den er neben Monica Bleibtreu in "Die zweite Frau" gibt, oder Tierarzt Dr. Reinhold Schwarzebershagen in "Ein Mann, ein Fjord!" Brandts Welt ist immer kompliziert und meistens komisch. Man steht mit ihm vor Gräbern und muss lachen.

Andacht an Ruts Grab

Rut Brandt liegt weiter oben. Es dauert, bis man sie findet. Ein kleines Grab, er hat es selbst bepflanzt. Azaleenbäumchen, eine kleine Birke, der Türstopper-Stein vom Ferienhaus in Norwegen. Es hätte ihr gefallen, glaubt Matthias Brandt. Andächtig scheucht er mit den Händen welkes Laub von ihrer Erde. Hier ist plötzlich nichts mehr zum Lachen. Er hat seine Mutter geliebt. Und am Ende hat er an und mit ihr über Jahre gelitten: Alzheimer. Anfangs habe er nicht gewusst, wie er damit umgehen sollte, wenn sie ihm bei den täglichen Besuchen dreißigmal dasselbe erzählte, ihm mehr und mehr abhanden kam. Sie brauchte nun Pflege rund um die Uhr. Das kostete, und selbst die Rente einer Rut Brandt reichte dafür nicht aus. "Da macht man dann auch schon mal einen Film, von dem man nicht ganz so überzeugt ist", sagt er lakonisch ins Laub.

Zum Glück hebt Brandt auch schlechte Filme. Er adelt beinahe jeden. Er bringt seine Partner zum Leuchten. Dabei denkt er nicht wie ein Götz George zum Beispiel: Wenn ich da mitspiele, wird's sowieso ein guter Film! "Götz plant alles, ich setze mich aus." Brandt liebt den Selbstversuch. Er ist kein Perfektionist im Ausblenden von Unsicherheiten.

Drolligerweise ist er ausgerechnet auf dem linken Auge blind. Das rechte hätte wahrscheinlich früher abgeklebt werden müssen, damit das schwache stark wird. Doch Rut Brandt hatte schon zwei Kinder mit Brille, "sie wollte nicht noch eins". Gerade der irritierende Blick, dieser Schielfehler aus Kindertagen ist es jetzt, der die Kunst des Erwachsenen so eindringlich macht.

Das Heinzrühmannhafte

Aus seinem Schauspiel blitzt immer die Humilitas, wie Lateiner sagen würden. Die nur noch selten glänzende Mischung aus Bescheidenheit und Demut. Es ist dieses leicht Heinzrühmannhafte, das den Zuschauer berührt, wenn er Brandt mit Abgründen ringen sieht, mit dem Leben oder mit der, die ihn gerade verlassen will.

Matthias Brandt spielt immer ungeschützt. Einige Male sei er deshalb, wie er meint, in Kitschfilme geraten. Doch jede Rolle hat ihr Gutes. Dass er, zum Beispiel, einem völlig unbekannten 26-jährigen Absolventen der Filmhochschule traute und die Hauptrolle in dessen Kinofilm "Gegenüber" spielte, hat er nicht bereut. Obwohl er beim Dreh manchmal dachte: "Ist das jetzt voyeuristische Scheiße, oder ist das richtig gut?" Es war richtig gut.

Die Rolle eines von seiner Frau misshandelten Ehemanns bringt dem Grimme-Preis-Träger die Nominierung beim Deutschen Filmpreis 2008. Die Figur des verzweifelten Ehemannes einer psychisch kranken "Frau am Ende der Straße" trägt ihm 2008 die Goldene Kamera als bester deutscher Schauspieler ein. Nur einmal hat Brandt ein Drehbuch bereits nach den ersten Seiten abgelehnt. Er sollte in einer Serie an der Reling eines Dampfers stehen und ernst gemeint sagen: "Seit meine Frau gestorben ist, habe ich nicht mehr gelacht." Brandt ließ ausrichten: "Ich weiß ehrlich nicht, wie man so was spielen soll."

Aufgewachsen im Grünen

Marinesteig 14, eine Doppelhaushälfte am Schlachtensee. Kapitäne und Offiziere der Kriegsmarine haben in den 40er Jahren hier gewohnt. Und später Berlins Bürgermeister. Matthias Brandt ist mit seinen älteren Brüdern Peter und Lars im Grünen der Stadt aufgewachsen. Hier hat er Fußbälle verschossen und schwimmen gelernt, bevor die Familie in die Kanzlervilla auf dem Bonner Venusberg zog. Hierhin, jedenfalls in die Nähe des Marinesteigs, ist er nach seiner Ausbildung an der Schauspielschule Hannover, nach Nomadenjahren auf den Theaterbühnen von Bremen, Frankfurt, Zürich zurückgekehrt, nach Engagements in München, Mannheim und Bochum.

"Ich glaube, ich bin eher ein Provinzler", erklärt er die Rückkehr zum Ausgangspunkt, außerdem: "In Berlin wird einem relativ wenig reingequatscht." Und dann diese günstige Miete für das Haus mit Garten, das er mit seiner Tochter Naima und Ehefrau Sophia bewohnt! Sie war Schauspielerin. Sie ist gebürtige Griechin. Ist doch klar, dass man sofort an Willy Brandt und Margarita Mathiopoulos denken muss, jene junge Frau, die Brandt als Parteisprecherin nominierte und deshalb als SPD-Chef zurücktrat. "Brandts schöne Griechin", schrieben die Zeitungen damals.

"Da drüben wohnt übrigens Götz George", unterbricht Matthias B. den historischen Diskurs und zeigt im Vorbeifahren auf ein Anwesen im Hazienda-Stil, "der hat ja auch dieses Vater-Thema am Bein." Selbst bei dem inzwischen 70-Jährigen sei es nämlich so, dass Leute sagen: Schon ganz toll, was Sie da machen, Herr George - aber Ihr Vater!

Er schleppt den Alten mit sich rum

Willy Brandt war glücklicherweise kein so großer Schauspieler wie Heinrich George. Und doch schleppt sein Sohn den Alten zeitlebens auf dem Buckel herum. Als kleiner Junge war er in einem Ferienlager, und um ihn herum tuschelte es: "Das ist Willy Brandts Sohn." Ein Junge verstand: "Willy Brandson" - und nannte ihn fortan so. Brandt fühlte sich provoziert und gab dem anderen eins auf die Glocke, noch bevor der den Irrtum aufklären konnte.

Als junger Schauspieler in Oldenburg, wo er in George Taboris "Mein Kampf " den Hitler spielte, bat er seinen Vater, "lieber nicht so oft zu kommen". Willy wollte am liebsten jede Aufführung des Sohnes sehen. Das Problem aber war, dass dann der Rest des Publikums bloß Augen für die Loge hatte, in der ER saß. Dem Sohn war das peinlich. Doch je mehr er die Bühnen wechselte, je präsenter er im Fernsehen wurde, desto mehr glitt der Übervater von ihm ab. Es blieb Matthias netto, der Heiterste unter all den Schauspielgrüblern.

Trotzdem: "Ich könnte, wenn ich wollte, in jeder Woche ein Goldenes Parteiabzeichen verleihen", sagt er. Er bekomme viele Briefe von der SPD-Zentrale zugestellt, Briefe, in denen Ortsvereine bitten, ob denn nicht wenigstens ein Brandt-Sohn einem verdienten Genossen das Ehrenzeichen anheften könne. "Aber ich habe damit nichts zu tun", kräht Brandt mit angetäuschter Verzweiflung. Nichts mit der Politik und nichts mit denen, die sich im Willy-Brandt-Haus stets wie Schutzbefohlene unter die Hand seines bronzenen Vaters begeben. Er will mit Papas Welt einfach nicht zusammenwachsen. Vor Jahren hat er in "Im Schatten der Macht" ausgerechnet den Mann gespielt, der seinen Kanzlervater stürzte - den DDR-Spion Günter Guillaume. Willy-Fans waren entsetzt.

Im Leben schicker als im Film

Wir rennen um den Schlachtensee, seit drei Stunden. Brandt trägt einen Gant-Pullover und eine Barbour-Jacke. Er ist schicker als in seinen Filmen. Seine Farben passen im echten Leben besser zusammen als die, die ihm Regisseure auf den Leib malen. Seine Haare wirken dunkler. Die Stirn hat sich hoch in die Ecken verzogen. Der Mund, von der Natur mit einem Muttermal verziert, ist schmäler geworden.

Brandt wirft Bällchen. Für Mischling Goblin und für Oskar, den Borderterrier- Rüden. Er redet im Laufschritt von sich und davon, wie wichtig es ihm sei, "Durchlässigkeit zu erzeugen". Zum Beispiel in dieser "Tatort"-Szene, in der er ein spielsüchtiger Vater war, den die eigenen Kinder an die Heizung gekettet hatten, damit er nicht alles verzockt. Er hockt also in Ketten auf dem Boden, und plötzlich tritt Schimanski, Held seiner realen Jugend, die Tür ein. Diesen Blick, das Staunen, den Schrecken, die Scham - all das will er "durchlassen". So was kann man sich nicht einfach vornehmen: Götz tritt, es kracht, ich gucke. So etwas muss einem rausrutschen, weil man es in sich hat.

Matthias Brandt sind schon viele solcher Blicke herausgerutscht. Er gehört zu den fleißigsten Schauspielern unter den guten.

Sich Probleme zu eigen machen

Rentnerinnen radeln inzwischen um den See. An der Fischerhütte, einem Ausflugslokal, machen tüchtige Ratten ihr Quartier noch etwas winterfester. Brandt sagt, dass er dieses "Wer sieht wem am ähnlichsten"-Getue nicht mag, das neuerdings so in Mode ist. Bei allem Respekt. "Man erkennt die Absicht und ist verstimmt", zitiert er frei nach Goethe. Er mache sich in seinen Filmen lieber die Probleme anderer Leute zu eigen als deren Gesichter. Immer wenn ihm beim Reden und Rennen eine besonders gute Formulierung einfällt, lacht er leise in sich hinein. Probleme anderer Leute zu eigen machen, he, he, he. Neulich hat er sich in einem Matti-Geschonneck-Film ("Todsünde") das Problem eines seltsamen Frauenmörders angeeignet. Er war dabei ein nach innen Rasender, ein ganz in sich Verlorener. Man hätte ihn ohne Zögern bei sich aufgenommen.

Es ist kalt geworden. Wir essen die Würstchen trotzdem draußen auf der Terrasse. Brandt bröselt eine Brezel ins Wasser. Nun endlich haben auch die Enten die Fischerhütte entdeckt. Das Jahr 2009 wird für den Schauspieler wieder einmal ein Jahr der Festspiele. Ende Januar spielt er eine der Hauptrollen im dreiteiligen ZDF-Dokudrama "Die Wölfe". Es folgen Kammerspiele, "Tatorte" und Komödien über sämtliche Sender. Er wird der Tropf sein, der Täter, der Tölpel und Tor. Er wird zaudern und schweigen und in schöner Zerrissenheit leiden.

"Ich bin sehr glücklich", sagt Matthias Brandt von der Reling seines Freisitzes, "mir ist mein Leben genug." Er lauscht seiner Formulierung noch einen Moment lang nach. Dann steigt er ins tomatensaftrote Auto und fährt heiter zum Friedhof.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(