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TV-Reportage "Ausgekokst" mit Rainer Meifert: Der Drogentrip eines "GZSZ"-Stars

Rainer Meifert war ein gefeierter "GZSZ"-Star, doch dann warf ihn ein Autounfall aus der Bahn - er wurde drogensüchtig. Mit einer Reportage bei ZDF Neo will er die schlimme Zeit nun aufarbeiten.

Von Jochen Siemens

Millionen kennen Rainer Meifert aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs warf ihn ein schwerer Autounfall aus der Bahn.

Millionen kennen Rainer Meifert aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs warf ihn ein schwerer Autounfall aus der Bahn.

An die Farbe der Geldscheine kann er sich nicht mehr erinnern. Gerollte 20er, 50er, vielleicht auch 100er, war ja auch völlig egal. So egal wie die Uhrzeit in der Nacht, 11 Uhr, drei Uhr, fünf Uhr morgens in einem Club oder einer Bar, auch das egal. Scheiße, da steht schon wieder eine Schlange vor dem Klo, "von denen wollte aber keiner pinkeln", sagt er. Sondern rein, zu zweit, zu dritt, Klodeckel runter, einer streut das Pulver darauf und schiebt es mit einer Kreditkarte zu dünnen lange Linien, alle hocken auf den Knien, jetzt nicht lachen oder niesen, abgeschnittenen Strohhalm oder gerollten Geldschein in ein Nasenloch, das andere zuhalten und hochziehen, kräftig hochziehen. "Ahhh" sagt man dann, wischt sich die Nase, lacht und spürt, wie im Rachen der Schleim leicht metallisch und bitter schmeckt.

Es ist laut, die meisten schwitzen, reden wie brüllende Wasserfälle und haben Pupillen so groß wie 5-Cent-Münzen. Kokain-Berlin. Drogenszene? Könnte man sagen. Alltag trifft es aber besser. Rainer Meifert ist heute 47 Jahre alt, zehn Jahre davon hat er mitten in diesem Kokain-Berlin verbracht, hat "genommen was zu bekommen war" und irgendwann "nichts mehr im Griff", "jede Nacht unterwegs" und war zeitweise "ein ekeliger Mensch mit Wahnvorstellungen", wie seine Ex-Freundin sagt. Rainer Meifert ist kein unbekannter Mensch, der Hamburger war mal ein Model und Schauspieler und das ist er immer noch. Aber eben in einem neuen Leben. In seinem alten Leben war er der herzwärmende und herzenbrechende Arzt Jan Wittenberg in der Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", Coverboy der "Bravo". Einer, bei dem Teenies kreischten, wenn sie ihn sahen.

Die Schmerzen weggekokst

1999 hatte Meifert auf der Autobahn Berlin-Hamburg einen schweren Unfall, mehrere Knochenbrüche. Er wäre vielleicht gelähmt geblieben, wenn "die Ärzte nicht diesen einen Nerv in meinem Rücken gefunden hätten", den sie wieder anschließen konnten, und Rainer Meifert wieder gehen lernen musste. Es folgten Jahre der Schmerzen, der höllischen Schmerzen, der 100er-Packungen Tabletten dagegen und der Rat eines Arztes, es mal mit Cannabis zu probieren, Berlin eben. Er fing also an, sich die Schmerzen wegzukiffen, weil das Kiffen aber träge und trüb macht und Meifert genau das nicht sein wollte, wechselte er die Droge: Kokain.

Das Zeug war ihm nicht ganz unbekannt, in jungen Jahren spielte Meifert mal in Hamburg in einer Punk-Band und aus Spaß haben sie damals viel probiert, auch mal eine Nase Koks. Das machten viele und ließen es auch wieder, weil es eben ein Spaß war. Im Berlin des Rainer Meifert Jahre später war es kein Spaß mehr und auch keine ab-und-zu Nase, sondern irgendwann zwei Gramm am Tag, weil der Kokain-Kick nach einer Stunde schon nachlässt und "man nachlegen muss". Rainer Meifert sagt selten "ich", sondern immer "man", wenn er von Kokain-Berlin erzählt. Er ist scheu, und es klingt manchmal, als ob er sich selber von einem anderen erzählt. Von dem lauten Meifert, der riesige Pupillen hatte und durch die Berliner Nacht hetzte, "weil ich die Enge in den Bars nicht ertragen konnte". Es hat ihn erschrocken, was er nach seinen zehn Jahren Koks erlebt hat, es hat ihn mehr erschrocken als die Jahre mit voller Nase.

"Für jede Nase Koks stirbt ein Indianer"

Ein Freund hat sich in Drogendepression aus dem Fenster gestürzt, ein anderer hatte einen Schlaganfall und ist bis heute teilweise gelähmt. Aber das waren nur die Opfer in Berlin, Rainer Meifert hat sich, wie er sagt, selbst "clean" gemacht und ist zusammen mit einem Team vom ZDF der Spur des weißen Pulvers von Berlin nach Kolumbien nachgereist. Hat Dealer, Polizisten, Kokain-Kochen und Koka-Bauern gesprochen, hat gesehen, wie sie im Dschungel die schwarze Pampe aus gekochten Koka-Blättern mit Benzin und Ammoniak aufbrodeln. Er hat mit Kindersoldaten gesprochen und hat sich von den Leichen erzählen lassen, "für jede Nase Koks stirbt ein Indianer". Es ist bedrückend, den schönen Jungen von einst mit halbhartem und ungläubigem Gesicht zwischen den Koka-Bauer im Dschungel zu sehen, den Party-Kokser an der dreckigen Quelle seines Spaßlebens. In den hippen Bars und Clubs in Berlin, wo sie weiter jede Nacht juchzend das Pulver schnupfen, hat keiner eine Ahnung, wieviel Blut und Mord am Spaß klebt. Und selbst wenn sie es wüssten, wenn sie Meiferts Reportage "Ausgekokst - mein Drogentrip" (am 13. November auf ZDF neo) sehen, es würde wenig ändern, "die Kokser sind ein Club für sich, die mögen es nicht, wenn einer aussteigt wie ich".

Ein Szenenbild aus der Reportage "Ausgekokst": Rainer Meifert auf einer Kokaplantage im Gespräch mit einem Kommandanten der kolumbianischen Drogenpolizei

Ein Szenenbild aus der Reportage "Ausgekokst": Rainer Meifert auf einer Kokaplantage im Gespräch mit einem Kommandanten der kolumbianischen Drogenpolizei

Öko-Kost auf dem Tisch, Chemie-Müll in die Nase

Berlin, das ist die Stadt, in der im Januar bei Aldi 140 Kilo Kokain in Bananenkisten gefunden wurden. Die Stadt, in der eine 76-jährige Oma als Koks-Dealerin festgenommen wurde. Die Stadt, von der es auf der ganzen Welt heißt, sie sei eine Spaß-Stadt, in der "der Montag der toteste Tag der Woche ist, weil alle noch im Delirium des Wochenendes liegen", wie Meifert im Gespräch mit dem stern sagt. Alle die Hippen, die Kreativen, die Spinner und vor allem "die Medienleute", haben es in kaum einer Stadt leichter, an Kokain zu kommen. "Das ist wie Pizzadienst, du rufst eine Nummer an und die Dealer machen ein Wettrennen zu dir", sagt er. Und dann rein in die Nase und los, in Bars und Clubs "und dreimal am Abend kommt schon wieder einer vorbei, der Koks verkauft". In seinen Kreisen, "denen der Medien", war es manchmal schwerer, nicht zu koksen, "und ich war ja ein bisschen prominent, da wollten viele meine Nähe", und boten an, "ey, Rainer, noch ne line?"

Es war eine laute und hysterische Gesellschaft auf Kokain, die größer war, als man von außen ahnt. Es hat ihn "überrascht", wer alles dazu gehörte, wen er aus dem Fernsehen und aus der Öffentlichkeit, aus Zeitschriften und von roten Teppichen kannte. Und bemerkenswert sei auch die Selbstgewissheit der so Aufgeputschten, die sich in manchen Clubs und Cafés beim Koksen gar nicht mehr verstecken. Aber das war das eine, das andere war, dass ihn die Kokser nicht gehen lassen wollten, als Meifert ausstieg und sich Monate lang einschloss, Wahnvorstellungen hatte, kotzte, schwitzte und versuchte, die Droge aus sich herauszutreiben. "Die Kokser akzeptieren nicht, wenn einer nicht mehr will. Die wollen nicht verstehen, dass Kokain ein Problem ist. Als ich sagte, ich wäre weg von der Droge, boten es mir viele noch eindringlicher an." Wer waren die "vielen"? Meifert zögert, er will keine Namen nennen, "Fernsehen?", sagt er. Eine luxuriöse Droge, ein Stimmungspulver der Elite sei Kokain nicht mehr und in Berlin schon gar nicht, wo ein Gramm 50 Euro koste. Aber der Preis hat sozusagen auch seinen Preis. Die Ware ist schlecht.

Kolumbien: "Das ist Krieg."

Denn was passiert eigentlich genau, wenn das weiße Koks auf die Schleimhäute der Nase und so in den Kreislauf kommt? Die Substanz ist medizinisch gesehen ein "Aufnahmehemmer" an den Synapsen des Gehirns, was heißt, dass sich Glückshormone wie Dopamin nicht einfach an den Synapsen von links nach rechts und wieder zurückbewegen, sondern wie eine Pingpong-Ball zwischen den Synapsen hin- und herklackern und so die simple Botschaft "schön" in "schönschönschön!!!!!" im Gehirn verstärken.

So läuft es, wenn es denn reines Kokain ist - doch in dem, was in der Szene verkauft wird, befindet sich nur noch 15 Prozent reines Kokain, wie Meifert aus LKA-Untersuchungen zitiert. Der Rest ist Streckware und zwar kein harmloses Milchpulver, sondern meistens eine Substanz, die Levamisol heißt und ein Wurmmmittel für Pferde ist. "Ein Hammermittel, das aufputscht und schon in Kolumbien mit Kokain vermischt wird", erzählt Meifert, "Und Levamisol verstärkt den Kokain-Effekt, das ganze ist eine ziemliche Chemie- und Dreckbombe." Da klackert also kein Pingpong-Ball zwischen den Nervensynapsen, sondern eine Dampframme. Meifert schweigt einen Moment, "das Absurde ist doch, dass sie in Berlin in teuren Restaurants sitzen und bei jedem Steak, jedem Huhn und beim Wein auf Reinheit, Öko-Herkunft und artgerechte Haltung bestehen. Und eine Stunde später auf der Toilette diesen chemischen Müll aus Koks, das mit Ammoniak gebleicht und mit einem Pferdewurmmittel gestreckt wird, in die Nase tun."

Es war der Filmemacher Klaus Lemke, der Meifert eine Rolle in seinem Film anbot, eine Rolle als Kokser. Entscheidende Bedingung: Du bist absolut clean von dem Scheiß, du nimmst nie wieder eine Nase, okay? Muss so geklungen haben, Lemke redet so. 2013 war das. "Ich wollte damit aufhören und Lemke war ein Tritt in den Arsch, der half", sagt Meifert. Aufhören hieß aber eben auch: Freunde verlieren, Wohnung wechseln, Telefonnummer wechseln, jemand anders und doch wieder man selbst zu werden. Warum er nicht zu einem Therapeuten gegangen ist? "Weil ich nicht anderen die Schuld geben wollte, wenn es schief gegangen wäre." Und hätte es schiefgehen können? Rainer, nur eine line, komm, der alten Zeiten wegen? Meifert überlegt. "Nö", sagt er, "ich glaube nicht." Und dann holt er sein Handy heraus und zeigt einem ein kleines Video. Rainer Meifert in einem Hubschrauber, die Tür offen, man sieht den Dschungel und ein Maschinengewehr, das dicke Geschosse feuert. Wie im Krieg. "Das ist Krieg", sagt er, "jede Nase Koks ein Toter."

"Ausgekokst - mein Drogentrip" läuft am 13. November ab 20.15 Uhr auf ZDF Neo