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Reality-Star Sarah Palin: "Mama Grizzly" zieht es ins Fernsehen

Die ultrarechte Tea Party in den USA geht in die Offensive. Bannerträgerin Sarah Palin versucht es jetzt mit einer wilden Fernsehshow. Darin stilisiert sie sich als mutige Pionierin, die mit Grizzlys und Blackberry gleichermaßen zurande kommt.

Die US-Kongresswahlen sind gerade vorbei, da hat der Wahlkampf um die Präsidentschaft schon begonnen, zumindest indirekt. Mehrere republikanische Bewerber in spe sind schon auf Werbe-Tour in Iowa, dem Schauplatz der ersten Vorwahlentscheidung in gut einem Jahr. Und die Hoffnungsträgerin der Rechten, Sarah Palin, hat jetzt ihre eigene TV-Show. Am Sonntagabend (Ortszeit) waren die US-Kabelfernsehzuschauer (The Learning Channel - TLC) erstmals dazu eingeladen, in Palins heimischen Topf zu schauen, zu sehen, wie die Ex-Gouverneurin und Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin ihre Familie und ihre kalte Heimat Alaska liebt.

Und sich selbst. So urteilt jedenfalls die "Washington Post", die in der Serie "Sarah Palins Alaska" hauptsächlich einen Egotrip sieht, eine "Show über Sarah Palin und nichts". Was von Alaska zu sehen sei, gehe kaum über eine Dias-Show hinaus, die ein Verwandter etwa seinen Lieben daheim nach einer Reise in den US-Staat präsentiert. Aber das Blatt räumt auch ein, dass Palin erheblich sympathischer wirke als bei vorausgegangenen TV-Versuchen, etwa als Moderatorin der Serie "Real American Stories" des Senders Fox News über "wirkliche Amerikaner".

Kluger Schachzug

Und schwankend zwischen Bewunderung und Abscheu wird festgestellt, dass mit dieser neuen Show die Grenzen zwischen Showbusiness und Politik so stark verwischt werden wie noch nie, Imagekampagne und Public Relations "neue und unglaubliche" Höhen erreichen. Wenn Sarah Palin eine Präsidentschaftskandidatur 2012 anstrebe, schreibt Kommentator Hank Stuever, "dann ist eine warmherzige Show über Leben in Alaska ein weiterer Schritt in Sachen Marken-Förderung". Auch CNN- Medienkritiker Howard Kurtz bescheinigt Palin einen klugen Schachzug, TV-Präsenz vor einem Millionen-Publikum, "ohne dass es ein kommerzieller Werbespot ist".

Bisher hat sich die furiose Cheerleaderin der ultrakonservativen Tea-Party-Bewegung im Kongresswahlkampf nicht klar über ihre Absichten geäußert, aber wiederholt offen mit der Möglichkeit einer Kandidatur kokettiert. Demnach würde sie das in Betracht ziehen, "wenn es keinen anderen geeigneten Bewerber gibt".

Hauptaufgabe: "Palin stoppen"

2008 war Palin, damals sowohl auf der nationalen als auch auf der internationalen Bühne völlig unbeleckt, nicht vor der Vize-Kandidatur an der Seite von John McCain zurückgeschreckt. Diese hohe Selbsteinschätzung lässt jetzt etablierte Republikaner Schlimmes ahnen. Wie das Magazin "Politico" schreibt, sehen viele ihre Hauptaufgabe im kommenden Jahr darin, "Palin zu stoppen".

Das schüchtert die Frau aus dem kleinen Wasilla ganz offensichtlich nicht ein. "Mama Grizzly", furchtlose Beschützerin der Ihren, wie sie sich selbst gern nennt, geht ihren Weg - in der Reality Show per Schlitten, Kanu oder Privatflugzeug. Zumeist aber schleppt sie die Zuschauer mit dröhnenden benzinfressenden Geländewagen von einer Naturschönheit zur anderen - und stört dann die friedliche Stille und die wirklichen Grizzlys mit lauten schrillen Entzückensbekundungen.

Oder sie ruft laut nach ihrem Mann oder den Kindern, die oft mit von der Partie sind. Palin, auch das soll die Show klarmachen, ist nicht nur ein echter Naturfan, sondern auch eine hingebungsvolle Mutter und Familienfrau. Kein Wort mehr davon, dass sich die Medien aus dem Privatleben der Palins heraushalten sollen, wie es Sarah in der Vergangenheit wiederholt gefordert hat. Aber da ging es auch um Unangenehmes wie Tochter Bristols außereheliche Schwangerschaft.

Palin als mutige Pionierin

So stellt die "Washington Post" fest, dass die Show umso besser sei, je weniger man vor dem Zuschauen über Palin wisse. Aber das ist natürlich schwierig, zumal im Zeitalter des Twitterns, das zu Palins großen Leidenschaften gehört. So zückt sie auch in der Reality Show zwischen all dem Klettern, Angeln, Jagen, Kochen und Backen immer wieder ihren Blackberry.

Vielleicht mailt sie ja gerade eine Nachricht an Karl Rove, den finsteren Altstrategen der Republikanischen Partei? Rove hat öffentlich seine Meinung kundgetan, dass Palin nicht das Zeug zur Präsidentschaftskandidatin habe, und er bezweifelt auch sehr, dass so etwas wie die neue Show ihr ins Oval Office verhilft. Palin forderte ihn prompt heraus und lud ihn nach Alaska ein, da könne er sehen, wie sie in der "Männerwelt" zurechtkomme.

Und das, so meinen Experten, ist wohl auch das Image, an dem Palin gelegen ist - und das in dieser Show geschärft werden soll: Palin als mutige Pionierin, fern vom Establishment, kampfbereit und auch risikofreudig, aber vor allem bodenständig. Eben eine Frau, die sich behauptet, komme, was da wolle.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA