HOME

Sascha Hehn zurück auf dem "Traumschiff": Heidewitzka, Herr Schmuse-Kapitän

Das sei der "Rentner-Job" schlechthin: Sascha Hehn kokettiert mit seiner neuen Rolle als "Traumschiff"-Kapitän. Was nach Gnadenbrot für ein alterndes Sexsymbol klingt, ist ein genialer TV-Coup.

Von Jens Maier

Der Mann ist ein Phänomen. Große schauspielerische Anerkennung hat er nie erfahren. Wofür auch? Für sein Wirken in pseudo-aufklärerischen Sex-Filmchen der pubertierenden Bundesrepublik mit so klangvollen Namen wie "Mädchen beim Frauenarzt" oder "Hausfrauen-Report"? Oder für unzählige und unbedeutende Nebenrollen in ZDF-Krimischmonzetten wie "Der Alte" oder "Derrick"? Nein, preisverdächtig war das nie. Trotzdem kennt ihn fast jeder. Vor 30 Jahren war er so etwas wie "Der Liebling der Nation". Ein Sexsymbol mit blauen Augen und behaarter Brust, aber gleichzeitig dank korrekter Fönfrisur und adretten Poloshirts Schwiegermuttis Liebling. Keiner verkörpert bis heute das Fernseherlebnis der 80er Jahre so gut wie Sascha Hehn. Seine Rückkehr zum "Traumschiff" ist ein genialer TV-Coup.

Hehn wird Kapitän der ZDF-Kultserie und tritt die Nachfolge von Siegfried Rauch an, der nach 14 Jahren in der 70. Folge die Kommandobrücke verlassen wird. Als immer fröhlicher Chef-Steward Victor war Hehn schon einmal von 1981 bis 1987 an Bord und ließ in seiner weißen Uniform Mädchenherzen höher schlagen. Danach heuerte er in einem kuriosen Rollentausch, dem ihn "Traumschiff"-Macher Wolfgang Rademann ins Drehbuch geschrieben hatte, als Zwillingsbruder und Erster Offizier Stefan Burger an, um sich schließlich 1991 endgültig aus der Serie zu verabschieden. "Wir haben immer Späße gemacht: Wenn ich zurückkomme, dann höchstens als Kapitän", sagt Hehn auf seine neue Rolle angesprochen der Nachrichtenagentur DPA. Nach 22 Jahren wird daraus ernst. Ab Januar 2013 tritt er bei den Dreharbeiten in Australien seinen Dienst an und wird ein Jahr später, am 1. Januar 2014, zum ersten Mal im ZDF als "Traumschiff"-Kapitän zu sehen sein.

Rademann: "Echo besser, als ich erwartet habe"

Spöttisch ließe sich behaupten, es ist das Gnadenbrot für einen Schauspieler, der nie wirklich seinen Durchbruch als Charakterdarsteller feiern konnte. Auf dem "Traumschiff", das seit 1981 durch die Weltgeschichte dümpelt, warten bereits Maria Sebaldt, Klaus Wildbolz und Heidelinde Weiss auf ihre Rente. Warum also nicht auch Sascha Hehn. Sonnenschein und Luxus, traumhafte Kulissen an den schönsten Stränden der Erde und immer ein Happy End - die Aussichten auf die Pensionierung könnten schlimmer sein. Da mag es für einen Schauspieler eine untergeordnete Rolle spielen, dass die Storys seicht und die Dialoge mager sind. "Das ist doch der Rentner-Job schlechthin. Wenn ich das 15 Jahre mache, bin ich Mitte 70", kokettiert Hehn mit seiner neuen Rolle als Kapitän. Doch wer glaubt, mit dem neuen Kapitän dümpele der in die Jahre gekommene Serientanker "Traumschiff" künftig nur noch als Rentnerkahn vor sich hin, der unterschätzt die Strahlkraft Hehns gewaltig.

Bei Serienproduzent Wolfgang Rademann steht das Telefon am Dienstagmittag nicht mehr still. "Das Echo ist noch besser, als ich erwartet habe", sagt der Erfinder der Erfolgsserie zufrieden. Die Entscheidung, Siegfried Rauch ersetzen zu müssen, habe sich abgezeichnet. "Der wird 81, ein echter Kapitän geht mit 55 in Rente", erklärt Rademann stern.de. Also habe er "mit einigen Schauspielern gesprochen", sagt er fast so, als komme der Besetzung des Postens eine ähnliche Bedeutung wie die der Gottschalk-Nachfolge bei "Wetten, dass ..?" bei. Die "logische Entscheidung" sei Hehn gewesen. Der habe nicht lange gezögert. „Es war ein Herzenswunsch von ihm, den Kapitän spielen zu dürfen“. Damit schließe sich für die Serie ein Kreis. "Er hat in den 80er Jahren seine Aufgabe wunderbar erfüllt. Er hat gut gespielt und sah blendend aus", lobt Rademann den Hehn von damals. Die alte Uniform passe zwar nicht mehr, er sei älter und reifer geworden, führt Rademann aus, "doch seinen Charme von damals, den hat er behalten."

Millionen Menschen sind mit Hehn aufgewachsen

Trotzdem war es in den vergangenen Jahren still um den einstigen TV-Liebling geworden. Nach seinem Abschied vom "Traumschiff" war Hehn von 1994 bis 1997 in der ZDF-Schnulzenserie "Frauenarzt Dr. Markus Merthin" zu sehen, um danach im Dreiteiler "Eine Liebe auf Mallorca" (1999) und in einem Remake der "Schwarzwaldklinik" (2005) noch einmal den Arztkittel anzuziehen. Danach verschwand er mehr oder weniger von der Bildfläche, war als Synchronstimme des Hollywood-Monsters "Shrek" aber immerhin im Kino zu hören. Wie kann so einer den alten Kahn "Traumschiff" flott machen? Die Antwort ist einfach.

Millionen Menschen sind mit Sascha Hehn aufgewachsen. Das ist sein Erfolgsgeheimnis. Viele assoziieren sofort ein Fernseherlebnis der Kindheit mit ihm. Zum Beispiel, wenn er als Dr. Udo Brinkmann in der "Schwarzwaldklinik" auf die damals coolste denkbare Weise ein Golf Cabriolet bestiegen hat. Mit weißen Socken und Miami-Vice-Sakko macht er nicht schnöde die Tür auf, sondern hüpft mal über die Motorhaube in den Wagen oder erklimmt mit einem Sprung über die Tür das Steuer. Bis heute wird er dafür von seinen Fans verehrt. Auf dem Videokanal "Youtube" gibt es die Szene gleich in mehrfacher Ausfertigung zu sehen - und das immerhin 30 Jahre später.

Der Bart muss ab

Hehn wird für eine ganze Generation immer der nette Fernseh-Onkel sein. In einer Zeit, als Millionen bei Friedensmärschen auf die Straße gingen, brachte er schon damals ein Stück heile Welt in bundesdeutsche Wohnzimmer. Und auch wenn der Kalte Krieg längst vorüber ist, hat die Sehnsucht nach Zerstreuung und Flucht aus der Wirklichkeit eher zugenommen. Hehn befriedigt sie perfekt. Über seine Rückkehr zum "Traumschiff" freuen sich letztlich alle: Die Omas, die ihn sich damals als Mann für ihre Tochter gewünscht hatten, die Mitfünfzigerinnen, die früher beim Anblick seines Brusthaars in Wallung geraten waren und die Endzwanziger, die seinerzeit länger aufbleiben durften. Eine Bedingung Rademanns muss Hehn allerdings noch erfüllen. "Der Bart muss ab", sagt der "Traumschiff"-Erfinder. Dann wird wieder alles so werden wie früher. Herrlich!