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Serien-Donnerstag auf RTL: Drei Frauen sollen das Fernsehen retten

Lange hat RTL von der Substanz gelebt. Jetzt geht der Sender in die Offensive: Drei neue Serien sind am Donnerstag gestartet. Die Rettung liegt nun in den Händen von drei Frauen. Kann das gut gehen?

Von Carsten Heidböhmer

Die kleine Fernsehrevolution beginnt an einem Donnerstag. RTL startet gleich drei neue Formate. Was eigentlich nichts Besonderes sein müsste, immerhin stehen wir am Anfang einer neuen Fernsehsaison. Doch in diesem Fall ist das tatsächlich ungewöhnlich. Denn RTL ist in den letzten Jahren nicht gerade durch Innovationen aufgefallen. Viel zu lange hat sich der Sender auf seine Zugpferde verlassen. Erfolgsformate wie "Wer wird Millionär", die Castingshows "DSDS" und "Das Supertalent" oder die Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" sind stark in die Jahre gekommen und verlieren kontinuierlich Zuschauer. Im vergangenen Jahr hat das ZDF den Privatsender in der Publikumsgunst überholt, seither ist es weiter bergab gegangen.

Und so tritt RTL die Flucht nach vorn an und versucht das Publikum mit eigenproduzierten Serien zurückzugewinnen. Im Mittelpunkt steht jeweils eine Frau. Damit ist klar, wer die Zielgruppe ist: RTL-Fictionchefin Barbara Thielen plant einen "Mädelsabend": "Die drei Serien funktionieren so gut zusammen, dass man sie am Stück schauen möchte".

Kanada in Brandenburg

Die größte Hoffnung setzt der Sender in das Romantic Drama "Doc meets Dorf". Die auf acht Teile angesetzte Reihe bekommt mit 20.15 Uhr den besten Sendeplatz und ist auch mit einer Dauer von 60 Minuten (inklusive Werbung) doppelt so lang wie die beiden anderen Neuheiten. Im Mittelpunkt steht die karrieregeile, megazickige Großstadtärztin Fritzi Frühling (Inez Bjørg David), die einen Bauernhof in Kanada erbt. Nicht Kanada, Nordamerika, sondern Kanada, in Brandenburg. Das soll schon der erste Gag sein. In Kanada trifft sie ihren Ex-Freund wieder, und teilt mit ihm eine Praxis. Denn Falk ist ebenfalls Arzt - Tierarzt.

"Doc meets Dorf" soll der Nachfolger der enorm populären Arztserie "Doctor's Diary" werden. Dafür soll die Produzentin Steffi Ackermann bürgen, die schon "Doctor's Diary" verantwortet hat. Tatsächlich gibt es eine Parallele: In beiden Serien steht eine junge Ärztin im Mittelpunkt, die aus dem Off immer wieder das Geschehen kommentiert.

Fritzi flucht wie Schimanski anno 1980

Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Denn die neue Serie schlägt einen radikal anderen Ton an. Das beginnt schon damit, dass Fritzi über eine - für deutsche Serienverhältnisse - deftige Ausdrucksweise verfügt. Ständig sagt sie "verfickt" und "fucking Scheiße". Doch was bei Schimanski vor 30 Jahren noch für Aufregung gesorgt hat, kann dem Zuschauer 2013 nur ein müdes Lächeln hervorlocken. Denn wer schon mal eine US-Serie wie "The Wire" oder "Shameless" im Original gesehen hat, bekommt hier keine roten Öhrchen mehr. Und wenn Fritzi ihren Nachbarn als "Du flachwichsende Evolutionsbremse" beschimpft, fühlt man sich an Pennälersprüche aus der eigene Schulzeit erinnert.

Das Hauptproblem von "Doc meets Dorf" sind aber die unzähligen Klischees, die alle originellen Ideen und Wendungen erdrücken. Allein die Grundkonstellation ist endlos oft in Filmen verwendet worden: Großstadtgirl zieht widerwillig aufs Land, lässt sich dann von den tumben, aber charmanten Dorfbewohnern überreden und bleibt. Land und Dorf, das sind hier: blökende Schafe, Traummänner im Traktor, Schlamm und Pfützen, in denen sich die Großstadttussi Schuhe und Mantel dreckig macht - und allerlei schrullige Landeier. Etwa den kernigen Landwirt Uwe, der sich heimlich die Brüste hat operieren lassen, und jetzt Ute heißt. Ja, auch das soll witzig sein. Der Kracher der ersten Folge: Fritzi versucht, ein Schaf wiederzubeleben - mit Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Zu allem Überfluss ähnelt "Doc meets Dorf" verdächtig der US-Serie "Hart of Dixie", eine Parallele, die RTL zurückweist.

Hat man diese Stunde überstanden, kann es eigentlich nur besser werden - und es wird besser. Wenn es einen Nachfolger für "Doctor's Diary" gibt, dann ist das "Christine - Perfekt war gestern", eine deutsche Adaption der US-Sitcom "The New Adventures of Old Christine". Das liegt natürlich vor allem daran, dass Diana Amft die Hauptrolle spielt. Aber auch an dem charmanten Humor. Im Mittelpunkt steht die alleinerziehende Mutter Christine (Amft), die nach der Trennung von Ehemann Stefan (Janek Rieke) mit ihrem Sohn und ihrem Bruder Mark (Axel Schreiber) eine WG gegründet hat. Ausgerechnet am ersten Schultag des Filius erfährt sie, dass ihr Ex eine Neue hat. Sie ist deutlich jünger, schlanker - und trägt zu allem Überfluss auch noch denselben Vornamen.

Christine beginnt endlich damit, ihr eigenes Leben zu führen. Dabei gerät sie mit den spießigen Elternvertreterinnen an der Schule aneinander, landet immer wieder mit den falschen Männern im Bett - und hadert viel mit sich und ihrem Leben. Die Serie hat Tempo, Witz - und vor allem bringt sie Diana Amft wieder auf den Bildschirm. Drei Gründe, einzuschalten. Über ein paar Albernheiten zuviel sieht man da gerne hinweg.

Den Serienabend beschließt um 21.45 Uhr die Comedy-Reihe "Sekretärinnen - Überleben von 9 bis 5". Katja (Ellenie Salvo Gonzales) nimmt einen Job als Chefsekretärin in einer Toastfabrik an. Und hat schon bald mehr Probleme, als ihr lieb ist: Ihr Chef Berger (Jochen Horst) ist ein Choleriker mit kompliziertem Privatleben, die beiden anderen Sekretärinnen wollen sie so schnell wie möglich abservieren - und ihre eigene Schusseligkeit macht es für sie auch nicht leichter. Es gäbe vieles gegen diese Serie einzuwenden - flaue Gags, unzählige Büroklischees und ein starres Geschlechterbild (Männer sind Chefs, Frauen dienen ihnen). Doch Ellenie Salvo Gonzales ist ein Grund, dranzubleiben. Sie weckt Sympathien, ist komisch - und trägt die Serie im Alleingang.

Die große Fernseh-Revolution ist das alles nicht. Aber immerhin: Mit ordentlich Prosecco reicht's für einen lustigen Mädelsabend. Das ist doch schon mal ein Anfang.