VG-Wort Pixel

30 Jahre stern TV "Wir machen vom Kindergeburtstag bis zur politischen Debatte alles in der Sendung"

stern TV
Günther Jauch (l.) und Steffen Hallaschka sind die beiden einzigen stern-TV-Moderatoren in 30 Jahren.
© Ruprecht Stempell / TV Now
1990 begrüßte Günther Jauch die Zuschauer zur ersten Folge von stern TV. 30 Jahre später präsentiert Steffen Hallaschka die größten Highlights aus drei Jahrzehnten. Im Doppelinterview blicken die beiden Moderatoren zurück auf Höhepunkte und unvergessliche Momente.

Herr Jauch mit welchem Anspruch ist stern TV vor 30 Jahren an den Start gegangen?

Günther Jauch: Wir wollten etwas völlig Neues im deutschen Fernsehen machen: Eine Mischung aus Information und Unterhaltung. Wir wollten keinerlei Berührungsängste gegenüber Politik, Show, Komik oder Lebenshilfe haben. Das wollten wir in einer Art Wundertüte präsentieren, die es damals noch nicht gab. Früher wurden Sendungen noch in bestimmte Schubladen gesteckt: Das ist eine Informationssendung, das ist eine Dokumentation und das ist eine Unterhaltungssendung. Dass daraus eine Schnittmenge entstehen konnte war neu.

30 Jahre sind beim Fernsehen eine wahnsinnig lange Zeit. Was hat sich in den Jahren verändert?

Günther Jauch: Die Sendung hat sich entwickelt, aber nicht so, dass man sie nicht wiedererkennen würde, auch wenn das in manchen Ohren abwertend klingen mag. Natürlich finden wir, dass wir alle vor 30 Jahren seltsam aussahen. Bei manchen Dingen hat man sich damals mehr Zeit genommen. Dafür ist aber die Technik auch vorangeschritten: Viel schnellere Schnitte sind heute möglich und man kann vom Bild her viel kreativer sein. Aber wir haben immer noch den Anspruch, mit der Sendung das gesellschaftliche Leben ohne Scheuklappen abzubilden. Das ist auch das Besondere der Sendung. Und, dass es eine Sendung ist, in der man Zeit hat – mittlerweile jeden Mittwoch fast zwei Stunden und das seit Jahrzehnten. Das ist einmalig im deutschen Fernsehen.

30 Jahre stern TV – das sind viele Sendungen. Gibt es eine Sendung, die sich besonders bei Ihnen eingebrannt hat?

Günther Jauch: Für mich persönlich war es ein besonderes Ereignis, dass Michael Gorbatschow bei einem diplomatischen Dinner in Bonn war. Da war die Diskussion um die deutsche Einheit auf dem Höhepunkt. Wir hatten gerüchteweise gehört, dass er solch ein Abendessen einfach verlässt, wenn ihm langweilig ist. Da machte uns die russische Delegation Hoffnung, dass er danach vielleicht noch bei uns in der Sendung vorbeischaut. Genauso passierte es dann auch: Er saß länger als eine halbe Stunde in unserem Studio und äußerte sich über das Weltgeschehen. Wir mussten damals sogar unsere Sendezeit überziehen, weil Herr Gorbatschow gar nicht mehr aufhörte, aus seinem Leben zu erzählen.

Mir ist zudem eine Sendung im Gedächtnis geblieben, die auf Initiative eines Zuschauers entstanden ist. Ich bekam eines Tages einen Brief aus Nepal mit Fotos von entsetzlich entstellten Menschen, die als Kinder in offene Feuerstellen gefallen waren und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten. Hier gab es einen deutschen Arzt, der diese Menschen behandeln wollte, dem aber das nötige Geld fehlte. Diesen Arzt haben wir eingeflogen und zu seiner Geschichte eine Sendung gemacht. Mit den Spendengeldern, die im Zuge dieser Sendung zusammenkamen, war der Arzt am Ende in der Lage, ein großes Krankenhaus zu bauen und in den Dörfern Behandlungseinheiten einzurichten. Mittlerweile hat er die nächste Generation an Ärzten ausgebildet, die sich um solche Menschen kümmern können. Diese Geschichte ist ein Beweis dafür, welche Kraft Fernsehen haben kann.

Steffen Hallaschka, Sie moderieren die Sendung jetzt seit 10 Jahren – das ist ein großes Erbe. Viele haben sich damals gefragt: 'Wie ist der Neue?' Worauf sind Sie besonders stolz?

Steffen Hallaschka: Ach, stolz überhaupt nicht. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass das geklappt hat. Mir ging es genauso wie den Zuschauern. Ich bin damals mit den Worten rausgegangen: 'Ja, ich weiß, das ist komisch für Sie. Was soll ich denn erst sagen?' Denn genau so war auch mein Gefühl. Schon acht oder zwölf Wochen vor meiner ersten Sendung gab es eine riesen Erwartungshaltung, als bekannt wurde, dass es einen Wechsel gibt. Ich musste andauernd erklären, was anders wird, was neu wird und was wir völlig über den Haufen werfen werden. Wir haben nichts über den Haufen geworfen. Wir haben damals gesagt, die Sendung ist so stabil, so toll, das Team ist so stark und hat in den Reportagen und Beiträgen solch eine Kernqualität, das muss nur einer ordentlich präsentieren. Das habe ich dann versucht und die Zuschauer sind mitgegangen. Ich wusste selber nicht, ob das funktionieren wird. Nach einem halben Jahr war klar: Jetzt diskutiert keiner mehr über die fehlende Krawatte, jetzt komme ich langsam in den Wohnzimmern und Köpfen der Leute an.

Wie würden Sie den Markenkern von stern TV heute beschreiben?

Steffen Hallaschka: Der Markenkern ist noch ähnlich wie der in den Neunzigern. Es ist die beschriebene Wundertüte. Es ist ein Format ohne inhaltliche und formale Grenzen. Wir machen vom Kindergeburtstag bis zur politischen Debatte eigentlich alles in der Sendung. Aber sie hat sich natürlich dadurch verändert, dass sich die Welt außen herum verändert hat. Als stern TV in den Neunzigern losging, hat das Internet noch gar keine Rolle gespielt in Deutschland. Bewegtbild im Netz, YouTube, das sind alles Dinge, die kamen mit den Jahren. Dadurch hat sich die ganze Medienlandschaft beschleunigt. Was wir heute merken: Es reicht nicht mehr, am Mittwochabend den Menschen in der Sendung zu haben, der am Freitag die Schlagzeilen beeinflusst hat. Der ist dann nämlich im Netz und in allen anderen Medien schon rauf und runter gelaufen. Das bedeutet, wir konzentrieren uns heute mehr auf selbstgesetzte Themen, ganz stark auf Reportage – mehr als auf Köpfe. Wir haben heute weniger Prominente in der Sendung zu Gast, als es in den Neunzigern der Fall war. Wir versuchen jedoch stärker als früher, Orientierung zu schaffen. Wir haben einen großen Blick auf Orientierung in der veränderten Welt, in der digitalisierten Welt. Wir machen viel Verbraucherjournalismus, viele Datensicherheits-Themen. Das sind Dinge, die so in den Neunzigern noch nicht auf der Liste standen. 

Ist es in Zeiten von Corona wichtiger denn je Orientierung zu schaffen? Was bedeutet die Pandemie für die Berichterstattung von stern TV?

Steffen Hallaschka: Corona war für stern TV vor allem in den ersten Wochen der Pandemie eine besondere Herausforderung. Zum einen, weil die Erkenntnisse sich täglich mehrten und veränderten. Orientierung zu schaffen und sich selbst Orientierung zu verschaffen, waren quasi ein und dasselbe. Eine Art Live-Journalismus in Echtzeit. Zum anderen wollten wir trotz der inhaltlichen Herausforderungen mit unserer stern-TV-Kernkompetenz aufwarten: Geschichten von Menschen zu erzählen. Wir hatten als erste Sendung im deutschen Fernsehen eine Liveschalte zu einem coronainfizierten Paar in die häusliche Quarantäne. Das klingt mit dem Abstand von ein paar Monaten wenig spektakulär, hatte aber im Frühjahr eine wichtige Bedeutung, weil Schlagzeilen und Statistiken plötzlich ein Gesicht bekamen. 

Gab es für Sie besonders einprägsame Momente, die Sie während der Berichterstattung zur Corona-Krise erlebt haben? Was nehmen Sie als Moderator von stern TV und persönlich aus dieser Zeit mit?

Steffen Hallaschka: Das Coronajahr 2020 ist die vielleicht intensivste und aufreibendste Zeit, die ich mit stern TV erlebt habe. Und das, obwohl mein Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen auf ein Minimum reduziert war. Ich habe über Monate die Redaktion nicht betreten und mich mit Kollegen nur telefonisch und in Videokonferenzen besprochen. Auch im Studio haben wir mit reduzierter Mannschaft gearbeitet und penibel Hygiene- und Abstandsgebote eingehalten. Ich bin mit dem eigenen Auto zwischen Homeoffice und Studio gependelt und habe anfangs sogar in meiner Garderobe übernachtet, um Kontaktrisiken im Hotel zu vermeiden. Der Rest der Arbeit lief auf Distanz. Und dennoch musste ich mich wegen einer Quarantäne-Anordnung sogar in einer Sendung vertreten lassen. Das alles hat nicht im eigentlichen Sinne Spaß gemacht. Aber es war eine sehr intensive und auch befriedigende Zeit, weil wir zum Teil mit verlängerter Sendezeit und trotz erschwerter Bedingungen hervorragende Sendungen produziert haben. Ich habe noch einmal neu gelernt, in was für einem großartigen Team ich arbeiten darf. Diese Gewissheit und Zufriedenheit nehme ich mit.

10 Jahre moderieren sie bereits das Magazin. Was war Ihre persönliche Highlight-Sendung?

Steffen Hallaschka: Wenn ich an besondere Momente denken soll, denke ich immer an das Comeback von Gaby Köster bei stern TV. Für mich war es eine große Verantwortung und Aufregung, diese Kollegin, die noch immer sichtbar an den Folgen ihres Schlaganfalls litt, auf die Bühne zu führen. Für mich war eigentlich jede Sendung im Januar 2011, als ich erstmals als Moderator durch den Studio-Stern gehen durfte, auch speziell. Es war wie ein Fallschirmsprung, bei dem man nicht weiß, ob sich der Schirm unterwegs öffnet und man unten sicher landet. Und die Erleichterung am nächsten Morgen, als ich sah, dass die Kritiken gar nicht so schlecht waren, das habe ich auch noch als einen besonderen Moment in Erinnerung.  

30 Jahre stern TV, Mittwoch, 2. September, 20.15 Uhr auf RTL

RTL

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker