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Stuckrad-Barre und Ulmen im Interview: "Experiment ist die Entschuldigung aller Dilettanten"

Die eigenwillige Politshow "Stuckrad Late Night" geht in die zweite Runde. stern.de traf Gastgeber Benjamin Stuckrad-Barre und Produzent Christian Ulmen zum Interview. Es geht um Quote, die Pest und Merkels TV-Serien-Geschmack.

Von Sophie Albers

Wäre "Stuckrad Late Night" ein Madonna-Song, welcher wäre es?
Benjamin Stuckrad-Barre: "Nothing really matters".
Christian Ulmen: (schlürft Tee) Nicht eher "Frozen"?
Stuckrad-Barre: Natürlich auch ein bisschen "Papa don't preach". Und wenn Christian dabei ist, hat es Anteile von "Like a Virgin".

Bleibt es in der zweiten Staffel bei Gästen aus der Politik?
Stuckrad-Barre: Hauptgast bleibt der Politiker.
Ulmen: Ja, aber es wird Überraschungsgäste aus der Welt des Pop geben. Zum Beispiel einen Leander Haussmann, der hereinstürzt und Christian Ude inszeniert.

Ist Ulmen ein guter Chef, Herr Stuckrad-Barre?
Ulmen: Ja, nächste Frage.

Ist Stuckrad-Barre ein guter Moderator?
Ulmen: Ja. Äh nein. Denn er ist kein Moderator. Er ist Gastgeber seiner Late-Night-Show. Und das Wort Moderieren wird von ihm ad absurdum geführt auf eine noch unterhaltsamere Weise, als es jeder Moderator sonst könnte.
Stuckrad-Barre: Da hat man es jetzt gerade wieder gemerkt: Christian ist ein sehr guter Chef.

Die Sendung wird immer wieder als Experiment beschrieben und gelobt. Wird es irgendwann auch einmal ein Ergebnis geben?
Stuckrad-Barre: Experiment ist erstmal die Entschuldigung aller Dilettanten. Andererseits heißt es, dass man versucht, Sachen herzustellen, bei denen auch mit einem selbst etwas vor sich geht und man das Ergebnis noch nicht kennt, weil man sonst vor Langeweile sterben würde.
Ulmen: (raucht Kette) Das ist genau richtig umschrieben. Das war bei meinen ganz frühen Sachen bei MTV auch so, wenn wir mit versteckter Kamera rausgegangen sind und auf der Straße irgendwelchen Quatsch gemacht haben. Das war immer die naive Neugier, wie reagieren die wohl.
Stuckrad-Barre: Aber auch: Wie reagierst du selbst. Das ist eine Konstante bis heute, wenn man sich "Jonas" anguckt.
Ulmen: Das Ergebnis ist immer das Produkt. Am Schluss sieht man halt, wie die Leute reagiert haben. Jede Show ist das Ergebnis des Experiments.

Wie würde Uwe Wöllner einen Stuckrad-Barre erklären?
Ulmen (mit Wöllner-Stimme): Das ist'n krasser Typ, ziemlich schlau, abgefahren drauf, immer goilste Anzüge an. Voll viel Erfolg bei Frauen wegen Schlauheit. So, glaube ich ...
Stuckrad-Barre: Das zum Beispiel war jetzt gerade schockierend. Eine Seite von Christian, die real in ihm angelegt ist, die dann aber überspitzt in einer Figur ihren Frieden findet und damit auch erledigt ist. Das ist Christians Art, Varianten an sich, die bei Frauen nur mittel ankommen, zu überwinden.

Sie helfen in Ihrer Show also nicht nur anderen, sondern auch sich selbst?
Stuckrad-Barre: Zuallererst.
Ulmen: Da ist ein bisschen was dran. Nein, da ist natürlich gar nichts dran. Aber was doch stimmt: Ich war in der Schule extrovertierter, als ich es jetzt bin. Und das hat auch viel damit zu tun, dass ich nach der Schule zu MTV ging und alles, was man so extrovertiert tut, ausleben konnte. Ich habe das komplett befriedigt und hatte dann privat keinen Redebedarf mehr, keinen Wunsch mehr, jemanden zu ärgern.
Stuckrad-Barre: Oder dich mit jemandem zu treffen.
Ulmen: Ich wollte komplett meine Ruhe haben. Dann war ich im Einklang mit mir selbst.
Stuckrad-Barre: Und jetzt hat sich der Christian mit Tee bekleckert.
Ulmen: Weil der auf der Untertasse war.
Stuckrad-Barre: Das Hemd hat aber auch wieder zwei Farben zu viel.
Ulmen: Findest du jetzt doch? Du mochtest es!
Stuckrad-Barre: Ich bin höflich.

Wieviel Fernsehen gucken Sie am Tag?
Stuckrad-Barre: Pervers viel. So vier Stunden, verteilt auf morgens und abends. Es ist das erste, was ich tue, und das letzte. Aber nicht tagsüber, das finde ich ein bisschen asozial.
Ulmen: Bei mir ist das wie mit dem Rauchen: Es gibt Wochen, in denen ich gar nicht gucke, und es gibt Wochen, die sind sehr intensiv. Dann aber immer über Mediatheken und über iTunes. Da vergehen Stunden.
Stuckrad-Barre: Es macht mir Freude, Sachen dann zu sehen, wenn auch andere sie sehen. Damit ich mich morgens auf dem Schulweg darüber unterhalten kann. Weil es dann eine spezielle Wirkung hat, denn es ist in dem Moment gerade die scheinbare Wirklichkeit.

Haben Sie Lieblingssendungen?
Stuckrad-Barre: Ich gucke alle Politik- und Nachrichtensendungen wahnsinnig gern. Das klingt jetzt zugeschustert auf unsere Zwecke, ist aber wahr. Daraus ist auch die Idee für diese Sendung geboren, weil es das ist, womit ich mich momentan am liebsten beschäftige, freiwillig. Ich gucke wirklich jede Talkshow, in der irgendein Politiker auftritt. Ich kann gar nicht genug davon kriegen.

Wovon genau?
Stuckrad-Barre: Wie gesprochen wird, und natürlich auch, was alles nicht gesagt wird, wie geguckt wird, die Art, lächerliche Fragen zu stellen, die vorgeben, jederzeit alles zu verstehen.

Aber das wird doch schnell redundant.
Stuckrad-Barre: Natürlich. Dann ist es erst gut. Dann weiß man auch, dass alles gar nicht so schlimm ist, wenn alles immer wieder gesagt wird. Und dieses scheinbare Bescheidwissertum: Was Angela Merkel jetzt im Gespräch mit Sarkozy unbedingt beachten muss - von Hamburg aus betrachtet ... Wow, das ist schon allerhand, das zu wissen. Diese Absolutheitsansprüche in der Rhetorik unterhalten mich einfach sehr gut.

Ihre Lieblingssendung, Herr Ulmen?
Ulmen: Ich sehe gerade die brillante US-Serie "Walking Dead". Ein Meisterwerk. Da geht es darum, dass die Welt von einem Virus befallen wurde, und alle zu Zombies geworden sind.
Stuckrad-Barre: Das ist im Grunde die Beschreibung der Sendung von Maybritt Illner.
Ulmen: Und das ist auch dem zuträglich, was wir hier machen.
Stuckrad-Barre: Ich gucke momentan wahnsinnig gern "The West Wing". Das habe ich einem Artikel über Angela Merkel im "stern" zu verdanken. Darin stand, dass Mitarbeiter ihr manchmal DVDs besorgen müssen, und als Beispiele waren genannt: "Mad Men" - kannte ich - und "The West Wing" - kannte ich nicht und ist schon zehn Jahre alt.
Ulmen: Du kanntest "The West Wing" nicht?
Stuckrad-Barre: Nein. Habe ich gerade erst entdeckt und gucke es nun am Stück, voller Begeisterung. Die Kanzlerin hat einen guten Seriengeschmack. So wie in "The West Wing" dargestellt, ist tatsächlich Politik. Genauso findet es statt.

Gibt es Sendungen die Sie, wenn Sie könnten, abschaffen würden?
Stuckrad-Barre: Nein, einfach umschalten.
Ulmen: Das Hassenswerte gehört dazu. So wie: Wenn es Gott gibt, muss es auch den Teufel geben. Wenn es gutes Fernsehen gibt, muss es auch die Scheißsendungen geben, über die man sich leidenschaftlich erzürnt.
Stuckrad-Barre: Nur Geschmacksdiktaturfernsehen - da würde für mich eine Welt zusammenbrechen.

Was ist für Sie gutes Fernsehen?
Stuckrad-Barre: Wenn nur noch Sachen von so hoher Qualität wie "The West Wing" laufen würden. Das wäre überhaupt kein Abbild der Realität und der Geistesverfassung des Publikums und der Menschen, die etwas herstellen. Der ganze Stumpfsinn muss eben immer auch abgebildet und überprüft werden.
Ulmen: Die Sendung, der man die Pest an den Hals wünscht, ist genau dafür da, dass man sich aufregen und eben solche Wünsche wie die Pest formulieren kann.
Stuckrad-Barre: Das ist gute Triebabfuhr.

So viel Aggression hört sich ein bisschen tragisch an.
Ulmen: Aber wenn man sich morgens schon im Badezimmer echauffiert hat, dann kann ja nicht mehr so viel passieren.

Wie bei Ihnen damals mit MTV?
Ulmen: Genau. Stucki ist morgens im Bad extrovertiert und kommt dann als Eremit hier rein.

Wie egoistisch ist "Stuckrad Late Night"?
Ulmen: Wir - und das finde ich auch wichtig und gut - gehen einerseits davon aus, das alle anderen auch gut finden, was wir gut finden. Wir sind ja keine Unterhaltungselite, die das für sich macht. Das ist erstmal die naive Herangehensweise. Aber manchmal muss man überprüfen, ob das, was man gut findet, auch ankommt. Dazu gibt es Testpublikumssitzungen. Da gucken sich 50 Leute eine Sendung an und sagen hinterher, was sie wie verstanden haben. Da kann man viel lernen. Und wenn sie es nicht verstehen, formen wir unsere Ideen nächstes Mal ein bisschen anders, plakativer, damit sie auch ankommen.
Stuckrad-Barre: Aber natürlich kann Marktforschung nicht die komplette Wahrheit liefern. Wer ganz viel gefragt wird, gibt auch ganz viele Antworten. Es muss bitte wirklich nicht immer alles verstanden werden. Ich versteh ja selbst nicht alles. Das finde ich im Fernsehen manchmal wirklich grauenhaft, wenn alles einen Bogen haben muss, alles zuende erzählt, jedes Wort zu jeder Zeit begriffen werden muss. Auch dagegen treten wir an mit dieser Sendung.

Wie wichtig ist die Quote?
Ulmen: Mich nervt, dass es in der Berichterstattung sogar von Programmzeitschriften mittlerweile so rüberkommt, als sei Fernsehen Fußballspielen, wo es hinterher darum geht, wie viele Tore man geschossen hat. Es geht nicht mehr darum, ob eine Sendung gut, lustig, unterhaltsam war, ob man was mitgenommen hat. Sondern es wird inzwischen selbst am Stammtisch über die Quote von Gottschalk palavert. Das ist wirklich grenzdebil, wenn die Zuschauerzahl nicht nur der einzige Maßstab dafür ist, ob eine Sendung funktioniert oder nicht, sondern zum ausschließlichen Sinn allen Fernsehschaffens erklärt wird. In keinem anderen Unterhaltungs- und Kulturzweig wird der numerische Erfolg so pervertiert wie beim Fernsehen. Tausend Internetseiten, die sich auf Schülerzeitungsniveau mit nichts anderem befassen als mit GfK-Zahlen und erschreckenderweise massenhaft geklickt werden. Selbst die sogenannten Nischen-Sender müssen sich den "bitteren Absturz" oder "Mega-Erfolg" bescheinigen lassen, wenn sich hinter der Null und dem Komma irgendwas Winziges verändert hat. Lasst doch wenigstens die Nischen in Ruhe mit dem Stumpfsinn.
Stuckrad-Barre: Es wird gefährlich, wenn Quote bei denen, die Fernsehen herstellen, als absolute Wahrheit gewertet wird, weil es das übersichtlichste Kriterium ist. Und das auf Basis von - was weiß ich - 6000 Haushalten, an deren repräsentativen Wert ich keine Sekunde lang glaube.

Herr Stuckrad-Barre, Sie haben zusammen mit Helmut Dietl das Drehbuch zu "Zettl" verfasst. Haben Sie etwas Neues über Berlin gelernt?
Stuckrad-Barre: I've learned from the best. Es ist aber auch nur ein sehr begrenzter Teil von Berlin. "Eine preußische Quadratmeile", wie Dietl immer sagt. Darin bewegen sich unsere Figuren. Ist zwar alles ausgedacht, obwohl es momentan von der Wirklichkeit bestätigt bis überboten wird. Noch mal Danke an Christian Wulff. Besser könnte man das Land gar nicht auf diesen Film vorbereiten. Das hat er wirklich gut gemacht.

Wieviel haben Sie ihm dafür bezahlt?
Alles kostenlose Werbung für unseren Film, genau wie der Versuch des Guttenberg-Comebacks.

Sind Menschen gut oder schlecht?
Stuckrad-Barre: Ob Menschen gut sind? Ich gehe diesem Irrtum jeden Morgen wieder auf den Leim.
(Ulmen lacht)