"Tatort"-Jubiläum Die Gesellschaft im Fadenkreuz


Ein dramatischer Akkord, ein treibendes Schlagzeug - auf den "Tatort" freuen sich jeden Sonntag Millionen Deutsche. Ein Grund für den Erfolg ist, dass sich die Serie nicht scheute, Tabuthemen aufzugreifen. Am Sonntag wird die 700. "Tatort"-Folge ausgestrahlt.
Von Mareike Gries

Sonntagabends ist es rappelvoll im Café Cantona, einer Kneipe in der Leipziger Innenstadt. Dutzende Fans, die meisten sind Mitte, Ende 20, frönen dort seit zwei Jahren dem Public-"Tatort"-Viewing. Während des Vorspanns schleppen einige Besucher noch schnell Stühle herein, was andere mit einem genervten "Pssst!" kommentieren. "Das Public Viewing ist ein gutes Mittel, um gerade in den Städten die vereinsamte Jugend wieder zusammen zu bringen", erklärt Annegret Richter, Medienwissenschaftlerin an der Universität Leipzig und selbst begeisterte "Tatort"-Zuschauerin. "Die verschiedenen Teams sorgen immer wieder für Abwechslung, außerdem sind die realen Schauplätze und der Lokalkolorit sehr Identität stiftend", erklärt sie den Erfolg der Serie.

Ein echtes Bild der Gesellschaft beschreibe der "Tatort" zwar nicht, "schließlich gibt es bei weitem nicht so viele Morde", aber er orientiere sich stark an der Wirklichkeit. "Der "Tatort" hat schon immer gesellschaftsrelevante Themen aufgegriffen, aber er bleibt dabei die große Sonntagabend-Unterhaltung", sagt Annegret Richter. Angefangen hat das 1970 mit der ersten Folge - "Taxi nach Leipzig". Der Hamburger Kommissar Trimmel musste dabei über die innerdeutsche Grenze hinweg ermitteln.

Der "Tatort" greift gesellschaftliche Entwicklungen auf

Die Medienwissenschaftlerin Susanne Vollberg hat die Realitätsbezogenheit besonders in den "Tatort"-Folgen des Westdeutschen und des Bayerischen Rundfunks erforscht und festgestellt, dass gesellschaftspolitische Entwicklungen durchgängig vorkamen - die Themenkonjunktur habe sich jedoch über die Jahre gewandelt: "In den 80er und 90er Jahren waren Umweltkriminalität und Wirtschaftsverbrechen besonders beliebt. Zum Beispiel Fälle, in denen Bauern ihren Tieren Arzneimittel und Hormone gefüttert haben, um einen höheren Ertrag einzufahren."

Was in den 90ern die Umweltskandale waren, sind heute die Gewaltverbrechen in der Familie: Inzest, Verwahrlosung, Missbrauch. Auch im 700. "Tatort" werden diese Themen wieder eine zentrale Rolle spielen. "Unsere Gesellschaft ist dafür heute stärker sensibilisiert", erklärt Susanne Vollberg. Obwohl sich die Themenlage über die Jahre geändert hat, ist ein entscheidender Faktor der gleiche geblieben. "In der Regel schnappen die "Tatort"-Kommissare die Täter, aber bei Wirtschafts- und Umweltkriminalität sind es meist nur die kleinen Fische. An der Kriminalität als solcher können auch sie nichts ändern", sagt Susanne Vollberg.

Obwohl das Fernsehangebot immer breiter wird, hat der "Tatort" konstant gute Quoten. Mehr als sieben Millionen Menschen verfolgen durchschnittlich die sonntägliche Erstausstrahlung. Allerdings liegt der Altersdurchschnitt der Zuschauer laut ARD Medienforschung bei 56 Jahren, Tendenz steigend - trotz Public Viewing. Deshalb versuchen die Redaktionen immer wieder, gezielt ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Eine Folge machte Furore im HipHop-Milieu

So war es auch bei der Folge "Fette Krieger", die 2001 vom Südwestrundfunk produziert wurde. Dominik Reding wurde mit der Regie betraut und sollte ein Drehbuch umsetzen, das im HipHop-Milieu spielt. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) kommt dabei zum ersten und einzigen homosexuellen Ermittlerkuss in der "Tatort"-Geschichte. "Ich wollte zeigen wie frauenfeindlich dieses Milieu ist. Dafür habe ich den wirklich harmlosen Kuss als Mittel eingesetzt." Schließlich sei die HipHop-Szene dafür bekannt, dass Frauen nur als "Bitches" und Staffage vorkommen.

Weder die Redaktion und die Schauspieler noch die Rezensenten fanden die Kuss-Szene problematisch - Aufregung kam aus einer ganz anderen Ecke. "In verschiedenen HipHop-Foren wurden wir regelrecht dafür angefeindet. Sandra Borgmann, die damals den HipHop-Groupie Mona gespielt und dabei Lena Odenthal geküsst hat, wurde noch Jahre später wegen der Szene angemacht", sagt Dominik Reding.

Früher gab es öfter Ärger

Nach den bisher 699 Erstausstrahlungen gab es immer wieder ganze Zuschauergruppen, die sich über die fiktiven Geschichten oder deren Umsetzung echauffiert haben. So haben die musikalischen Kommissare Paul Stoever und Peter Brockmöller alias Manfred Krug und Charles Brauer einen dicken Rüffel gläubiger Christen einstecken müssen - Schuld war ein Ave Maria, das sie in der Folge "Rattenlinie" in einem Kloster geträllert haben.

"Die "Tatort"-Redakteure trauen sich heute viel weniger als früher", sagt Francois Werner, der vor elf Jahren die Internetseite Tatort-Fundus.de gegründet hat. Der Stuttgarter ist mit seinen 34 Jahren jünger als der "Tatort" selbst - trotzdem hat er jede Folge mindestens einmal gesehen. "Der frühen Episoden waren teilweise richtig visionär", erklärt er. Zum Beispiel die Folge "Rechnen Sie mit dem Schlimmsten" von 1972. Dabei ging es um Organhandel - Morde zum Überleben anderer.

Besonderes Näschen für Verbrechen

In der Realität kam der Begriff erstmals in den 80er Jahren auf, als gesunde Menschen ihre Organe an Kranke verkauft haben. Autor der Episode war Friedhelm Werremeier, der ein besonderes Näschen für Morde und Verbrechen hat. Mit "Platzverweis für Trimmel" hat er in der 32. Folge so auch den Bundesligaskandal der 70er Jahre vorweggenommen, bei dem es um manipulierte Punktspiele ging. Die Romanvorlage zu dem "Tatort" hat Werremeier zu einem Zeitpunkt geschrieben, als Fußball die sauberste Sportart überhaupt und Schummelschiedsrichter Robert Hoyzer noch nicht mal auf der Welt war.

Obwohl die frühen Folgen den aktuellen an Brisanz in nichts nachstehen, hat es bis zum Jahr 2007 gedauert, ehe die Krimiserie sogar zu Massendemonstrationen geführt hat: Angelina Maccarone war als Regisseurin und Drehbuchautorin dafür verantwortlich, dass Kommissarin Charlotte Lindholm einem Inzestdrama in einer alevitischen Familie auf die Spur kommt. Tausende Aleviten - Anhänger einer islamischen Religionsgemeinschaft - sind deshalb im Dezember auf die Straße gegangen.

Langweilig war es in den bislang 700 Tatortfolgen selten. Einer 1000. Episode steht somit nichts im Wege - wenn es bei 33 Erstausstrahlungen im Jahr bleibt, könnte dann 2018 das ganz große Jubiläum gefeiert werden.


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