VG-Wort Pixel

"Tatort"-Kritik Der fast perfekte Mord


Ein Mord ohne Leichnam, ein Verbrechen ohne Spuren: Die "Tatort"-Ermittler bringen einen Hauch von Hollywood in den Berliner Hinterhof. "Hitchcock und Frau Wernicke" ist ein leises Kammerspiel, in dem sich die Spannung erst spät entfaltet.
Von Kathrin Buchner

Sind es die Hirngespinste einer Trümmerfrau oder handelt es sich tatsächlich um ein Verbrechen? Irmgard Wernicke (Barbara Morawiecz) ist patent, aber doch alt, einsam und verbringt die meiste Zeit mit Kissen und Fernglas vorm Fenster. Sie ruft bei der Polizei an, weil sie in der gegenüberliegenden Wohnung einen Mord beobachtet haben will. Der habe sich genauso zugetragen wie in Hitchcocks berühmten Thriller "Das Fenster zum Hof", der ausgerechnet in der Mordnacht im Fernsehen läuft. Der Ehemann tröpfelt Gift ins Essen seiner Gattin, sie ist nicht mehr zu sehen, er verlässt die Wohnung mit großem Metallkoffer.

Es gibt keine Leiche, keine Spuren, kein Motiv, kein Geständnis, ja noch nicht einmal eine Unsicherheit im Verhalten des vermeintlichen Mörders, dem Weinhändler Benkelmann (Hans-Jochen Wagner), der behauptet, seine Frau sei in den Urlaub gefahren.

Hollywood im Berliner Hinterhof

"Hitchcock und Frau Wernicke" ist ein leises Kammerspiel, das erst sehr spät seine Spannung entfaltet, und doch sehr subtil Einsamkeit beschreibt und das Seelenleben der Berliner "Tatort"-Ermittler spiegelt. Stunde um Stunde verbringen Felix Stark (Boris Aljinovic) und Till Ritter (Dominic Raacke) bei der alten Frau. Gürkchenbrote für Gesellschaft, Voyeurismus, Seelenstrip und Wechselbad der Gefühle inklusive. Noch nie waren die Berliner Ermittler so verunsichert.

Die Idee ist hübsch, die Mittel denkbar einfach, die Kulisse ebenso: die plüschige Wohnung der alten Dame, kleinbürgerlich, sauber mit vielen Nippes. Das Kaleidoskop der Großstadtimpressionen in den Querschnitt eines Hauses gepackt. Familienleben, Trauer, Party. Der Mörder betreibt ein Spiel mit doppeltem Boden. Wie ein Magier in seinem Spielkabinett führt er die Zuschauer in die Irre, die Couch in seinem Wohnzimmer ist die Bühne, wo sich niemals die Vorhänge schließen, und doch zeigt er nur einen Ausschnitt der Realität. Es fließt kein Blut, die Fantasie wird beflügelt.

Logisch weist die Geschichte etliche Ungereimtheiten auf. Wenn schon der perfekte Mord, warum tauchen die Leichenteile überhaupt auf? Hat der Mörder Portugal extra ausgewählt, weil dort ein Serienmörder sein Unwesen treibt?

Auch wenn Berlin nicht Hollywood ist und Lotte Ohm als Krankenschwester keine Grace Kelly - in bester Hitchcock-Manier ist dieser "Tatort" eine schöne Psychostudie und Momentaufnahme der Einsamkeit in der Großstadt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker