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"Tatort"-Kritik Die Last des Erlebten


Wie gehen Menschen mit Druck um? Und wie verarbeiten sie Leid und Elend, das ihnen widerfährt? Aus diesen Fragen entwickelte sich im Niedersachsen-"Tatort" ein hochspannender Thriller, der eine Kommissarin Lindholm in Bestform zeigte.
Von Carsten Heidböhmer

Es beginnt alles ganz harmlos: Charlotte Lindholms ewig nörgelnder Mitbewohner Martin (Ingo Naujoks), der sein Geld mit dem Schreiben von Kriminalromanen verdient, leidet unter einer Schreibblockade. Für die Kommissarin ist der Fall ganz klar: Weil er sich gedanklich nur mit Mord und Totschlag beschäftig, blockiert der Körper - schon aus Gründen des Selbstschutzes. Worauf er sie mit der berechtigten Frage konfrontiert: Was ist eigentlich mit deinem Selbstschutz?

Bei Beate Petersen (Anne Ratte-Polle) greift ein solcher Schutzmechanismus: Gerade wurde ihr Ehemann von einem Heckenschützen niedergestreckt, der scheinbar wahllos in Niedersachsen Menschen mordet. Jetzt rennt die Frau traumatisiert durch die Straßen. Zuvor hatte der Sniper bereits die Ehefrau von Torsten Klein getötet - und der Fotograf kommt einfach mit dem Kummer nicht klar, reagiert aggressiv auf seine Umwelt und wird sogar handgreiflich.

Die Rache des Heckenschützen

Wohin man in diesem "Tatort" auch blickt - man sieht Menschen, die mit dem Erlebten nicht klarkommen. Da ist der Kommissar Kai Bergmann (Sven Lehmann), der seinen Beruf schon zu lange ausübt, zu viele Leichen gesehen hat und so angespannt ist, dass er um ein Haar ein kleines Kind erschossen hätte: "Es kommen immer mehr Morde, verstehen Sie das?", bricht es aus ihm heraus. Er kann genauso wenig entspannen wie der Autobahnpolizist Mark Henrich (Leopold Hornung), der bei einem seiner ersten Einsätze einer Frau beim Sterben zusehen muss und diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Andere Menschen können sich dagegen an solchen Szenen gar nicht satt sehen: Ein paar Jugendliche machen sich geradezu einen Sport daraus, Katastrophen mit ihren Handys zu filmen und ins Netz zu stellen. Stolz prahlen sie dann vor ihren Freunden mit den tausendfachen Abrufen dieses Clips.

Gerade ein solches Video bringt Charlotte Lindholm schließlich auf die Spur des Mörders. Denn alle Opfer haben eines gemeinsam: Sie alle standen am Neujahrstag in demselben Autobahnstau, der durch einen tödlichen Unfall ausgelöst wurde. Das Todesopfer: eine Frau - die Frau des Heckenschützen. Der kommt über den Verlust nicht hinweg und rächt sich brutal an den Gaffern, die den Weg für das Rettungsfahrzeug blockiert haben. Gerade noch rechtzeitig kann er daran gehindert werden, das fünfte und letzte Opfer zu töten: jene junge Frau, die die Sterbende gefilmt und das Video ins Netz gestellt hat.

Was verbirgt sich hinter Lindholms Fassade?

Ein unbeschädigtes Leben führt in diesem "Tatort" niemand, nicht einmal Lindholms kleiner Sohn. In einer Szene schaut sich die Kommissarin das Video von dem Autobahnunglück an. Ihren Sohn hat sie dabei auf dem Arm. Gebannt schaut er hin - er kann sein Gesicht einfach nicht abwenden. Die Faszination des Grauens ist stärker.

Am spannendsten ist die Entwicklung der Hauptfigur. Der Film deutet erstmals an, dass es auch um Charlotte Lindholm nicht zum Besten bestellt ist. Offenbar gehen die vielen Morde und Verbrechen auch an ihr nicht spurlos vorüber. Die Fassade dieser immer kühlen Frau zeigt erste Risse. Man darf also auf die nächsten Folgen des Niedersachsen-"Tatorts" gespannt sein: Was mag sich dahinter verbergen?


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