HOME

Stern Logo Tatort

"Tatort"-Kritik: Mord und Menschenhandel

Ein Menschenhändler wird in einem Flughafenhotel tot aufgefunden. Dieser Mordfall führt das Frankfurter Ermittlerduo Dellwo und Sänger direkt in die verschlungenen Menschen- und Warenströme des internationalen Kapitalismus. Ein gelungener Exkurs in eine Welt, die nicht mehr zu verstehen ist.

Von Carsten Heidböhmer

Ein asiatisch aussehender Mann wird in dem Frankfurter Flughafenhotel tot aufgefunden. Ein illegal eingereister chinesischer Raumpfleger nutzt das aus, nimmt die Identität des Toten an - und schon haben die deutschen Ermittler ein Problem. Denn der gemeine Europäer kann Asiaten nicht auseinanderhalten. Und selbst der Veranstalter eines großen Handelskongresses mit mehr als 600 Chinesen sagt: "Die Reisfresser sehen doch alle gleich aus".

Und weil das so ist, tappt nicht nur die Polizei lange im Dunkeln. Auch zwei Kleinganoven (Andreas Schmidt und Thorsten Merten) fallen auf den Identitätswechsel rein und entführen den armen Raumpfleger Wen Hai Wan, der doch nur eine Gelegenheit sucht, endlich in die USA einzureisen, wo seine Frau und sein Kind illegal leben.

Der aktuelle Frankfurt-"Tatort" ging den internationalen Waren- und Menschenströmen auf den Grund, die am Frankfurter Flughafen täglich zusammentreffen. Welch verschlungene Wege Mensch und Ware nehmen, wird am Beispiel des Toten verdeutlicht: Geboren in den USA, inzwischen US-Staatsbürger und bei einer amerikanischen Firma angestellt, lebt aber im Taunus und ist mit einer Deutschen verheiratet. Dieser Tony Wang verdient sein Geld mit internationalem Menschenhandel. In Waren-Containern transportiert er Menschen von China aus wie Vieh in die USA, nach Rotterdam, nach Rom, nach Deutschland. Wo immer sich Abnehmer finden, dort liefert er hin.

Die Reinigungsfirma sitzt in Spanien

Auch andere Dienstleistungen scheinen nur noch über komplizierte internationale Verflechtungen möglich zu sein. So wird das Reinigungspersonal der Frankfurter Flughafenhotels von einer spanischen Firma gestellt, die wiederum illegale Einwanderer einsetzt. Das Konstrukt ist so kompliziert, dass sich kaum nachvollziehen lässt, wer wann und wo zum Einsatz gekommen ist. Gleichzeitig fabuliert die Mitarbeiterin dieser Briefkastenfirma in perfektem PR-Deutsch, hier stehe "immer der Mitarbeiter im Zentrum". Schöne neue Berufswelt!

In Zeiten, da kaum ein Bankmitarbeiter erklären kann, welche Wege das angelegte Kapital nimmt; da Kommunen ihr Eigentum per "Cross Border Leasing" an amerikanische Holdings verschachern um es dann wieder kompliziert zurückzumieten bis kein Lokalpolitiker mehr durchblickt; kurzum: In einer derart unübersichtlichen Phase kommt ein "Tatort" wie dieser genau zur rechten Zeit. Am Beispiel des Frankfurter Flughafens zeigt er eine Welt, in der nur noch wenige den Überblick behalten, in der die Schwächsten verschachert werden, und in der die Polizei kaum noch Möglichkeiten hat, mit dem Verbrechen Schritt zu halten.

Nach dem etwas merkwürdigen Frankfurt-"Tatort" vor zwei Wochen hat das Team um Charlotte Sänger und Fritz Dellwo wieder zu seinen alten Stärken zurückgefunden: Fälle, die die Komplexität des Lebens abzubilden versuchen. Das ist hier vorbildlich gelungen, auch weil persönliches Tatmotiv und struktureller Rahmen perfekt ineinander passten: Die Mörderin war eine Chinesin, deren Eltern dem Menschenhändler zum Opfer fielen.

In kühlen, wohlkomponierten Bildern hat dieser Film (Buch und Regie: Hendrik Handloegten, Kamera: Peter Przybylski) die anonymen Vorgänge des internationalen Warenhandels eingefangen. Zudem war dieser "Tatort" bis in die Nebenrollen derart exzellent besetzt - neben den bereits genannten treten Johanna Wokalek, Matthias Brandt und Antoine Monot auf. Während der geübte Fernsehzuschauer bei anderen "Tatort"-Folgen den Mörder schon oftmals an dem prominenten Schauspieler erkennt, blieb angesichts des hier versammelten Starensembles die Spannung bis zum Schluss erhalten.