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"Tatort"-Kritik: Wenn der Bruder die Schwester töten soll

Selten ist ein "Tatort" mit so viel Spannung erwartet worden: "Schatten der Angst" wurde aus Rücksicht auf Opfer der Brandkatastrophe von Ludwigshafen vom Februar in den April verschoben. Der Wirbel brachte Quoten: 7,5 Millionen Fernsehzuschauer schalteten das eindringliche Drama um Ehrenmord ein.

Von Kathrin Buchner

Zwischen hippen Klamottenläden und Szenebars im angesagten Hamburger Stadtteil Karoviertel gibt es eine kleine Straßenkreuzung. Dort steht ein Kreuz, umrankt von Blumen. Auf einem Zettel wird die Erinnerung an Ayse beschworen, die von ihrem Freund umgebracht wurde.

Laut einer UN-Studie werden in 14 Ländern jährlich 5.000 Mädchen und Frauen im Namen der Ehre getötet. Sie heißen Ayse, Gülcan oder Hatice, sie leben sowohl im anatolischen Bergdorf oder als auch mitten in einer europäischen Großstadt - vor der Rache der Familie können sie nirgends flüchten. In seiner Irrationalität ist der Begriff "Ehrenmord" für den durchschnittlichen Mitteleuropäer kaum begreifbar.

Sensibilisierung und Aufklärung kann helfen. Und wenn diese Aufklärung launig verpackt in einem Sonntagabendskrimi rüberkommt, ist das der Völkerverständigung nur zuträglich. Von daher ist es völlig gerechtfertigt, dass die ARD die Ausstrahlung des "Tatort" nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen, bei der neun Deutschtürken starben, verschoben hat - auch wenn, sind wir mal ehrlich, Zwangsheirat und Ehrenmord mit einem Hausbrand überhaupt nichts zu tun haben.

Denn darum geht es in "Schatten der Angst", die "Tatort"-Folge, die wieder mal für Wirbel gesorgt hat. Es geht um einen türkischen Familienclan. Der Ehegatte der ältesten Tochter, Gemüsehändler von Beruf, wird von seinem eigenen Lieferwagen überfahren. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) stößt bei ihren Ermittlungen auf eine Mauer des Schweigens, es ist nicht die Sprachbarriere allein, die ihr den Zugang schier unmöglich macht.

Leidenschaftliche Liebe statt organisierte Kriminalität

Obwohl Ulrike Folkerts selbst die Idee zu diesem Drehbuch hatte, hält sie sich als Kommissarin Odenthal ziemlich im Hintergrund. Auch Assistent Mario Kopper (Andreas Hoppe) bleibt, außer, dass er sich türkische Vorfahren zulegt, relativ still in diesem sehr klassischen Krimi, in dem aus dem breiten Feld der multikulturellen Spannungsfelder geschöpft wird.

Schnitt, Aufbereitung und Ermittlungen sind konventionell wie selten in einem "Tatort". Alibis werden brav gecheckt, Verdächtige überprüft, lediglich der Beamte des LKAs, selbst Türke, womit eine allzu eindimensionale Darstellung dieser Bevölkerungsgruppe unterlaufen wird, darf zu unkonventionellen Methoden greifen, indem er einfach mal den Kofferraums eines Autos aufbricht. Schutzgeldforderungen, türkische Mafia, organisierte Kriminalität, Prügeleien, Drogenhandel mit Anabolika - das Drehbuch von Annette Bassfeld-Schepers und Martin Eigler streift jeglichen Verbrechenshintergrund, um dann doch wieder zur grausamsten aller Bedrohungen zurück zu kehren: der Gewalt in der eigenen Familie.

Dieser Gewalt ist Derya Celik (Sesede Terziyan) ausgesetzt, die ihren ungeliebten Ehemann verliert und in einer heimlichen Liebe zu einem Deutschen entbrannt ist und von ihm ein Kind erwartet. Es ist eine handfeste Romeo-und-Julia-Geschichte, die diesem Krimi Saft und Kraft gibt, die geballte Kraft der verbotenen Leidenschaft, die dieser Geschichte Faszination verleiht, die Unausweichlichkeit, die der Begriff Ehre für die Familie darstellt. "Jetzt kann mich niemand mehr zwingen, dir etwas anzutun" bringt den tragischen Konflikt in einem Satz unter. Und auf einmal weiß man auch als Mitteleuropäer, was es bedeutet in der Haut von Ayse, Gülcan oder eben Derya zu stecken.

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