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Kritik zum "Tatort": Das interessiert ein Schwein

Die ARD ist mit Lena Odenthal ins neue "Tatort"-Jahr gestartet. Leider war "Tödliche Häppchen" so sterbenslangweilig und mit Klischees verhackstückt, dass er wenig taugte, um den Silvesterkater zu vertreiben.

Von Sophie Albers

Es ist der 1. Januar 2012. Neues Jahr, neues Glück, neuer "Tatort". Doch die ARD-Programmdirektion hat leider daneben gegriffen. Statt neu und anders gibt es alt und so wie immer. Wenn man in einem Krimi eine Kühlkammer sieht, muss auch jemand darin eingesperrt werden. Das scheint ein Gesetz, an dem auch Kommissarin Lena Odenthal nicht vorbeikommt. Und das ist nur ein Klischee, dem "Tödliche Häppchen" hinterherrennt.

Als unter einer Autobahnbrücke die Leiche der Mitarbeiterin einer Schweinefleischfabrik gefunden wird, deutet zuerst alles auf Selbstmord hin. Doch bald wird klar, dass diese alleinerziehende Mutter namens Steffi Pietsch keine Freunde, dafür aber jede Menge Feinde hatte. Da sind unerträglich missgünstige Kolleginnen, ein beeindruckend arroganter Chef mit einer Lache fast so irre wie die von Doktor Evil, der knuffige Ex-Mann und dessen eiskalte, Tango-tanzende Freundin, ein verstockter Psychologe und ein extremflirtender Tierarzt. Nicht zu vergessen 10.000 Schweine, die pro Woche in der Fabrik geschlachtet werden, deren ängstliches Quieken die Ermittlungen begleitet, und deren Fleisch Steffi Pietsch am Förderband gebraten, gewendet und verpackt hat.

Ziellos durchs beschauliche Ludwigshafen

Während man zuerst noch hofft, dass Odenthal und Kollege Kopper einer miesen Tier-Pharmaverschwörung auf die Schliche kommen, einem perfiden Racheplan der geschundenen Kreatur vielleicht, irgendetwas, das die theatralischen Klischees und das schauspielerische Geholze motivieren könnte, schlingert die Geschichte stattdessen ziemlich ziellos durchs beschauliche Ludwigshafen.

Mal ist eine Katze weggelaufen, die immer wieder so deutlich erwähnt wird, als müsste noch was kommen. Kommt aber nicht. Dann muss Kopper Rumba lernen bei der Eiskalten, und ganz kurz wird es etwas originell, als der dicke Kommissar erstaunlich elegant Tanz und Verhör verbindet. Doch der magische Moment ist schnell wieder vorbei, und all die vielsagenden Blicke der Tanzlehrerein führen ins nirgendwo. Schließlich wird Odenthal in besagtem Kühlhaus eingeschlossen, und dann ist der Täter auch noch der arrogante Idiot, den man sowieso von Anfang an nicht mochte.

Da fehlt der Mut

"Tödliche Häppchen" nimmt ziemlich viel Anlauf für einen kleinen Hüpfer. Das führt zu konfuser Langeweile, die so weit geht, dass man sich an hübscher Landschaft erfreut, durch die eine der widerspenstigen Zeuginnen joggt.

Immer wenn es mutig zu werden droht, weicht dieser "Tatort" aus, nimmt er Abkürzungen, wird der Blick abgewendet. Er schafft es nicht einmal, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, kein Schweinefleisch mehr zu essen. Und das will bei einer Geschichte aus der panisch quiekenden, nach Blut stinkenden Schweinefabrik, deren Chef sich sogar lieber Kuhbilder ins Büro hängt, was heißen.

Aber vielleicht hat sich die Programmdirektion ja doch etwas dabei gedacht: Bei Silvesterkater will man fettig essen, aber auf keinen Fall besonders viel nachdenken.

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