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Kritik zum "Tatort": Frauen in Opferrollen

Der Fall "Schwarze Tiger, weiße Löwen" führt die Kommissare Charlotte Lindholm und Sigrid Malchus an einen grausamen Ort: die unterirdische Folterwelt eines Mädchenentführers. Die Parallelen zum Fall Natascha Kampusch gelingen. Was die "Tatort"-Folge jedoch scheitern lässt, ist ihre Kommissarin.

Von Susanne Baller

Schwarze Tiger und weiße Löwen tauchen gleich in den ersten Sekunden auf: eine Kinderlampe, die sich vor einer Betonwand dreht und durch ihre Schatten eine Fantasiewelt schafft. Bei dem Raum handelt es sich um ein unterirdisches Zimmer, in dem über Jahre hinweg Mädchen missbraucht werden, mit einem Gitterbett, an dem Handschellen baumeln, ein fensterloses, karges Loch.

Natascha Kampusch, Elisabeth Fritzl, Jaycee Lee Dugard - in den vergangenen Jahren kamen immer neue Entführungs- und Inzestfälle ans Licht. Nachdem sie bereits als Stoff für Opern- und Theaterbühnen dienten ("Pension Fritzl", "Die Beteiligten", "Bluthaus"), ist nun die Aufbereitung für den "Tatort" dran. Durch das Aufgreifen von Details aus den Missbrauchsfällen zeichnet Regisseur Roland Suso Richter eine Horrorwelt, ohne den Horror zu zeigen. Gewalt muss nicht dargestellt werden, um präsent zu sein: Die schwere Eingangstür zum Versteck etwa, die hinter einem falschen Kamin verborgen ist - ein Abbild der 150 Kilo schweren Tür aus Stahlbeton, hinter der Natascha Kampusch eingesperrt war. Der Zugang zu einer stinkenden Kühlkammer. Auch die einbalsamierte Mädchenleiche, die später im Garten vergraben gefunden wird und aussieht wie Schneewittchen und die Narben an den Handgelenken des Opfers Lilli Fichte (Janina Stopper) sind Details aus der Welt eines perversen Täters. Was geschah, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Demontage als Frau und Kommissarin

Ein spannender Fall, in dem die gestresste Kommissarin vom Land (Inka Friedrich) einen kühlen Kopf behält, um so den Konterpart zu einer völlig aufgeweichten Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) zu bilden. Und genau da hakt es: Die spröde Mittvierzigerin muss sich wie ein verliebter Teenie aufführen. Ihr Mobiltelefon wird zum Lebenselixier - als sie es einmal nicht bei sich trägt, lässt sie kurzerhand die Arbeit liegen, um herauszufinden, ob sie vielleicht einen Anruf verpasst hat. Zentrum ihrer Begierde ist der Journalist Jan Liebermann (Benjamin Sadler), den sie in ihrem letzten Fall kennengelernt hat. Der zeigt sich jedoch so desinteressiert, dass sein Verhalten nur einen Schluss zulässt: "Der steht einfach nicht auf dich!" Doch unbeirrt setzt Frau Lindholm ihre Jagd fort, lauert ihm auf, bis es endlich zu wildem Gefummel im öffentlichen Raum kommt.

Das kopflose, leidenschaftliche Verhalten und die kühle, kalkulierende Blondine kommen jedoch aus verschiedenen Welten. Ungelenk und eckig wirkt Maria Furtwängler in diesem Kostüm, das in krassem Gegensatz zu ihrer makellosen "weiße Jeans und schickes Mäntelchen"-Optik steht. Nicht nur privat, auch beruflich muss Charlotte Lindholm zum verliebten Deppen werden: unkonzentrierte Vernehmungen, Druck auf die minderbemittelte Ehefrau (Michaela Caspar) des "Wolfgang Prikopil", besiegelt durch einen Tabubruch: Opfer-Täterin Lilli klaut Lindholm die Waffe. Verliebtheit bedeutet in Hannover nicht nur die Zurückstufung zum Teenie, sondern auch die Demontage einer Kommissarin.

Auch wenn der Dorfkommissarin Sigrid Malchus immer wieder ihre hohen Absätze abbrechen, sie hält in diesem Fall die Fäden in der Hand. Und wird ihrer Rolle gerecht.