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TV-Kritik "Tatort": Wenn sich zwei um einen streiten

Das Schwabenländle brodelt, jetzt auch im "Tatort". Und natürlich gehts um den Stuttgarter Bahnhof. Das dortige Kommissaren-Duo tanzt für den Erhalt eines Kulturzentrums auf dem Gelände des Hauptbahnhofs und löst ganz elegant einen Fall mit einem halben Dutzend Verdächtigen und ebenso vielen Mordmotiven.

Von Swantje Dake

Stuttgart muss bunt bleiben!" Und oben! Ach nee, das war ja eine andere Baustelle. Egal, denn in dem aktuellsten Fall des schwäbischen Kommissar-Duos Lannert und Bootz ist man sofort drin - im Schwabenländle. Schwungvolle Skamusik, zwei wippende Kommissare inmitten von Wutbürgern, die für den Erhalt der Wagenhallen und gegen ein Neubauprojekt tanzen. Genauso hat man die Schwaben in den vergangenen Monaten im Rest der Republik kennen gelernt.

Doch ziemlich rasch ist es vorbei mit der guten Laune der Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Denn wenige Stunden später ist das Ermittler-Duo erneut in den Wagenhallen - allerdings beruflich und ganz ohne Musik. Einer der beiden Wagenhallen-Geschäftsführer, Stefan Aldinger, wurde erschlagen.

Wer war es? Und warum?

Die Ermittlungen haben noch gar nicht richtig begonnen, da haben Lannert und Bootz schon einen bunten Strauß an Verdächtigen. War es Aldingers Ehefrau, die Boxerin Elena (Jasmin Gerat)? Schließlich ist sie seit Monaten von der fixen Idee, ihr Mann gehe fremd, getrieben und schlägt ganz gern zu. War es Aldingers Geschäftspartner Timo Holzmann (Guntbert Warns)? Weil er herausfand, dass Aldinger sich von einem Kaufinteressenten bestechen ließ? Oder war es eben jener Baulöwe Walter Rühle, der das Neubauprojekt auf dem Gelände der Wagenhallen realisieren will? Ebenfalls im Verdacht steht die Lokalpolitikerin Wilma Fuchs, die für den Erhalt der Wagenhallen offenbar auch über Leichen gehen würde. Im Laufe der Ermittlungen geraten Rühles Anwalt Clemens Doll und der Kunsthistoriker und Yoga-Lehrer Julian Siebert ins Visier der Kommissare. Letzterer auch recht schnell in den Fokus des Zuschauers, ist seine Homosexualität doch so stark überzeichnet ("Hach, ich war so groggy."), dass sie im weiteren Verlauf eine weitere Rolle spielen muss.

Glücklicherweise hält das Drehbuch (Stefan Cantz und Jan Hinter) für jeden der Verdächtigen durchaus plausible Mord-Motive bereit. So dauert das Spiel mit den vielen möglichen Tätern eine ganze Weile an, ohne dass sich der Zuschauer langweilt oder sich für dumm verkauft fühlt.

Ein wirklich komplexer Realitätsbezug

Einzig die Figur des Verdächtigen Clemens Doll wirkt zu konstruiert. Versucht er doch ziemlich plump, den Verdacht auf seinen Chef Rühle zu lenken, weil dieser - wie sich kurz vor Ende der 90 Minuten herausstellt - sein Vater ist, der die Vaterschaft seit drei Jahrzehnten leugnet. Geschenkt!

Die Ermittlungen sind umfassend und ausschweifend. Der Bezug zur Stuttgarter Lebenswelt ist enger als dem "Tatort"-Zuschauer auf den ersten Blick deutlich wird. Die Wagenhallen gibt es tatsächlich auf dem Gelände des noch stehenden Stuttgarter Hauptbahnhofs, und sie sind auch im realen Stuttgarter Alltag vom Abriss bedroht, werden derzeit kulturell genutzt.

Bei so viel Wirklichkeitsbezug und Komplexität ist es ernüchternd, aber wohl nicht weniger realitätsnah, dass der Mörder aus deutlich weniger komplizierten Motiven zur Tat schritt. Julian Siebert, der homosexuelle Kunsthistoriker, hatte nicht das öffentliche Ziel - den Erhalt eines architektonisch wertvollen Gebäudes - oder seine berufliche Ambitionen - die Übernahme von Rühles Kunstsammlung - im Blick. Nicht erwiderte Liebe ließ ihn zuschlagen. Aber so spielt vermutlich das Leben.

Alles bleibt beim Alten im Schwabenländle

Gut, einige Zoten ("Da fehlen ein paar Zentimeter, wie so oft im Leben") und der Akkuschrauber-Überfall auf Lannerts Nachbarin drohen vom schmalen Grat zwischen "zum Schmunzeln" und "zu albern" in die falsche Richtung zu kippen. Äußerst angenehm ist hingegen, dass die "Tatort"-typische Portion Privatleben der Ermittler gut in den Stuttgarter Fall hineinpasst, ohne erzwungen zu wirken oder ein weiteres Thema anzureißen.

Nach dem für "Tatort"-Verhältnisse recht schwungvollen Ostermontagabend, ist es beruhigend, dass im Schwabenländle nach 90 Minuten wieder Ruhe einkehrt: Der Mörder ist festgenommen, Vater Rühle und Sohn Clemens haben sich doch lieb und die Wagenhallen stehen bis auf weiteres. Und Kommissar Lannert bleibt weiterhin an der Frauenwelt interessiert, auch wenn ihm seine schon häufiger nachgesagte homosexuelle Seite für die Aufklärung des aktuellen Falls äußerst hilfreich war. Es reicht ja, wenn Stuttgart bunt bleibt, da muss der süddeutsche Kommissar nicht zwangsläufig mitziehen.