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TV-Kritik "Maybrit Illner": Wer riestert, rostet nicht

Die Rente ist ein "komplizierter Stoff" - Maybritt Illner wusste, auf was sie sich beim Thema Altersarmut einließ. Die Sendung war über weite Strecken ein zähes Zahlen-Ping-Pong zwischen der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und Linken-Chef Klaus Ernst. Doch dann platzte einem jungen Mann der Kragen.

Von Mark Stöhr

Was man so erfährt bei einer Talksendung. Zum Beispiel, dass Friseure keine Gewerkschaft haben. Dabei ist die Vorstellung nicht ohne Reiz: Das gesamte Friseurhandwerk, das traditionelle und all die Uni-Cuts und Short-Cuts und Sofort-Cuts, tritt in den Ausstand. Über Wochen. Ringsum wachsen die Haare bis zum Boden und bleichen aus, während die Friseure ihre Scheren nur zum Rosenschneiden benutzen. Ein Land wuchert zu, bis sich die Verhandlungsführer beider Seiten endlich auf eine akzeptable Bezahlung der Haarprofis einigen.

Die Realität ist leider eine andere. Friseure müssen mit 67 Pfandflaschen sammeln gehen, weil die Rente nicht reicht. Und damit sind sie nicht allein. Das Fazit nach einer Stunde "Maybritt Illner" zum Thema Altersarmut: Wer lange genug riestert, rostet nicht. Blöd nur, wenn das Einkommen so niedrig ist, dass am Monatsende nichts zum Riestern übrigbleibt.

Die gute Nachricht

Rente geht immer als Talk-Thema. Und immer ist es gleich kompliziert. Da konnte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen noch so sehr die Tagesmutter geben und Linken-Chef Klaus Ernst den Volkstribun - das System ist dermaßen vertrackt, dass es nur von Systemadministratoren ganz durchschaut werden kann. Ein solcher saß in der Runde: Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Nur der hätte genauso gut in Gebärdensprache kommunizieren können, man hätte ihn ebenso wenig verstanden. Als er über die "steigende Erwerbsintegration" fachsimpelte, wurde es der Gastgeberin zu viel. Was das denn nun wieder zu bedeuten habe, fragte Maybritt Illner. Antwort: Dass immer mehr Menschen in Arbeit kommen. Das ist eine gute Nachricht.

Von denen hatte Hüther mehrere mitgebracht. Von einer Verarmung sei die deutsche Gesellschaft weit entfernt, die Mittelschicht stabil, die Jugendarbeitslosigkeit niedrig wie nirgendwo. Es fehlte nur noch der Satz: Die Renten sind sicher. Doch zu dem wollte sich nicht einmal die Ministerin von der Leyen hinreißen lassen. Sie war gekommen, um ihr neuestes Projekt, die Zuschussrente, zu promoten. Diese soll vor allem Frauen vor Altersarmut schützen, die gearbeitet, Kinder erzogen und Angehörige gepflegt haben. Der Haken: Die Betroffenen müssen 45 Jahre lang in der gesetzlichen Rentenversicherung gewesen sein. Doch wie viele Menschen haben heutzutage noch eine so langjährige geschlossene Erwerbsbiografie?

Statistiken sind eine Frage des Parteibuchs

Gabriele Kinder jedenfalls nicht. Die 60-jährige Verlagsangestellte hatte "nicht immer Glück mit Männern", zog zwei Kinder groß, war zwischendurch mal selbständig und traute jüngst ihren Augen nicht, als sie ihre Rentenprognose bekam: weniger als 600 Euro. Ein Fall für die Grundsicherung somit und damit im gleichen Aktenordner wie jemand, der sein Leben lang in der Nase gebohrt hat.

Ein Unding, fand sogar der Salon-Sozi Ernst, der ansonsten mit einer Penetranz seine Mantras Mindestrente und Mindestlohn ins Mikro maulte, dass selbst dem gestandenen Gewerkschafter die Füße einschliefen. Die Arbeitsministerin zeigte sich da praktischer. Sie rechnete der bedauernswerten Verlagsfrau eben mal aus dem Stand durch, wie sie sich mit Riestern und irgendwelchen Sonderprämien einen geruhsameren Lebensabend bereiten könnte. Die Rechnung klang plausibel, war bei näherer Betrachtung aber wahrscheinlich vollkommener Blödsinn. Zahlen und Statistiken - das lernte man schnell - sind in diesem Bereich eine Frage der Perspektive, manchmal auch einfach des Parteibuchs.

Emotionale Explosion eines Jakobiners

So ging es eine Zeitlang hin und her in diesem doch arg technischen Talk, bis sich eine emotionale Explosion ereignete. Plötzlich stand ein junger Mann in Flammen, der bis zu diesem Zeitpunkt mehr wie ein schüchterner Pennäler der Unterhaltung der Erwachsenen gelauscht hatte: Wolfgang Gründinger, freier Autor und Sprecher der "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen". Mit bebender Stimme pries der 27-Jährige die "Idee der begrenzten Ungleichheit", die gesellschaftlichen Übereinkunft also, dass die Einkommen nach oben wie nach unten hin gedeckelt sind. Aus der "begrenzten Ungleichheit" sei nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die "wachsende Ungleichheit" geworden. Von der Leyen und Ernst waren sichtlich gerührt vom Eifer des jungen Jakobiners. Nur der Technokrat Hüther zeigte sich unbeeindruckt und parierte die Predigt mit einem furztrockenen "Das ist mir zu schlicht."

Später stellte sich heraus, dass Gründinger jeden Monat 20 Euro in die Riester-Versicherung einzahlt und dafür einmal eine Rente von 60 Euro zu erwarten hat. "Ich bin in dem Glauben aufgewachsen", sagte er, "dass ich mich auf den Staat nicht mehr verlassen kann." Er tut offensichtlich gut daran.