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TV-Kritik "Wir müssen reden" Darüber müssen wir noch einmal reden!

Cordula Stratmann und Annette Frier stellen seit Freitagabend erneut ihr Improvisationstalent unter Beweis. Nur mit wenigen Regieanweisungen ausgestattet, quatschen sie sich in "Wir müssen reden" durch den Abend. Unterhaltsame Idee, allerdings mit einigen Schwächen.
Von Laura Terberl

Deutsche Komiker sind nicht immer witzig. Annette Frier und Cordula Stratmann schon. Grund zur Freude also, dass die beiden in der neuen Sat1-Sitcom "Wir müssen reden" die Hauptrollen spielen. Die Freundinnen improvisierten sich schon sehr erfolgreich gemeinsam durch die "Schillerstraße", ein Comedy-Format ohne Drehbuch, dafür mit wenigen Regieanweisungen. Auch das Konzept von "Wir müssen reden" basiert auf dem Einfallsreichtum der Schauspieler - ohne Skript. Perfekte Voraussetzungen also für gelungene Unterhaltung, eigentlich. Doch die Vorfreude ist zu groß.

Das System der Sitcom ist schnell erklärt. Frier spielt die alleinerziehende Mutter Annette Pfeiffer, Stratmann mimt ihre Freundin Cordula van Grooten. Die haben beschlossen, sich ab jetzt wöchentlich zum Essen zu treffen, um alles zu bequatschen, was Frauen so zu bequatschen haben. Spielort: das italienische Lokal "Trinachria", nur so weit reicht nämlich Annettes Babyphon. Außerdem immer mit dabei: Kellner Stephano, gespielt vom gar nicht italienischen Johann von Bülow. Zum Anfang jeder Sendung wird den beiden ein kurzes, denkbar nebulös gehaltenes Szenario genannt. In der ersten Folge hat Cordula ein Testergebnis bekommen, "das ihre Familienplanung beeinflusst". Das war’s auch schon an Regieanweisungen für die halbstündige Szenerie. Doch selbst die ist bei den zwei Labertaschen eigentlich überflüssig: Vor lauter Improvisation muss Annette Cordula nach einiger Zeit schon fast daran erinnern, dass es so etwas wie eine Themenanweisung gab.

Trotz guter Lacher fehlt der rote Faden

Dann wird aus Comedy plötzlich Ernst: Cordulas Freund ist unfruchtbar, ihr kommen die Tränen. Zwischen der ganzen Komik geht dieser tragische Moment jedoch unter - schade eigentlich. In atemberaubendem Tempo geht es weiter: Ein Taubstummer versucht, Schmuck im Restaurant zu verkaufen, der Kellner kann hetero- und homosexuell nicht auseinander halten, außerdem redet Annette von ihren Brüdern. Dann erst fällt ihr die Regieanweisung wieder ein und sie beginnt über Samenspende zu fabulieren. Plötzlich geht das Babyphone los und die zwei rennen gestresst aus dem Lokal. Und schon ist die halbe Stunde vorbei.

Einige wirklich gute Lacher gibt es zwar, das Format hat jedoch ein Problem: Den beiden fällt kurioserweise zu viel ein. Im Sekundentakt haben sie neue Ideen für den Gesprächsverlauf, die aber nicht alle zünden oder vom Gegenüber nicht aufgegriffen werden können. Trotz des Szenarios fehlt ein roter Faden. Und so charmant und lustig die häufigen Unterbrechungen des Kellners auch sind, es sind nun mal Unterbrechungen, und die stören. Das Vorbild der "Schillerstraße" hat da einen entscheidenden Vorteil: Dort gibt der Spielleiter durchgehend Regieanweisungen und lenkt so den Redefluss. Dadurch ist dem Zuschauer auch stets bewusst, dass die Schauspieler alles improvisieren - und verzeiht so leichter kleine Fehler oder unkoordiniertes Durcheinanderreden.

Das Potenzial ist da

Trotzdem sollte man "Wir müssen reden" eine Chance geben. Dass sich Frier und Stratmann bei einem solchen Format erstmal einspielen müssen - auch um das richtige Timing zu finden -, war zu erwarten. Das Potenzial für eine richtig gute Sendung ist da, die Charaktere sind spannend konzipiert und schlagfertigere Protagonistinnen hätte Sat1 nicht finden können. Zumal die beiden selbst auf die Idee zur Sitcom gekommen sind - durch ein Abendessen beim Italiener, versteht sich. Vorerst soll es noch sieben Folgen der Serie geben und neben Stratmann und Frier darf man sich auch auf Gaststars wie Bastian Pastewka und Til Schweiger freuen. Genug Gründe, an der Sitcom dranzubleiben. Deshalb am Freitagabend statt abgedroschener Comedy einfach mal "Wir müssen reden" einschalten: Unterhaltsam und erfrischend, wenn auch nicht ganz ohne Komplikationen. Ganz so wie der eigene Mädelsabend eben.


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