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TV-Kritik zu "Anne Will": Vereinigte Empörung

Ach wäre der Bundestag doch eine Talkshow! Dann wäre man sich häufiger über die Parteigrenzen hinweg einig. Zum Thema Altersarmut holte Deutschlands Lieblingsphilosoph Richard David Precht einen Lösungsansatz aus der Schublade - und fand Zustimmung von allen Seiten.

Von Jan Zier

Stell Dir vor, es ist Talkshow. Und alle sind sich einig. Ja, das geht. Wenn von "Altersarmut" die Rede ist, so wie am gestrigen Mittwoch bei Anne Will. "Ein Leben lang gearbeitet - und dann trotzdem nicht von der Rente leben können: Ist das gerecht?" Wer will dazu schon "ja" sagen? Eben. Trotzdem war diese Debatte durchaus konstruktiv. Und gar nicht so polemisch, wie sie auch hätte sein können.

46 Jahre Arbeit. 780 Euro Ruhegeld. Das sind die Eckdaten. In diesem Falle die von Monika Bauch, 68, Rentnerin - und Toilettenfrau in einem Berliner Einkaufzentrum. 41 Jahre hat sie, anfangs noch in der DDR, bei der Bahn gearbeitet, dazu drei Kinder großgezogen. Heute lebt sie deutlich unter der Armutsgrenze, die derzeit bei 930 Euro angesiedelt ist.

Keiner will die Situation akzeptieren

"Das ist nicht akzeptabel", sagt SPD-Politiker Ottmar Schreiner. Aber er ist ja auch ein Sozi des alten Schlages, ein linker Traditionalist, ein scharfer Kritiker der Agenda 2010, mit der SPD und Grüne einst Lohndumping und Altersarmut zum Maß aller Dinge erhoben. Doch sogleich pflichtet ihm auch der als "Kritiker des Rentensystems" eingeladene Finanzberater Bernd Klöckner bei: "Das ist ein völliges Unding". "Das geht nicht an", ergänzt schließlich TV-Philosoph Richard David Precht. Selbst Vertreter von CDU und FDP mögen da nicht widersprechen. Aber Empörung ist ja auch ein leichtes, wenn aus ihr konkret nichts folgen muss.

Precht schweigt lange still

Anne Will folgt an diesem Abend mal nicht dem dramaturgischen Proporz, nach dem Talkshows üblicherweise besetzt werden. Zwar darf weder die arme Frau von der Straße fehlen noch der streitbare Buchautor. Aber statt einem sind dafür gleich drei Parteifuzzis vertreten und die Rolle des streitbaren Verbandslobbyisten bleibt unbesetzt. Und statt eines Promi-Laien kommt mit Prof. Dr. Richard David Precht immerhin eine intellektuelle Allzweckwaffe, der legitime Nachfolger des alternden Peter Sloterdijk. Nebenbei bemerkt, aber fürs Fernsehen nicht ganz unwichtig: Philosophie sah in Deutschland schon deutlich hässlicher aus. Zwar ist er als Philosoph nicht ganz so brillant wie, sagen wir mal, Jürgen Habermas. Aber eben auch nicht ganz so mühsam. Sein Spezialgebiet ist ursprünglich "Die Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils ,Mann ohne Eigenschaften'", aber er kann natürlich auch Kapitalismuskritik. An diesem Abend schweigt er lange, beredt. Um dann doch noch für die Kontroverse zu sorgen.

Mindestrente und Arbeitseinsatz

Precht will Menschen wie Monika Bauch eine Mindestrente von 1000 Euro garantieren. Und sie dafür, wenn sie Anfang, Mitte 60, schon im Ruhestand, aber im Grunde noch recht fit sind, ein Jahr lang 15 Stunden pro Woche zu sozialer Arbeit verpflichten. Nein, "zwingen" will Precht das nicht nennen, so wie der CDU-Politiker Leonhard Kuckart, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Senioren Union. "Der Ruhestand kann kein erstrebenswertes Ziel sein", sagt der Philosoph dann noch. Und dass die Menschen nicht aus ihren staatlichen Verpflichtungen entlassen werden dürften. Vor allem dann nicht, wenn sie, wie viele heutzutage, wohl noch 20, 30 Jahre Rente oder Pension beziehen. Also so privilegiert sind, wie keine Generation vor ihnen. Das hören die heutigen Rentner natürlich nicht so gern, auch wenn alle in der Runde irgendwie ahnen, dass es stimmt. Am Ende geht es dann also vor allem um das Wie, nicht um das Ob: Geht es auch freiwillig, oder muss doch der Zwang, pardon, die Pflicht zum sozialen Engagement sein?

Ach ja, an noch einem Punkt besteht erstaunliche Einigkeit an diesem Abend. Weil ja das gegenwärtige Rentensystem irgendwie völlig marode ist, wie auch die Vertreter jener Parteien zugeben müssen, die selbst aktiv dazu beigetragen haben, ist nun die "Bürgerversicherung" in vieler Munde. Und dazu gehört, sagt nicht nur der SPD-Vertreter, sondern auch CDU und FDP in der geselligen Runde, dass alle, also auch die Besserverdienenden in die Rentenkasse einzahlen. Na dann: Könnte es ja so beschlossen werden.