ZDF-Chefredakteur Brender "Spitzelsystem wie in der DDR"

Im März räumt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender seinen Stuhl - auf Druck der Politik. In einem Interview prangert er nun den Einfluss der Parteien auf den Sender an und nannte namentlich die Union. Außerdem herrsche in Mainz ein regelrechtes "Spitzelsystem", das an die DDR erinnere.

Wenige Wochen vor seinem Abschied hat der scheidende ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender scharf mit der parteipolitischen Dominanz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen abgerechnet. Im Gespräch mit dem "Spiegel" rügte er erstmals öffentlich das Proporzdenken der Parteien und sprach von Rückgratlosigkeit jener Unionspolitiker, die wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch seine Abwahl betrieben haben. Laut Vorabmeldung sprach Brender sogar von einem internen "Spitzelsystem, das davon lebt, dass Redakteure den Parteien Senderinterna zutragen".

Wörtlich bezeichnete sie Brender als "Inoffizielle Mitarbeiter" der Parteien, "wirklich vergleichbar mit den IM der DDR". Es sei ein fein gesponnenes Netz von Abhängigkeiten entstanden, aus dem sich Karrierechancen, aber auch Verpflichtungen ableiten ließen. Er selbst habe versucht, "solche Spione wenigstens von Posten mit echter Verantwortung fernzuhalten", wird Brender weiter zitiert. Im November hatte sich die Unionsmehrheit im ZDF-Verwaltungsrat mit dem Bestreben durchgesetzt, Brenders Vertrag nicht mehr zu verlängern.

Der im März nach zehn Jahren ausscheidende ZDF-Chefredakteur wird zitiert, in der Union gebe es "ein dunkles Schattenreich, das sich im Verwaltungsrat eingenistet hat und ihn mittlerweile zu dominieren versucht". Nun sei auch das ZDF beschädigt. Der ganze Vorgang habe der Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen einen schweren Schlag versetzt, sagte Brender dem Hamburger Nachrichtenmagazin.

Karslruhe soll entscheiden

Indirekt begrüßte er die von den Grünen angekündigte Klage in Karlsruhe gegen den ZDF-Staatsvertrag. Das Bundesverfassungsgericht sei nun "die einzige Institution, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Staatsferne, Form und damit Zukunft sichern kann", sagte Brender. Schließlich drohe parteipolitische Methodik gerade den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu okkupieren. Er prangerte "das Denken in Mehrheits- und Minderheitsmustern sowie in Freund- Feind-Schemata, Fraktionszwang, intransparentes Hinterzimmergeklüngel" an. Das alles dürfe es im Journalismus nicht geben.

Persönlich zeigte sich Brender "erleichtert", dass seine Amtszeit jetzt zu Ende gehe. "Es fällt eine große Last von mir ab", hob er hervor. Er selbst tauge nicht zur Ikone und wisse, dass er auch intern bisweilen mit seinem Führungsstil angeeckt sei. "Einigen bin ich auf die Füße getreten. Das bringt der Job mit sich", resümierte Brender. "Ich wollte hier Kämpfer, keine Schlappschwänze." Zu seiner Zukunft sagte der scheidende Chefredakteur, er selbst sortiere jetzt erst mal Angebote, könne aber wohl "vom Journalismus nicht lassen". In öffentlich-rechtlichen Sendern sieht sich der 61-Jährige aber nicht mehr arbeiten. "Das System hat mit mir abgeschlossen. Das werde ich respektieren", sagte er.

APN APN

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