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Die Medienkolumne zum neuen ZDF-Chefredakteur: Was wir uns von Ihnen wünschen, Herr Frey

Nach dem unschönen Abgang von Nikolaus Brender muss sich vom 1. April an Peter Frey als Chefredakteur beim ZDF beweisen. Kolumnist Bernd Gäbler wünscht sich in einem offenen Brief weniger Politik, dafür mehr Journalismus.

Lieber Herr Frey, jetzt sind Sie also der von Roland Koch tolerierte Sozialdemokrat. Das ist Ihre Rolle im ZDF-Farbenspiel. Tun Sie erstens sofort alles, um diesen Eindruck zu zerstören. Seien Sie unkonventionell. Schicken Sie ganz unerwartet einen konservativen Reporter zum SPD-Parteitag und Thomas Walde, der als neuer "Roter" in Berlin der Büroleiterin Bettina Schausten an die Seite gestellt wird, zur CDU/CSU-Fraktion. Lassen Sie aus Bayern einen Korrespondenten berichten, dessen Berufung nicht mit der CSU abgekaspert wurde - und überhaupt: Hören Sie damit auf, dass Berichterstatter dem Gegenstand ihrer Berichterstattung nahe stehen. Alle Welt hat in diesen Tagen kritisch über den Vatikan und den verhaltenen Hirtenbrief des Papstes an die irischen Katholiken berichtet - mit einer Ausnahme: Nur der ZDF-Vatikan-Korrespondent Peter Sydow lobte die Klarheit, die Offenheit und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Fällt so etwas im ZDF schon gar nicht mehr auf? Dann müssen Sie eben auffällig werden.

Zweitens: Noch ist der "Fall Brender", wie die unerbittliche Intervention Roland Kochs und seines Freundeskreises in die Innereien des ZDF fälschlich genannt wird, keineswegs geheilt. Sie müssen Vertrauen wiederherstellen. Dazu gehört auch, dass das unseligste aller Gremien, der "Programmausschuss Chefredaktion", in dem sich der ZDF-Politikchef vor einer Runde verantworten muss, der zufällig alle Generalsekretäre der Parteien angehören, stillgelegt wird. Neben der zähen Diskussion um die zukünftige Zusammensetzung der ZDF-Gremien sollte ein weiterer Merkposten im Gedächtnis bleiben: Ausgerechnet der für Kultur zuständige Staatsminister hat dafür gestimmt, dass Nikolaus Brender in eigener Sache kein Gehör zu gewähren sei.

Drittens ist Ihre große Baustelle natürlich das Nachrichtengeschäft. Dabei steht das ZDF ja so schlecht nicht da. "heute" und "heute-journal" sind schicker, bunter, lockerer und oft auch boulevardesker als ihr jeweiliges ARD-Pendant - und doch liegt etwas im Argen. Vieles ist brav, gefällig, gewollt, wenig selbstverständlich und wirkt, als buhle man um die Zuschauergunst. Wie ein Pfahl rammt sich der jähe Avantgardismus der Studio-Deko ins Auge, lässt dann die Moderatoren zu Miniaturen werden.

Wozu dienen die sündhaft teuren Animationen, an denen Stunden über Stunden gebastelt wird, die also nie für die schnelle Nachricht taugen? Angeblich sollen komplexe Zusammenhänge so veranschaulicht und besser verständlich werden. Nennen Sie auch nur ein Beispiel für das Gelingen dieser Absicht. In der Regel verführt die aufwändige Grafik nämlich exakt zum Gegenteil: Irreführung durch scheinbare Evidenz. Zum Glück ist der allergrößte Blödsinn, das "Konjunkturbarometer" im Börsenbericht, in dem einfach völlig unzusammenhängende Tendenzen in ein gemeinsames Tortendiagramm gezwängt wurden, inzwischen aufgegeben worden.

Denken Sie viertens stets daran: Parteien sind wichtig, aber Politik-Berichterstattung ist nicht Parteien-Berichterstattung. Parteien sind beschränkt. Ihr Denken ist machtpolitisch überformt. Längst gibt es gesellschaftspolitische Initiativen anderer Natur; Menschen, die solidarisch miteinander leben, die Beispiele schaffen für gute Bildung, Energiesparen und gegenseitige Hilfe, die traditionelle Muster sprengen und Alternativen erproben, die konventionelle Politik nicht anzupacken wagt. Seien Sie darauf neugierig. Schicken Sie Ihre Journalisten und Reporter an die Basis der Gesellschaft, um diese zu untersuchen. Sprengen Sie die hermetische Abgeschlossenheit des ZDF auf dem Mainzer Hügel. Lassen Sie die Frischluft der gesellschaftlichen Bewegungen herein. Verankern Sie eigenwillige Filmsprachen auch im Berichterstattungs-Alltag.

Zu dieser Neugier gehört fünftens auch das große dokumentarische Stück, das Aktuelles vertieft. Mustergültig ist dies Claus Kleber mit seiner zweiteiligen Reportage über die Atombombe gelungen. Für das Profil des ZDF insgesamt sind diese Filme ein Gegengewicht zum täglichen, oft arg schmalspurigen "Leute heute"-Boulevard und den "ZDF.Reportern".

Sechstens: Ein hübscher Euphemismus unterläuft ZDF-Verantwortlichen gerne, wenn sie davon sprechen, dass sie die Jugend "halten" wollen. Machen Sie sich nichts vor: "Die Jugend" ist weg! Da hilft keine Diplomatie und keine Ausgewogenheit. Alles Reden davon, jetzt seien neue Zuschauer zu gewinnen, ohne die alten zu verprellen, ist Augenwischerei. Zwischen "Logo" und "heute journal" klafft eine riesige Lücke. Wer nun glaubt, durch ZDF.neo die Jugend gewinnen zu können, muss sich natürlich auch fragen lassen, warum es ausgerechnet dort weder Nachrichten noch eine Schüler-Talk-Show oder Wissenssendungen gibt. Das Fiktionale dominiert hier.

Einige im ZDF sind stolz auf Shows wie "Ich kann Kanzler", die Günther Jauch für den Lerchenberg produzierte. Und am Ende siegte ein kreuzbraver CDU-Jüngling vor einem Mitglied der Boygroup des SPD-Seeheimer Kreises. Dieses Ergebnis ist kein Zufall. Sehr viel näher an der politischen Realität ist Stefan Raab, der längst auch die wichtigste Bundestags-Wahlsendung für die Jugend veranstaltet. Dort waren FDP und Linke die großen Gewinner. Dass ausgerechnet Raab es schafft, die Jugend und die Spitzenpolitiker füreinander zu interessieren, ist natürlich eine Blamage für das gesamte öffentlich-rechtliche System.

Im Gespräch und im Live-Interview entstehen immer wieder große Momente des Fernsehens. Nikolaus Brender wagte sogar, einem leibhaftigen Kanzler zu widersprechen. Herr Frey, Sie sind ein ruhiger Typ, wirken freundlich und verbindlich. Es kann siebtens nicht darum gehen, an Ihnen herumzudoktern, aber Sie stehen vor einer großen Bewährungsprobe. Und dazu gehört auch, im Interview in der Sache unnachgiebig zu sein. Sie haben schon bewiesen, dass Sie das können - in manchen auffälligen wie unauffälligen Sommer-Interviews. Besonders energisch haben Sie Oskar Lafontaine herausgefordert. Das war gut, aber auch ein billig erworbener guter Ruf, denn Sie folgten nur dem Mainstream. Wie artig befragten Sie dagegen Kurt Beck in einer Pfälzer Weinstube, als dieser noch Vorsitzender der SPD war? Wir freuen uns schon auf das erste "Was nun, Frau Merkel?". Nicht weil wir von der Kanzlerin großartige Neuerungen erwarten, sondern weil wir sehen wollen, wie Sie sich an ihr abarbeiten. Ihre Bewährungsprobe ist dann auch eine Bewährungsprobe für das ZDF und seine Unabhängigkeit.

Wir wünschen Ihnen frohen Mut.

Bernd Gäbler