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Das neue ZDF-Studio: Die "grüne Hölle" ist eröffnet

Das ZDF hat erstmals aus seinem 30 Millionen Euro teuren Nachrichtenstudio gesendet. Während Anchorman Claus Kleber im Gespräch mit stern.de voller Vorfreude von der "grünen Hölle" spricht, hat RTL-Kollege Peter Kloeppel nur ein müdes Lächeln für die Nachrichten-Offensive der Konkurrenz übrig. Von Katharina Miklis

Claus Kleber ist ganz entspannt. Dass er in wenigen Stunden seinen ersten großen Auftritt im neuen ZDF-Nachrichtenstudio haben wird, das man in Mainz liebevoll-spöttisch "grüne Hölle" nennt, merkt man ihm nicht an. Auf den Gängen wird die Nervosität mit "Tarzan und Jane"- und Dschungel-Witzen überspielt. Kleber macht mit. Seine Kollegen von "heute.de" haben ihm gerade eine Mail geschickt, dass sein Internetvideo, in dem er das neue ZDF-Nachrichtenstudio erklärt, mehr Abrufe hat als der brennende Michael Jackson. "Das muss erstmal jemand schaffen", lacht Kleber, "ich habe Michael Jackson und Obama abgehängt." Lockere Stimmung auf dem Mainzer Lerchenberg, auf dem die "grüne Hölle" in wenigen Stunden auf Sendung geht.

30 Millionen Euro hat das ZDF sich das neue Studio auf dem Mainzer Lerchenberg kosten lassen, in dem die Sendungen "heute", "heute journal" und "heute nacht" ab Freitagabend virtuell werden. 30 Millionen Euro für eine "grüne Hölle", wie Claus Kleber und seine Kollegen das neue "Studio N" des ZDF nennen. Die große Nachrichtenoffensive des Senders bringt unter anderem mit sich, dass künftig auch die Beine der Moderatoren wie Claus Kleber, Gundula Gause oder Petra Gerster ihren großen Auftritt haben. Die Jeans, die Kleber gerne mal zum Sakko trug, muss jetzt also im Schrank bleiben. Schmuck und Turnschuhe sind tabu. Für seinen ersten Auftritt am Freitagabend hat er sich mit seiner Stylistin einen klassischen dunkelblauen Anzug ausgesucht. Weißes Hemd ist ab sofort Pflicht. Kleber: "Die neue Kleiderordnung ist eher für die Frauen schwierig. Bei mir würde es Wochen dauern, bis einer merkt, dass ich immer den gleichen Anzug trage".

"Es wird keine Showtreppen geben"

Kleber und Kollegen werden im Stehen in einer grünen Kulisse moderieren, die für den Zuschauer nicht sichtbar ist. Stattdessen werden ein blaugrauer Hintergrund und bei Bedarf beliebige Inhalte in den dreidimensionalen Raum projiziert, ob Tsunami oder Kanzlerin. Anhand von aufwändigen und für die Moderatoren "begehbaren" Grafiken und Animationen sollen komplexe Themen künftig in so genannten Erklärräumen veranschaulicht werden. Zwei hochmoderne Kameraroboter folgen den Moderatoren. Mithilfe von Mikrochips, die im Boden eingebettet sind, können sie sich automatisch im Raum bewegen.

Als News-Entertainer sieht sich Kleber jedoch nicht. "Es wird nicht getänzelt und es gibt keine Showtreppen." Bei so viel neuer Technik empfindet "heute journal"-Moderatorin Marietta Slomka das alte Studio jetzt schon als "popelig". Steffen Seibert nennt es mit liebevollem Ton "Besenkammer". "Diese routinierte Zuverlässigkeit, die man im alten Studio hatte, wird man spätestens nach der zweiten oder dritten größeren Panne vermissen", witzelt Kleber. Vier Jahre lang hat man an der 700 Quadratmeter großen "grünen Hölle" gearbeitet. Jetzt kann es losgehen. Grüner wird's nicht.

Während die ARD, die auch in Zukunft nicht auf Virtualität im Nachrichtenstudio setzen will, von einer Glaubwürdigkeitsfalle fürs ZDF spricht, hat "RTL aktuell"-Anchorman Peter Kloeppel nur ein müdes Lächeln für die Nachzügler vom ZDF übrig. "Die virtuelle Realität, die das ZDF jetzt einführt, gibt es bei uns schon seit vier bis fünf Jahren. Wenn ich mir das neue 'heute'-Studio angucke, das viel Geld gekostet hat, dann kommt mir das alles schon sehr bekannt vor." Kloeppel sieht in der Nachrichtenoffensive des ZDF eine weitere Orientierung der Öffentlich-Rechtlichen an den Privaten: "Es ist doch wie mit dem Teleprompter in der 'Tagesschau' um 20 Uhr. Jahrelang hat man diskutiert, wollte als einzige Nachrichtensendung beim Papierablesen bleiben. Und siehe da, seit einiger Zeit gibt es auch in der ARD den Teleprompter."

Kloeppel: "Eine weitere Orientierung an den Privaten"

Dass "RTL aktuell" im ersten Halbjahr 2009 zumindest in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen die "Tagesschau" und "heute" knapp überholt hat, ist einer der Gründe, warum es für das ZDF höchste Zeit wird, seine Nachrichten moderner und jugendaffiner zu gestalten. Wurde das ZDF schlicht und einfach grün vor Neid? Der Nachrichtenmann von RTL sieht den virtuellen Vorstoß des ZDF als "schöne Herausforderung. Im Spätherbst ziehen wir in ein neues Studio nach Köln-Deutz. Dann sind wir schon wieder eine Stufe weiter."

Den Vorwurf des Glaubwürdigkeitsverlusts lässt das ZDF nicht auf sich sitzen: "Realität wird nicht vorgespielt und nicht imitiert. Für den Zuschauer ist jederzeit erkennbar, dass sich alles, was er sieht, in einem Nachrichtenstudio abspielt", so Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles. Er will im neuen Studio nichts weniger, als "die verständlichsten Nachrichten im deutschen Fernsehen produzieren".

Tarzan und Jane auf dem Lerchenberg

Momentan laufen dafür auf dem Lerchenberg die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Moderatoren, die vermutlich künftig privat jeden Golfplatz und grüne Anlagen meiden werden, wurden monatelang im grünen Raum gecoacht. Ernst wird's dann heute um 19 Uhr, wenn Seibert die erste "heute"-Sendung aus dem neuen Studio moderiert. Im "heute journal" um 21.45 Uhr zeigen Claus Kleber und Gundula Gause Bein. Noch im Herbst sollen auch die ZDF-Sendungen "logo!", "ZDF Mittagsmagazin", "heute 100 Sekunden" sowie die wöchentlichen Magazine "blickpunkt" und "ZDFwochen-journal" aus dem neuen Studio gesendet werden.

"Im Moment bin ich noch sehr sehr cool", sagt Kleber. Sein Wunsch für die erste Sendung: "Wenn kurz davor noch etwas Spannendes passieren würde, in der Politik oder bei Porsche oder ein plötzlicher Machtwechsel im Iran...". Grün ist die Hoffnung.

Katharina Miklis