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Zehnte Staffel "Popstars": Viel Tamtam, wenig Talent

Singen gegen das Sommerloch: "Popstars" startet in die zehnte Staffel. Mikrofone leuchten, Kandiaten heulen, bibbern und lassen sich anbrüllen. Doch die Jubiläumsparty misslingt – weil der beste Teilnehmer leider nicht singen kann.

Von Sophie Lübbert

Arne kann nicht singen. Wenn er den Mund aufmacht, klingt er wie ein kaputter Traktor. Und das ist noch nicht alles: Der 30-jährige Kölner hat null Rhythmusgefühl und ein übertriebenes Selbstbewusstsein. "Es gibt bessere Stimmen, aber keinen besseren Entertainer", sagt Arne. Mit dem ersten Teil seiner Selbsteinschätzung hat er durchaus Recht. Dann stellt er sich in Positur, schreit herum und tut so, als sei das Gesang.

Genau in diesem Moment wird dem Zuschauer klar: Arne ist der perfekte "Popstars"-Kandidat. Denn die Show startet in ihre zehnte Staffel. Und muss sich gegen mehr Konkurrenz denn je durchsetzen.

Überall in Deutschland finden Castings statt, man kann kaum noch vor die Tür gehen, ohne aus Versehen in eines reinzulaufen. Mal wird das nächste Topmodel, dann doch eher ein Supertalent gesucht. So viele gibt es, dass sie niemand mehr sehen will: Die Quoten sinken, die Casting-Dämmerung hat längst begonnen.

"Popstars" bräuchte schräge Kandidaten, um zu überleben

Und in dieser denkbar schlechten Ausgangssituation tritt „Popstars“ nun noch einmal an. Das Format startete 2000 und war die erste Castingsendung, die im deutschen TV auftauchte. Das Konzept war noch völlig neu und schlug dementsprechend gut ein. Das hat sich radikal verändert: Zwölf Jahre danach ist "Popstars" so ausgelutscht wie die Sprüche von Chefjuror Detlef D!. Die Sendung braucht deshalb vor allem eins, um bestehen zu können: tolle Typen. Je schräger, desto besser. Doch außer dem hoffnungslos amusikalischen Arne regiert der Durchschnitt: bei den Kandidaten, der Jury und dem ganzen ShowKonzept.

Da kann Chef-Juror D! noch so oft "Wir sind die Mutter aller Casting-Shows" tönen, während Bilder von alten Staffeln über den Bildschirm fluten. Das hilft wenig, wenn der Zuschauer verzweifelt versucht, sich daran zu erinnern, wie die letzte Band eigentlich hieß oder welchen Hit sie performt hatte. Und eine aufgeregte Stimme dazu aus dem Off verspricht: "Der Traum geht weiter".

Der Traum, sofort wieder vergessen zu werden

Toll. Der Traum geht weiter, das klingt gut. Aber welcher Traum eigentlich? Der, sich wochenlang im TV zum Affen zu machen und danach zum Dank sofort vergessen zu werden? Oder der, sich von Detlef D! Soost samt seinem Ausrufezeichen anschreien zu lassen? Oder Ex-Casting-Teilnehmer wie Ross Antony in der Jury zu sehen, die sonst nur noch durch Dschungel-Shows auf sich aufmerksam machen?

Denn ProSieben bietet zum Jubiläum zwar eine neue Jury – aber die wirkt wie von der Resterampe. Neben dem unvermeidlichen D! sitzen da Senna Guemmour,"No Angels"-Sängerin Lucy Diakovska und eben Ross Antony. Alle haben früher mal bei "Popstars" gewonnen und jetzt trotzdem nichts Besseres vor.

Ein leuchtendes Mikro ist dem Zuschauer völlig wurscht

Die Rollen sind klar verteilt: Ross ist der nette Onkel, der Kandidaten umarmt und dauernd losheult. Lucy guckt ernst und wirkt, als wäre sie lieber woanders. Senna redet viel, sagt wenig und kommt sich sehr wichtig vor. Und D! berlinert herum und trägt weit ausgeschnittene enge T-Shirts. Aufregend ist das alles nicht, ähnliche Jury-Konstellationen gibt es überall.

Auch die anderen Änderungen sind gut gemeint, bringen aber nichts. Erstens: Die Juroren vergeben je höchstens drei Punkte. Hat ein Kandidat insgesamt mindestens acht eingesammelt, kommt er eine Runde weiter. Aha. Zweitens: Im Recall leuchten die Mikrofone der Kandidaten. Klingt komisch, ist es aber nicht. Ob ein Mikro leuchtet oder nicht, während die Person dahinter singt, ist dem Zuschauer völlig schnuppe.

Nur eine Sache ist wirklich anders als bei den übrigen Casting-Shows. Die zweite Runde wird direkt im Anschluss an die erste gezeigt. Heißt: nach einer Sendung weiß der Zuschauer schon, ob bestimmte Kandidaten in der dritten Runde - dem Workshop auf Ibiza - dabei sind. Das führt dazu, dass zwar jede Folge eine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Aber dadurch fehlt auch jede Chance, die Kandidaten über längere Zeit kennen zu lernen – sie sind nach einer Show ja schon durch.

Man möchte mitweinen, aber nicht vor Freude

Zum Glück gibt es auch wirklich keinen Grund, sie näher kennen zu lernen. Denn nach den Einspiel-Filmchen weiss man bereits, was man von ihnen halten soll. Da wäre der brave Pfadfinder, der selbstverliebte Italo-Loverboy, das schüchterne Mauerblümchen, die flirtende Sexbombe, der süße Schwule vom Dorf. Keiner von ihnen hat eine herausragende Stimme oder sonstige Qualitäten, die eine Weltkarriere auslösen könnten.

Dafür wissen alle ganz genau, was sie wann sagen müssen. Da macht es sich bezahlt, dass schon neun Staffeln "Popstars" über den Bildschirm flimmerten. Die Kandidaten kennen die Pflichtsätze der Casting-Welt: "Ich werde mein Bestes geben", "Ich bin so aufgeregt" oder "Ich weine, weil ich so viel Freude habe". Da möchte der Zuschauer glatt mitweinen, wenn auch nicht vor Freude.

"Popstars" hätte sich selbst und seinen Fans - so es denn noch welche gibt - diese zehnte Staffel ersparen sollen. Sie dürfte genauso untergehen wie all die Bands, die die Show in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

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