DODGE VIPER Schauläufer


Gerade läuft das Tamtam zum 50. Geburtstag der Chevrolet Corvette auf Hochtouren. Da wagt es Chrysler, mit der Vorstellung der neuen Dodge in die Feierlichkeiten zu platzen.

So eine Sauerei. Gerade läuft das Tamtam zum 50. Geburtstag der Chevrolet Corvette so schön auf Hochtouren. Da wagen es die Chrysler-Kerle, mit der Vorstellung ihres neuen Super-Hammers Dodge Viper mitten in die Feierlichkeiten rein zu platzen. Und ziehen natürlich die Aufmerksamkeit der Benzinschreiber auf sich. Gratulation, Volltreffer!

»Ool-ämärikän-sportskar«

Was die Corvette-Gemeinde indes viel mehr deprimieren dürfte als diese Premieren-Kabale ist eine schlichte Zahl: Die Kraft von 506 ziemlich ungebändigten Wildpferden steckt unter der langen Viper-Motorhaube. Da wirken die 350 PS der Corvette wie eine Ansammlung steifbeiniger Ackergäule. Kein Wunder also, dass der Gedanke aufkommt, jeder Besitzer dieses »Ool-ämärikän-sportskar« muss sich nun eigentlich wie ein Spargeltarzan fühlen. Selbst das Umsteigen auf die mit 405 PS etwas schärfere Corvette-Schwester Z06 hilft zum Beispiel beim beliebten Ampelsprint nicht wirklich.

Sympathiebekundungen

Wie jetzt in Santa Barbara, Cabrillo Boulevard Ecke State Street. Man steht in der offenen Viper an der Ampel, lässt den Motor mit 8,3 Liter Hubraum und zehn Zylindern im Leerlauf wummern und nickt lässig, weil Passanten das nigelnagelneue Trumm sofort erkennen und mit nach oben gereckten Daumen Sympathie bekunden. Rollt so 'n blonder Zopffuzzi mit 'ner gelben Corvette links neben einen, ebenfalls offen. Automatik, wahrscheinlich keine Z06. Er weiß, wenn er jetzt rüberschaut, kommt das einer Unterwerfung gleich.

Verbissen starrt er nach vorne und lässt den Motor mal brüllen. Dazu muss er mit dem linken Fuß auf die Bremse latschen, mit dem rechten aufs Gas tippen. Das geht beim Automatikgetriebe nicht anders. Was dazu führt, dass der Wagen schaukelt, wippt, sich ein wenig aufbäumt, weil er weg will, aber noch nicht darf. So als wolle er signalisieren: »Dir zeig ich's gleich.« Am Steuer der Viper ist dieses akustische Muskel-Posing dank Schaltgetriebe und Kupplungspedal einfacher. Auskuppeln und rauf aufs Gas, wenn's der Trieb verlangt.

Locker die Corvette versägt

Als die Ampel auf Grün springt, bin ich nach einem Wimpernschlag weg. Längst war der Gang drin und die Drehzahl hoch, als die Kupplung reinschnalzte. Der Corvettenkapitän dagegen stand einen Moment wie festgenagelt. Aus den Radkästen der Hinterreifen stieg etwas Qualm auf. Ein Indiz dafür, dass der arme Tropf vergessen hat, von der Bremse zu gehen, während er gleichzeitig rechts Vollgas gegeben hat, bis die Räder gequält auf dem Asphalt radierten. So kam die Karre nicht von der Stelle. Höchststrafe!

Vier Gänge ohne Sinn

Nach solchen Adrenalin-überfluteten Momenten fragt man sich hinterher in der Abkühlungsphase: Wieso hat die Viper eigentlich sechs Vorwärtsgänge? Zwei würden reichen. Dann käme der Monstermotor auch ohne solche Ampelmätzchen soundmäßig auf Touren. Die vier restlichen sind angesichts des strengen Tempolimits im Grunde serienmäßig bereits in Rente. Die überall lauernden scharfen Sheriffs sorgen dafür. Selbst wenn man gemütlich loszuckelt, reicht der Zweite locker bis 80 Meilen. Das ist jenseits jeder Beschränkung. Allerdings wird der Brummer dann ein wenig laut.

Schaltgetriebe im Automatik-Land

Das will der Ami-Mann, merkwürdigerweise auch sechs Gänge, Schaltgetriebe und Kupplungspedal. Obwohl er vom ewigen Automatikfahren seines Erstwagens eigentlich ein verkümmertes linkes Bein haben müsste. Jim Schroer, Chryslers Marketingchef, weiß noch mehr über seine Viper-Kunden: »Die sagten uns: ,Gib uns mehr Power, bessere Bremsen mit ABS, bloß keinen Cupholder, auch keinen Antischleuderschutz ESP, dafür aber bitte eine scharfe Stereoanlage.' Weiterer Elektronik-Schnickschnack kam nicht infrage.«

Nix für Sitzpinkler

So ist sie pur geworden, die Viper. Nix für Sitzpinkler: von 450 auf 505 PS aufgepumpt; beschleunigt in 3,9 Sekunden von 0 auf 100; ein extrem bandscheiben-unfreundliches Fahrwerk; so eng, dass man fast einen Riesenschuhlöffel zum Reinrutschen braucht, und, ha!, für Kleingewachsene sogar einstellbare Pedale. Ein Auto für Machos, die eine Prothese brauchen und dennoch nie richtig dürfen. Denn die erreichbaren 300 km/h Spitze sind angesichts der Cops an jeder Straßenecke allenfalls Stoff für Träume. Damit ist die Unterschrift unter den Viper-Kaufvertrag auch eine Verzichtserklärung: Wenn einen die Besitzgier ankommt, einfach bestellen, in die Garage damit und ab und an mal zum Rumzuckeln rausholen. Mehr ist nicht drin.

Ein »Männerauto«

Dennoch verkauft sich dieser Interruptus auf Rädern rasend. 80 000 Dollar das Stück, ohne Steuer. Die Produktion des nächsten Jahres, 2.500 Einheiten, ist bereits weg. Schroer begründet das auch damit, dass die giftige Natter von einst nun deutlich zahmer geworden ist: »Die neue Viper gehorcht dem Fahrer, bei der alten war das umgekehrt.« Ein Frauenauto etwa? »Nein, nein. Die Viper wird zu 90 Prozent von Männern gekauft. Bei der Corvette jedoch«, da schmunzelt er fies und setzt zum Seitenhieb an, »sind auch ein Drittel Frauen dabei.«

Als Konkurrenten akzeptiert Schroer nur zwei, den Lamborghini Murciélago mit 580 PS und den Ferrari 575 Maranello mit 515 PS. Die allerdings verfügen nicht über ein derart exklusives Seriendetail, wie es die Viper hat: Wer sich beim Aussteigen auf den Türschweller abstützt, dessen Hand wird schnell zu Grillfleisch. In den Flanken stecken die Auspuffrohre, die den Kunststoff höllisch aufheizen.

Vorschlag an die Konstrukteure: Befestigt auf den Schwellern einen reliefartigen Schlangenkopf. Dann können sich die Viperfahrer immer an ihren Brandzeichen in den Handflächen erkennen.

Harald Kaiser


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