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Zum Tod von Dirk Bach: Auf Wiedersehen, kleiner König Dezember!

Dirk Bach war durch und durch Showman. Seiner Wampe verlieh er Kultstatus, sein Schwulsein erhob er zum Stilmittel. Fans liebten ihn dafür. Zurück bleibt Trauer.

Ein Nachruf von Thomas Schmoll

Wer am Montagabend auf die Internetseite des Berliner Schlosspark-Theaters schaute, erlebte eine heile Welt. Alles war, wie es sein sollte. Für Donnerstagabend wurde eine Voraufführung "Der kleine König Dezember" angekündigt. Beginn 20 Uhr. Dazu ein Bild mit dem Hauptdarsteller: Dirk Bach. Er schaut – das typische Doppelkinn wie immer gut sichtbar - hinter einem Bücherregal hervor, gespannt, was sich da wohl in der Ferne abspielt. Gekleidet ist er mit einem roten Königsumhang, natürlich mit einer Krone auf dem runden Schädel, darunter das meist fröhliche Mondgesicht. Zur Rolle wird erklärt: "Er wohnt in einem kleinen Mauerriss gleich hinter dem Bücherregal. Dort bewahrt er seine Träume in vielen kleinen bunten Schachteln auf." Am Samstag sollte Premiere sein. Dirk Bach war Garant für regen Zulauf.

Wer am Montagabend auf die Facebook-Seite des Berliner Schlosspark-Theaters schaute, erlebte die reale Welt, also die, die manchmal sehr böse und hart sein kann. Dort musste das Schauspielhaus verkünden, dass Dirk Bach niemals mehr hinter irgendeinem Bücherregal hervorschauen wird, nicht auf der Bühne, nicht bei Freunden oder sonst wo. "Dem Schlosspark Theater obliegt die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Dirk Bach für uns völlig unerwartet heute verstorben ist", erklärt da unter anderen Intendant Dieter Hallervorden. "Wir haben Dirk Bach als lebenslustigen und sehr liebeswerten Kollegen kennen gelernt, um so mehr schmerzt der Verlust." Der Eintrag schließt mit einem Satz, den der Komiker in der geplanten Premiere am Samstag als kleiner König Dezember hätte sagen sollen: "Und wer tot ist, wird ein Stern!"

Dirk Bach ist tot. 51 Jahre alt wurde er. Tausenden seiner Fans wird er als ein Stern in Erinnerung bleiben, der niemals verglühen wird. Oder wenn man so will: Der König ist tot, es lebe der König! Dabei wollte Dirk Bach gar kein König sein, jedenfalls keiner im Showbusiness. Sein Privatleben schirmte er weitgehend ab. "Von einer Kamera möchte ich mich niemals länger beobachten lassen als notwendig. Ich mache ja nicht mal Homestorys für die bunten Illustrierten. Das würde mein Mann auch gar nicht mitmachen", sagte er einmal.

"Warum kann man Dirk Bach nicht beerdigen?"

Offenheit präsentierte er an anderer Stelle: Zu seiner Homosexualität stand er ohne jedes Wenn und Aber. Er engagierte sich für Schwule und Lesben, wo er konnte. Bachs Devise: "Da gibt es immer noch sehr viel zu erkämpfen, bis dass der letzte Schwule/die letzte Lesbe irgendwo im kleinsten Dorf sein/ihr Outing haben kann, ohne darüber nachzudenken, ob das zu einem Problem werden kann." Witze über ihn, zum Beispiel über seinen äußerst dicken Bauch oder sein Schwulsein, prallten nicht nur an seinem korpulenten Körper ab. Er lachte sogar herzhaft mit. Vielleicht hätte er auch diesen hier komisch gefunden: "Warum kann man Dirk Bach nicht beerdigen?" Na? "Für vier Träger ist er zu schwer und für sechs Träger ist er zu kurz." Hahaha. In einer seiner Sendungen hätte Dirk Bach mit dem für ihn typischen Feixen - einem Mix aus Kichern und herzhaftem Lachen - reagiert.

Bach lachte gern. Und viel. Auch über sich. Er nahm sich gern selbst auf die Schippe. Seiner dicken Wampe und seinem Schwulsein verlieh er damit Kultstatus. Sein üppiger Bauch war nicht nur Teil seines Körpers, sondern auch seiner Selbstinszenierung. Er klagte niemals öffentlich über seine Gestalt, zeigte sich nicht in Ansätzen unzufrieden und machte in keinem Augenblick den Eindruck, als plane er eine Diät. Umso genüsslicher schaute er den Semi-Promis im RTL-"Dschungelcamp" zu, wenn sie bei Tests versagten und sich so um Lebensmittel brachten. Über seinen langjährigen Freund und Verlobten sagte Bach einmal in der "Bild"-Zeitung: "Er liebt jedes Pfund an mir!"

Oft wusste man bei Dirk Bach nicht, ob er das, was er gerade sagte, ernst meinte oder nicht. Er liebte die Ironie, auch die Selbstironie. Zum Beispiel wenn er auf die Frage "Ist das Dschungelcamp Volksverdummung?" mit einem klaren Nein antwortete. Das Event sei eine sehr ironische, satirische Sendung. "Da begeben sich professionelle Unterhaltungskünstler für maximal zwei Wochen in den Dschungel, ich weiß wirklich nicht, was daran volksverdummend sein könnte."

Der böse Herr Bach und die fiese Frau Zietlow

Dirk Bach war ein Schelm und liebte das Verschmitzte. Er beherrschte die hohe Kunst, einen geschmacklosen Witz zu machen, ohne dass dieser als platter Kalauer rüberkam. Das machte das Schwergewicht zum bestmöglichen Dschungelcamp-Moderator. Er, der Spötter vor dem Herrn, und sie, Sonja Zietlow, die endlos frotzelnde Dame an seiner Seite, bildeten ein Traumpaar, die über die Gäste lästerten und höhnten, als gebe es kein Morgen. Wenn Zietlow etwa frohlockte, dass sich die Ratten im Camp tierisch freuten, weil sie nun endlich zum Einsatz kämen, erwiderte Bach: "Unsere Buschratten waren fast so lange arbeitslos wie (Teilnehmerin) Katy." Viele schalteten die Sendung nicht mehr ein, um abgehalfterte Stars zwischen Kakerlaken und Spinnen zu erleben, sondern um die fiesen Sprüche von Bach und Zietlow zu hören.

Natürlich wussten Zuschauer und Camp-Insassen, dass all die Häme zur Show gehört und Teil der Inszenierung ist. Der Sänger Costa Cordalis, der 2004 erster RTL-Dschungelkönig wurde, sagte "Focus Online": "Mit ihm geht ein Freund." Trotz seiner Gemeinheiten habe Bach das größte Herz in der Showbranche gehabt. "Er war einer der tollsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte." Nun ist er tot. Auf Wiedersehen, kleiner König Dezember!

Thomas Schmoll