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Abzock-Masche: Exklusiver Buchauszug: Wie Starkoch Frank Rosin Opfer eines Betrügers wurde

Erst als Frank Rosin eine Mail bekam, flog der Schwindel auf. Sein Anwalt Burkhard Benecken schildert in seinem neuen Buch "Stars zwischen Macht und Ohnmacht", wie der Name des Starkochs missbraucht wurde. Der stern zeigt das Kapitel exklusiv.

Starkoch Frank Rosin

Starkoch Frank Rosin

Elf seiner Mandantinnen und Mandanten, darunter Starkoch Frank Rosin, Schalke-04-Torwart Ralf Fährmann, Reality-TV-Star Gina-Lisa Lohfink und DJ Moguai, haben ihren Anwalt Burkhard Benecken für dieses Buch von seiner Schweigepflicht entbunden: In "Stars zwischen Macht und Ohnmacht - wie das Promi-Phänomen uns alle beeinflusst" erzählen sie frei von der Leber weg über Vor- und Nachteile des Prominentendaseins – und was es mit uns allen macht.

"Stars zwischen Macht und Ohnmacht" von Burkhard Benecken ist im Goldegg-Verlag erschienen und ab sofort erhältlich.

"Stars zwischen Macht und Ohnmacht" von Burkhard Benecken ist im Goldegg-Verlag erschienen und ab sofort erhältlich.

Mitunter kann es ja auch unangenehm werden, das Berühmtsein. Etwa, wenn sich ein Betrüger des berühmten Namens bemächtigt, um damit Geschäfte zu machen. Der Starkoch Frank Rosin musste das auf unangenehme Weise feststellen …

Exklusiv für stern.de-Leser: das erste Kapitel aus dem Buch "Stars zwischen Macht und Ohnmacht – wie das Promi-Phänomen uns alle beeinflusst"

Sesam öffne dich – Frank Rosin

Alles begann mit einem ungewöhnlichen Traum. Es war der Traum von Bettina Lehmann. Der Traum, ihrer Stadt etwas zu hinterlassen. Etwas, das bleibt, wenn sie nicht mehr da ist. Bettina Lehmann ist eine schillernde Figur in Oldenburg. Sie ist eine wohlhabende siebzigjährige Frau, die es liebt, von schönen Dingen umgeben zu sein. Von beeindruckenden Immobilien. Von teurem Schmuck. Und sie schätzt gutes Essen. Etwas, wovon es ihrer Meinung nach zu wenig in Oldenburg gibt. Darum hat sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, endlich die gehobene Küche nach Oldenburg zu bringen. Ein Sterne-Restaurant für die Stadt. Das sollte ihr Vermächtnis werden. Renate von Stern, eine bekannte und seriöse Immobilienmaklerin der Region, sollte dafür sorgen, dass der Traum endlich Realität würde. Frau Lehmann besitzt einen Gebäudekomplex an einem der schönsten und beliebtesten Standorte der Stadt. Genau hier sollte ein Gourmettempel entstehen, aber nicht irgendein Gourmettempel, nein, hier sollte irgendwann einmal das erste Sterne-Restaurant von ganz Oldenburg eröffnen. So wünschte sich das Frau Lehmann.

Und ihr Wunsch schien sehr viel schneller in Erfüllung zu gehen, als sie es sich vorgestellt hatte. Kurz nachdem von Stern im Herbst 2013 im Auftrag von Lehmann ein Exposé ins Internet gestellt hatte, kamen schon die ersten Antworten und Angebote. Einige interessant. Einige für den Papierkorb. Und eines, das wirklich vielversprechend klang. Es kam von einem Bernhard Josef Croll.

Er habe großes Interesse an dem Immobilienprojekt für die Gastronomie. Und noch größere Pläne. Er wollte einen »asiatischen Genusstempel« in die Stadt bringen. Auf Sterne-Niveau. Nur das Beste vom Besten. Er schickte ein abenteuerliches Konzept mit.

Ein Konzept für ein Restaurant namens »Churai«. Und als Renate von Stern ihn anrief, um ein wenig mehr zu erfahren, ließ Bernhard Josef Croll beiläufig noch einen Satz fallen, den die Immobilienmaklerin bis heute nicht vergessen hat.

»Wissen Sie, Frau von Stern, allein würde ich das nicht machen. Ich habe da einen Kooperationspartner an Bord.«

»Einen Kooperationspartner?«

»Ja, ja, einen Kooperationspartner. Vielleicht kennen Sie ihn. Er war auch schon im Fernsehen. Sein Name ist Frank Rosin.«

Frank Rosin. Na klar kannte Renate von Stern den Starkoch. Frank Rosin war auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Wöchentlich wurden seine TV-Formate zur besten Sendezeit ausgestrahlt, seine Kochbücher waren Bestseller und sein Restaurant im Ruhrgebiet über Monate im Voraus ausgebucht. Frank Rosin war schon damals Deutschlands erfolgreichster Fernsehkoch. Und jetzt zeigte er Interesse, nach Oldenburg zu kommen!

»Da wird Frau Lehmann sich freuen«, dachte die Immobilienmaklerin und setzte ein kurzfristiges Treffen an.

Am 28. 10. 2013 saßen Renate von Stern und Bettina Lehmann in dem luxuriösen Reetdach-Anwesen der Siebzigjährigen und warteten auf den Besuch des verheißungsvollen Interessenten. Es dauerte nicht lange, bis ein auf Hochglanz polierter Audi A8 die Einfahrt hochfuhr. Ein kleiner Mann, Mitte vierzig, stieg aus und eilte mit großen Schritten die Auffahrt hoch. Sein Anzug war scharf geschnitten. Die Haare streng nach hinten gegelt. Frau Lehmann kam ihm entgegen und öffnete die Tür, noch bevor er klingeln konnte.

»Frau Lehmann, nehme ich an?«, sagte der Mann jovial und gab ihr die Hand. »Schön, Sie endlich kennenzulernen, ich habe ja so viel gehört von Ihnen.«

»Ach ja?«, fragte Frau Lehmann verwundert.

»Und Sie müssen Frau von Stern sein«, lenkte er ab und ging mit großen Schritten auf die Immobilienmaklerin zu. »Croll, mein Name, wir haben telefoniert.«

Dann zog Croll zwei Visitenkarten aus dem Revers und drückte sie den Damen in die Hand. Die Schrift war so klein, dass die Frauen sie fast nicht entziffern konnten. Nur, dass da Bernhard Josef Croll stand. Und eine Telefonnummer, die händisch durchgestrichen war. »Merkwürdig«, dachten sie, »aber vielleicht sind solche Karten ja heutzutage modern?«

»Bitte Herr Croll, setzen Sie sich«, sagte Frau Lehmann und wies ihm einen Platz auf der Couch zu. »Und erzählen Sie uns von Ihrem Konzept«, fiel von Stern in das Gespräch ein. »Wir sind wirklich neugierig.«

Croll nickte, schaute beiden Frauen lange in die Augen und tippte dann mit einer schnellen Bewegung einmal in die Luft. »Sanuk«, sagte er. Lange Pause. »Sanuk«, wiederholte der kleine Mann in dem scharf geschnittenen Anzug und fixierte abwechselnd die Gesichter der beiden Frauen.

Frau Lehmann nickte, als würde sie verstehen.

»Sanuk, das ist ein thailändisches Wort«, begann Croll nun auszuführen. »Es lässt sich nicht gut übersetzen, aber wenn man so will, dann bedeutet Sanuk so viel wie ... Spaß. Frau Lehmann, ich will eine Spitzengastronomie nach Oldenburg bringen, die Spaß macht.«

»Lange Tische. Lange Holztische«, fuhr Croll fort und starrte in den Raum, als sähe er etwas vor sich, was gar nicht da war. »Viel Raum. Das lädt zur Kommunikation ein. Die Leute sollen nicht nur essen, sie sollen kommunizieren.«

»Toll, ganz toll«, fiel Frau Lehmann ihm wieder ins Wort und je mehr Croll sich mit seinen Worten bestätigt sah, desto weiter holte er aus.

»Eine offene Showküche! Die Köche sollen vor den Gästen kochen. Ein Horigotatsu!«, schmiss Croll ein, als würden ihm die Ideen wie in einer Art spirituellem Rausch zuiegen. »Ein Horigotatsu ist eine japanische Sitznische. Die Leute sollen nicht denken, sie wären in Oldenburg, sie sollen denken, sie wären in Asien.«

Frau Lehmanns Augen wurden mit jeder eingeworfenen Idee größer und auch die von Berufs wegen eher skeptische Frau von Stern fand, dass das nach einem ziemlich außergewöhnlichen Konzept klang.

»Und natürlich nur biozertifizierte Lebensmittel aus regionalem Anbau. Das ist mir ganz, ganz wichtig. Grünes Siegel. Naturschutz. Es liegt in der Verantwortung unserer Generation, einen grünen Fußabdruck zu hinterlassen und diese Verantwortung soll auch unser Restaurant übernehmen. Das, Frau Lehmann, das ist meine Vision«, beendete Croll seinen kurzen Vortrag.

»Und die Vision von Herrn Rosin, oder?«, fragte Lehmann vorsichtig nach.

»Und die Vision von Herrn Rosin, natürlich«, bestätigte er den Einwurf und zog ein Foto aus seinem Jackett. »Schauen Sie, das waren wir vor rund fünfundzwanzig Jahren. Bei der Bundeswehr.« Das Bild zeigte Croll und Rosin in einer Großküche vor einem Kochtopf stehend. »Gute Zeiten waren das«, sagte Croll. »Der Frank und ich haben uns beim Bund kennengelernt. In der Kantine. Seitdem sind wir unzertrennlich.« Dann faltete er das Foto wieder zusammen und steckte es in sein Jackett zurück.

 »Sie kennen sich also sehr gut, ja?«

»Sehr gut? Frau Lehmann – Frank Rosin ist mein Bruder! Sinnbildlich gesehen. Das ist übrigens wirklich ein sehr schönes Haus, in dem Sie hier wohnen. Sie wohnen doch hier?«

Die ältere Dame nickte.

»Steht es zum Verkauf, Frau Lehmann? Dann kaufe ich das direkt. Dann bekomme ich aber einen Rabatt bei der Courtage, Frau von Stern, einverstanden? So, jetzt muss ich aber los.«

Und ganz plötzlich sprang Croll auf, schüttelte den beiden Damen die Hände und bedankte sich für das »konstruktive Gespräch«.

»Ich denke mal, der Frank wird begeistert sein, das ›Churai‹ in Ihrer Immobilie im schönen Oldenburg zu eröffnen. Ich werde ihn sicher überzeugen. Von Bruder zu Bruder. Wir hören voneinander?«

»Ja, unbedingt«, nickte Frau Lehmann und schüttelte dem Mann die Hand, bevor er in seinen hochpolierten Audi A8 stieg und wegfuhr.

Etwas erschlagen von dem Auftritt setzten sich die beiden Frauen wieder auf die Couch. »Und?«, fragte von Stern nach einer Weile.

»Große Klasse«, antwortete Frau Lehmann. »Das kann eine ganz große Nummer werden. Mit diesem Spaß, diesem ... Saduck. Es ist ein richtig gutes Konzept. Das kann klappen. Ich habe das im Gefühl.«

Einige Tage später einigten sich Croll und Frau Lehmann: Croll sollte gemeinsam mit Rosin eine Gesellschaft gründen und in der Oldenburger Immobilie das Restaurant »Churai« betreiben. Frau Lehmann würde den beiden das neu zu er- richtende Lokal verpachten. Die Kosten für den Bau des Gebäudes hatte Frau Lehmann zu tragen, die Aufwendungen für die Inneneinrichtung sollten geteilt werden. Frau Lehmann wollte für die sie treffenden Finanzierungskosten von über 1,3 Millionen Euro ein Darlehen bei einer Bank auf- nehmen. Mit dem Gesellschaftsvertrag, der Rosin als Mitbetreiber des Restaurants ausweisen sollte, wäre die Bank problemlos zu überzeugen.

So hatte es Croll Frau Lehmann erklärt.

Und von diesem Tag an trafen sich Frau Lehmann und Herr Croll regelmäßig. Zuerst allein. Dann mit dem Architekten. Sie planten gemeinsam, wie das Gebäude später aussehen sollte, welche Änderungen im Bauplan noch vorge- nommen werden mussten, damit die Showküche genug Platz hatte und die extralangen Holztische gut zur Geltung kommen konnten. Auch an den Horigotatsu-Bereich musste man denken. Die beiden dachten an alles, nur der von Croll angekündigte Gesellschaftsvertrag kam nicht an.

»Jetzt drängen Sie doch nicht so, Frau von Stern«, wiegelte Lehmann ab. »Seien Sie mal nicht päpstlicher als der Papst, der wird schon noch kommen.«

Doch er kam nicht. Im ersten Monat nicht. Im zweiten Monat nicht. Kurz vor Weihnachten wurde es Frau von Stern etwas zu bunt. Immerhin hatte Croll den Pachtvertrag mit Frau Lehmann schon unterschrieben und sich darauf berufen, allein zeichnungsberechtigt für die mit Rosin betriebene Gesellschaft zu sein. Es fehlte nur der auch von Rosin unterzeichnete Gesellschaftsvertrag. Zudem war das Darlehen an Frau Lehmann noch nicht ausgezahlt worden, da die Bank sichergehen wollte, dass Rosin das Restaurant mitbetreibe.

»Unterschrift, Unterschrift«, winkte Croll ab. Die Frau Immobilienmaklerin müsse da doch bitte ein wenig Verständnis und Geduld haben, denn Frank Rosin ist nun einmal Frank Rosin und Frank Rosin ist gerade auf dem Höhepunkt seines Erfolges, das wisse man ja, wenn man auch nur einmal den Fernseher einschalten würde. Er hat nun einmal momentan andere Dinge zu tun. Gerade in der Vorweihnachtszeit.

Mit jedem Tag wurde die Immobilienmaklerin skeptischer. Da stimmte doch etwas nicht ... sollte sie Frank Rosin vielleicht einmal anrufen? Aber nein, das wäre nun auch nicht angebracht. Vielleicht hatte Croll ja recht. Vielleicht hatte der Sternekoch einfach zu viel um die Ohren.

Und dann, am Ende des Jahres, lag er tatsächlich unterschrieben vor. Der Gesellschaftsvertrag. Eine Unterschrift von Bernhard Josef Croll. Und eine Unterschrift von Frank Rosin. »Lustig«, dachte von Stern. »Der Frank Rosin hat eine Unterschrift wie ein kleines Mädchen.«

Nach Vorlage des Gesellschaftsvertrages zahlte die Bank Frau Lehmann das Darlehen aus. Dem »Churai« stand nun nichts mehr im Weg.

In den nächsten Monaten wurden die Planungen intensiver, die Beziehungen enger. Im Juni 2014 veranstaltete Frau Lehmann ihr stadtbekanntes Sommerfest. Ein jährliches Highlight. Und ein beliebtes Gesprächsthema in der Oldenburger Gesellschaft, denn für solche Anlässe scheute Frau Lehmann weder Kosten noch Mühen. Das Reetdach-Anwesen wurde geschmückt, der Garten hergerichtet, ein reichhaltiges Buffet vorbereitet und mehrere Hundert Gäste empfangen. Natürlich durfte Herr Croll nicht fehlen. Er brachte an diesem Abend seine Frau und seine Tochter mit. Die Tochter war elf Jahre alt und der Star der Partygesellschaft. Sie bezauberte die Gäste allein dadurch, dass sie so unfassbar offen und liebenswert war. Und es sich nicht nehmen ließ, im Garten zu singen. Sie kam ganz nach ihrem Vater.

Auch der war binnen Minuten zum Mittelpunkt aller Gesprächsrunden geworden. Er erzählte Anekdoten von sich und seinem Freund, nein, Bruder, Frank Rosin, wie sie gemeinsam bei der Bundeswehr in einer Großküche angefangen hatten, wie er Rosin bei der Speisekarte seines ersten eigenen Restaurants beraten hätte - »bloß keinen Fisch«, habe er Frank damals geraten - und er erzählte von den Partys. Jede Menge Partys hätte er mit dem heutigen Sternekoch gefeiert. Eine wilde Zeit. Dann zog er das Foto von sich und Rosin aus dem Jackett. Das Bild wurde herumgereicht. Die Gäste lachten.

»Frau Lehmann, haben Sie eine Minute?«, fragte Croll, als sich der Abend langsam seinem Ende zuneigte. »Ich will jetzt wirklich nicht auf so einem privaten, wunderschönen Fest mit geschäftlichen Dingen ankommen, aber ich habe traumhafte Nachrichten. Halten Sie sich fest, ich habe ein grandioses Angebot eingeholt.« Dann zog er ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Hosentasche.

Frau Lehmann schaute es sich an. Es waren verschiedene Aufnahmen von einem Bus zu sehen.

»Was soll das sein?« »Das, Frau Lehmann, das ist der Gastro-Bus!« »Was zum Teufel ist ein Gastro-Bus?« Croll lachte. »Die Zukunft, Frau Lehmann, die Zukunft.

Schauen Sie, wir werden diesen Bus nehmen, ihn komplett ausschlachten – und eine Küche hineinbauen. Und dann ist er ein mobiles Restaurant.«

»Ich weiß ja nicht ...«

»Ich muss gestehen, es war nicht einmal meine Idee. Es war die Idee von Frank.«

»Ach?«

»Ja, er ist so ein Kreativkopf, das ist wirklich verrückt. Ich habe das einmal durchgerechnet – alles in allem, würde uns das 80.000 Euro kosten. Aber: Ich habe schon jetzt einige Sponsoren zusammen, deren Logos wir auf den Bus lackieren würden – allein die Anschaffungskosten hätten wir damit bereits wieder drin.«

»Die Idee ist interessant«, log Frau Lehmann, denn in Wahrheit verstand sie überhaupt nicht, warum man in einen Bus eine Küche bauen sollte. Sie wollte das aber nicht direkt sagen. Immerhin waren da kreative Menschen am Werk, die kreative Ideen hatten und Kreativität sollte nicht eingeschränkt werden. Und irgendwie war es ja tatsächlich etwas ... Neues.

»Frau Lehmann, jetzt habe ich allerdings eine Bitte an Sie. Wären Sie bereit, in diesen Bus zu investieren?«

»Wie meinen Sie das?«

»Schauen Sie, Frank wird den Bärenanteil der Einrichtungskosten zahlen. Ich hingegen werde die Personalkosten übernehmen und den Bus bezahlen – allerdings fehlt mir noch die Hälfte des Geldes. 40.000 Euro. Wenn ich aber nicht diese Woche zusage, verfällt das Angebot. Sie würden das Geld natürlich zurückbekommen.«

»Ich weiß ja nicht«, sagte Frau Lehmann. »Was habe ich mit Ihrem Gastro-Bus zu schaffen?«

»Es wäre nur eine kurzzeitige Finanzspritze. Als Zeichen des guten Willens. Ich bitte Sie.«

Frau Lehmann erbat sich eine Nacht Bedenkzeit. 40.000 Euro. »Meine Güte«, dachte sie, »die Kosten für den Neubau und die Inneneinrichtung sind doch schon hoch genug.« Andererseits handelte es sich ja wirklich nicht um ein Projekt wie jedes andere. Das hier sollte etwas Besonderes werden. Oldenburgs erstes Sterne-Restaurant. Ein berühmter TV-Star übernahm die Patenschaft dafür. Und mit diesem Gastro-Bus würde man noch eins draufsetzen. »Ach, wenn schon, dann richtig«, dachte Frau Lehmann. Sie rief am nächsten Abend bei Croll an und gab ihm grünes Licht. Anschließend überwies sie ihm 40.000 Euro.

Es vergingen wieder einige Wochen und Monate. Das Gebäude wurde fertig. Es entsprach exakt den Vorstellungen, die Croll in seinem Konzept für das »Churai« skizziert hatte. Ein großer Eingangsbereich mit Raum für eine Showküche. Zwei separate Räume im Obergeschoss und eine kleine Dachterrasse. Die Wände waren holzvertäfelt, die Tische Sonderanfertigungen. Die Küche wurde eingerichtet. Es ging sichtbar voran.

Mittlerweile hatte Croll das erste Personal angestellt. Sechs Köche und einige Küchengehilfen. Sie saßen oft tagelang in dem neuen Gebäude herum und rauchten. Bis zur Eröffnung dauerte es noch etwas. Frau Lehmann verstand nicht, warum die Köche schon da waren, aber Croll erklärte ihr: »Was man hat, das hat man. Lieber frühzeitig zuschlagen, als später ohne gutes Personal dazustehen.«

Frau Lehmann zuckte mit den Schultern. Davon verstand sie nichts. Aber die Personalfragen interessierten sie nicht weiter. Für sie war nur wichtig, dass jetzt alles lief. Und sie konnte täglich sehen, wie ihr Traum Gestalt annahm. Noch nicht gesehen hatte Frau Lehmann allerdings den Gastro-Bus und – Frank Rosin. Obwohl es bereits Winter 2014 war und damit das Projekt bereits seit über einem Jahr lief.

Der Gastro-Bus, so erklärte es Croll, war noch »in Bearbeitung«. Einmal wurde er in der Werkstatt umlackiert. Einmal wurde er in einer anderen Werkstatt umgebaut. Und einmal war er auf Deutschlandreise. Denn Croll, so erzählte er freudig, hatte einen Busfahrer gefunden, der einmal durch das Land fuhr, um mit dem bedruckten neuen Bus Werbung für das »Churai« zu machen. Die Eröffnung sollte zwar erst im Mai 2015 sein, aber »schaden könne es doch nicht«, fand er, und das fand auch Frau Lehmann. Obwohl sie den Bus schon gerne einmal gesehen hätte, bevor er das Land durchquerte. Immerhin hatte sie ihn ja auch mitbezahlt. »Na ja.« Sie hatte ja die Bilder gesehen, die Croll ihr ausgedruckt hatte.

»Und Frank Rosin, nun, Frank Rosin ist sehr beschäftigt«, bedauerte sein Partner. Er bekomme ihn selbst kaum noch an den Apparat. Zu viele Shows, zu viele Empfänge, aber am Neujahrstag, hätte sich Frank extra ein bisschen Zeit freigeschaufelt, um endlich mal nach Oldenburg zu kommen. Er wolle Frau Lehmann persönlich kennenlernen, sagte Croll.

»Er will sich in erster Linie auch bei Ihnen bedanken. Für Ihr Entgegenkommen.«

Frau Lehmann freute sich. Ja, sie war den beiden Männern wirklich entgegengekommen. Das Gebäude wurde komplett nach ihren Wünschen konzipiert, vieles musste architektonisch noch einmal umgeschmissen werden und das kostete eine Stange Geld. »Aber«, dachte sich Frau Lehmann, »das wird es alles wert sein. Es geht hier schließlich nicht ums Geld, sondern um etwas Gutes für die Stadt.« Um ihre Hinterlassenschaft. Sie freute sich darauf, endlich Frank Rosin kennenzulernen.

Am 1. Januar 2015 sollte es so weit sein. Frau Lehmann hatte zuvor im Feinkostladen einige Kleinigkeiten speziell für den Empfang von Frank Rosin eingekauft, die sie in ihrem Wohnzimmer ausbreitete. Sie machte sich zurecht und setzte den Kaffee auf. Um 14.30 Uhr klingelte es auf die Minute pünktlich an der Tür. Und da stand Bernhard Josef Croll. Allein und mit gesenktem Kopf.

»Wo ist denn Herr Rosin?«, fragte Frau Lehmann, aber Croll schüttelte nur den Kopf und betrat das Haus.

»Frau Lehmann, ich habe ganz, ganz schlechte Nachrichten.«

Croll ging in das Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen. Er sah geknickt aus.

»Frank war gestern hier. Er ist einen Tag früher angereist. Wir sind zusammen ins »Churai« gegangen. Ich habe ihm alles gezeigt.«

»Ja und?« »Er war entsetzt.« »Entsetzt? Aber warum denn das?« »Er fand es schrecklich. Es war ihm viel zu klein.« Frau Lehmann konnte nicht glauben, was sie da hörte.

»Zu klein?« Aber er kannte doch die Pläne seit einem Jahr. Er wusste, wie es aussehen würde. Er wusste, dass das Restaurant achtzig Plätze haben würde. »Wir haben für ihn extra umgebaut. Denken Sie nur an den Horigotatsu. Da können wir nichts mehr dran ändern.«

»Ich weiß, Frau Lehmann, ich weiß«, sagte Croll und ließ den Kopf noch tiefer fallen.

»Ja, und jetzt?«

»Frank ist wutentbrannt wieder abgefahren. Er sagte mir, dass er aus dem Projekt raus sei.«

Frau Lehmann spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. »Ja, was soll denn das heißen? Er ist raus? Wir wollen in fünf Monaten eröffnen. Der Gastro-Bus ist schon unterwegs und macht Werbung. Auch die Zeitung hat darüber geschrieben, dass Rosin nach Oldenburg kommt. Das geht doch nicht!«

Auf einen Schlag wurde Croll wieder munter, griff die Hand von Frau Lehmann und rückte nah an sie heran.

»Frau Lehmann. Es ist nicht vorbei. Es darf nicht vorbei sein. Wir ziehen das einfach zusammen durch. Ohne Rosin. Sie springen für ihn ein. Sie sind nicht nur Eigentümerin der Immobilie und Verpächterin – sie werden auch Mitbetreiberin des Restaurants.«

»Auf gar keinen Fall!«, sagte Lehmann. »Ich habe keine Ahnung von Gastronomie. Das ist nicht meine Baustelle. Ich verpachte das hier nur.«

Croll atmete schwer aus und ließ die Hand der Siebzigjährigen wieder los.

»Okay, das verstehe ich. Aber ich kann ohne Rosins fest eingeplante Finanzspritze meinen Teil der Kosten nicht stemmen. Ich brauche kurzfristig 150.000 Euro, sonst komme ich nicht klar.«

»Was ... was haben Sie denn noch an Geld übrig, Herr Croll?«, fragte Lehmann.

Croll überlegte. »100.000 Euro. In Aktien. Die müsste ich verkaufen.«

»Na, Sie kommen doch aus einem wohlhabenden Elternhaus. Das haben Sie mir doch erzählt.«

Croll nickte.

»Wenn Sie Ihre Eltern noch um 50.000 Euro bitten, dann können Sie die Kosten doch tragen.«

Croll dachte nach. »Ja, das würde funktionieren. Aber es dauert seine Zeit, die Aktien zu verkaufen. Und es kommen jetzt schon Kosten auf mich zu. Denken Sie nur an das Geschirr ...«

Das Geschirr. Erst letzte Woche, direkt nach Weihnachten, hatten Croll und Lehmann gemeinsam das Geschirr für den Laden ausgesucht und bestellt. Original japanisches Porzellan. Und dann noch die Einrichtung. Die bestellten Stühle und Tische wurden bereits angeliefert, waren aber nicht bezahlt. Und Croll wollte unbedingt so einen futuristischen Kochroboter für die Showküche haben, der Sushi schneiden kann. Der war ebenfalls bereits geordert.

»Das kriege ich nicht hin«, jammerte Croll. »Ich brauche ein paar Wochen, um die Aktien zu verkaufen.«

»Also gut«, lenkte Lehmann ein. Sie wollte nicht das komplette Restaurant riskieren. »Also gut! Ich strecke Ihnen das Geld vor. Aber sobald Ihre Aktien verkauft sind, will ich das zurückhaben. Ich will keine Mitbetreiberin werden!«

»Das würden Sie tun? Frau Lehmann, Sie sind ein Engel.« Frau Lehmann nickte. Hatte sie denn noch eine Wahl?

In den kommenden Wochen setzte sich jedoch das Gefühl in ihr fest, dass man ihr langsam den Boden unter den Füßen wegzog. Für sie war es wahnsinnig unangenehm, dass die Sache mit Frank Rosin nicht geklappt hatte. Immerhin hatte schon die Lokalpresse berichtet. Und wie peinlich das war, dass der Gastro-Bus deutschlandweit für das Restaurant mit Rosin warb. Aber es musste weitergehen. Es stand ja schon alles. Das Geschirr war da. Die Köche angestellt und der Kochroboter im Lager. Aber es taten sich stets neue Rechnungen auf. Und aus irgendeinem Grund schaffte es Croll noch immer nicht, seine Aktien zu verkaufen. »Komplizierte Finanzprodukte«, sagte er nur. Das brauche etwas.

Eines Tages saß Frau Lehmann im »Churai« und betrachtete das Restaurant, in das sie so viel investiert hatte und von dem sie sich versprach, dass es einmal ihr Vermächtnis werde, als sich plötzlich die Köche vor ihr aufbauten. »Frau Lehmann, wenn Sie nich besahle, dann müsse leider verklagen«, sagte einer der Männer.

»Wie bitte? Ich Sie bezahlen? Für was denn?«

»Habe gültige Arbeisvertrag, müsse besahle. Auch wenn Restaurant noch su.«

Die Köche legten ihr die Papiere vor. »Sie verdienen 4.000 Euro monatlich«, wunderte sich Frau Lehmann. »Allerhand.« Sie wusste, dass ein Koch im Durchschnitt deutlich weniger verdiente. »Aber das müssen Sie Herrn Croll sagen. Er hat Sie angestellt. Nicht ich. Ich habe mit dem Restaurant nichts zu tun. Mir gehört nur die Immobilie.«

»Croll sage, Sie solle sahle.«

»Jetzt reicht es mir aber«, sagte Lehmann. »Klären Sie das mit Ihrem Chef.«

Das war endgültig zu viel für sie. Sie setzte sich in ihr Auto und fuhr wutentbrannt zu ihrem Steuerberater. Der Mann, der auch die Finanzen von Croll überwachte. Zumindest hatte Croll ihr das so erzählt.

»So, mein Lieber, wir reden jetzt Klartext«, sagte Lehmann und stürmte in sein Büro. »Wie lange dauert es verdammt nochmal, die Aktien von Croll zu verkaufen? Mir reißt langsam der Geduldsfaden.«

Der Steuerberater rückte in seinem Stuhl zurück und schaute die aufgebrachte Frau erstaunt an. »Was denn für Aktien? Was für ein Herr Croll?«

»Die Aktien, die du für den Pächter meines Restaurants verkaufen sollst. Diese sogenannten komplizierten Finanzgeschichten. Er ist doch auch bei dir Klient.«

»Um ehrlich zu sein ... ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Bettina. Ich kenne gar keinen Herrn Croll. Über welche Aktien sprichst du denn?«

In dem Moment sank Frau Lehmann langsam in ihrem Stuhl zusammen und ein unangenehmer Gedanke breitete sich in ihrem Kopf aus.

Am Abend des darauffolgenden Tages setzte sich Renate von Stern an ihren Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und googelte die Worte »Frank Rosin Autogrammkarte«. Sie hatte am Tag zuvor mit Frau Lehmann telefoniert, die ihr alles erzählt hatte. Auch von Sterns Rechnung war von Croll noch nicht bezahlt worden. Auf einen Schlag gingen der Immobilienmaklerin viele Gedanken durch den Kopf. Sie hatte von Anfang an ein komisches Gefühl bei diesem Mann gehabt. Was, wenn er ein Hochstapler war?

Von Stern kramte den alten Gesellschaftsvertrag hervor und schaute sich die Unterschrift von Frank Rosin an, die ihr schon damals sehr kindlich vorgekommen war. Dann verglich sie diese Unterschrift mit der auf der Autogrammkarte von Frank Rosin, die sie im Internet gefunden hatte. Diese beiden Unterschriften hatten bereits auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Könnte es etwa sein, dass ...?

Jetzt wollte es die Immobilienmaklerin wissen. Sie scannte den Gesellschaftsvertrag ein und schickte ihn an die E- Mail-Adresse von Frank Rosin. Betreff: »Ist das echt?«

An einem sonnigen Tag betrat ein ahnungsloser Frank Rosin sein Büro, ordnete seine Post, fuhr seinen Computer hoch und öffnete eine E-Mail mit dem Betreff: »Ist das echt?« Angefügt: der Gesellschaftsvertrag für einen Gourmettempel in Oldenburg. Rosin las sich den Vertrag durch. Einmal. Zweimal. Und zur Sicherheit noch ein drittes Mal. Ein Gourmettempel in Oldenburg? Was hatte er denn mit Oldenburg zu tun? Frank Rosin ist ein Mann, der gerne einen genauen Überblick über seine Geschäfte behält. Er weiß, wem er was verspricht und für wann er mit wem was plant. Und ein Restaurant in Oldenburg hatte er garantiert weder irgendjemandem versprochen noch hätte er so etwas jemals geplant. Nicht, dass er etwas gegen Oldenburg gehabt hätte, das nicht. Aber eine Geschäftsgründung?

Er rief seine Assistentin.

»Du, sag einmal: Weißt du was von einem Laden in Oldenburg, den ich eröffnen will? Vielleicht nach einem Glas Wein zu viel? Ich erinnere mich nicht.«

Seine Assistentin schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich auch nichts. Aber Oldenburg ist eine schöne Stadt. Ich habe Familie da. Das wäre ein schönes Investment.«

»Ne, ne«, sagte Rosin, griff zum Telefon und wählte die Nummer der Immobilienmaklerin, die er in der E-Mail-Signatur fand.

»Guten Morgen«, sagte er. »Frank Rosin hier, ich ...«

»Herr Rosin, schön, dass Sie sich melden. Immer noch sehr schade, dass Sie nach der monatelangen Planung aus dem tollen Projekt urplötzlich ausgestiegen sind ...«

»Moment, Moment«, fiel der Sternekoch der Maklerin ins Wort. »Monatelange Planung? Wir kennen uns doch gar nicht.«

Pause. »Aber Herr Rosin, das ›Churai‹ ...« – »Das »Churai«? Sagen Sie mal, was ist denn eigentlich hier los? Wovon sprechen Sie? Ist das versteckte Kamera, oder was?«

»Na, Sie waren doch Gesellschafter. Für das ›Churai‹. Den Gourmettempel, den wir seit Monaten in Oldenburg geplant haben.«

»Ich habe noch nie etwas davon gehört!«, sagte Rosin, der nun langsam etwas knurriger wurde. »Ich weiß nichts von einem Restaurant, ich habe nie irgendetwas unterschrieben und ich war seit drei Jahren nicht mehr in Oldenburg.«

»Aber Herr Croll hat doch ...«

Und in dem Moment wurde Frank Rosin alles klar. »Aber Herr Croll hat doch ...«, das kam ihm sehr bekannt vor. Bernhard Josef Croll. Mal wieder. Rosin kannte Croll von der Bundeswehr. Dieser Teil der Geschichte stimmte also. Doch sie nahm eine andere Wendung. Die beiden waren gemeinsam stationiert gewesen und hatten sich angefreundet. Nach der Zeit beim Bund hatten sich ihre Wege allerdings schnell wieder getrennt. Rosin ging auf Wanderschaft: Er zog durch Spanien und die USA, um dort als Koch zu arbeiten, heuerte auf der »Sea Cloud« als Küchenchef an und eröffnete später in Dorsten, seinem Heimatort, sein erstes ei- genes Restaurant, in dem er sich sehr bald einen ersten Stern, später einen zweiten Stern erkochte. Fisch stand auch auf der Speisekarte. Später wurde er vom Fernsehen entdeckt. Croll hingegen hing das Kochen an den Nagel. Er machte »Geschäfte«, wie er damals immer sagte. Das letzte Mal hörte Rosin Anfang der 2000er-Jahre von ihm. Da kam Croll im Restaurant vorbei und machte dem Sternekoch ein Angebot. Croll erzählte, dass er mittlerweile in Solaranlagen investieren und diese verkaufen würde.

»Mensch, Frank«, sagte Croll, »wäre das nicht auch was für dich? Du hast es doch geschafft, mit deinem tollen Restaurant, hast doch bestimmt ein tolles Haus. Was denkst du, was du auf lange Sicht für Geld mit Solaranlagen sparst? Und dabei tust du noch etwas Gutes für die Umwelt!«

Rosin hörte sich das Angebot an, das sein alter Bundeswehr-Kamerad ihm machte. Es klang nicht schlecht. Er bat um ein paar Tage Bedenkzeit, informierte sich und verglich das Preis-Leistungs-Verhältnis. Nein, die Sache klang wirk- lich fair. Und wenn er seinem alten Kameraden auf diesem Wege einen Gefallen tun könnte. »Warum eigentlich nicht«, dachte sich Rosin. Er traf sich mit Croll und sie besiegelten den Deal. Croll trat dabei als Verkäufer der Solaranlage auf. Rosin überwies die mit Croll vereinbarten 50.000 Euro auf das Konto des Geschäftsmannes und schon eine Woche später rückten Arbeiter an, die die Anlagen auf dem Dach des Hauses montierten. »Das läuft ja reibungslos«, dachte sich Rosin. Nach drei Tagen waren die Arbeiten beendet. Nach vierzehn Tagen kam die Rechnung. 50.000 Euro. Rosin wunderte sich. Er rief bei der Montagefirma an.

»Entschuldigen Sie, ich habe von Ihnen eine Rechnung bekommen. Das ist falsch. Ich habe das Geld schon überwiesen.«

»Nun, Herr Rosin, bei uns ist nichts angekommen«, erwiderte ein Mitarbeiter der Montagefirma.

»Ich habe es an Herrn Croll überwiesen, schon vor einigen Wochen.«

»An wen?«

»Dieser kleine Betrüger«, dachte Rosin. Aber er musste den Betrag nicht erneut zahlen. Wie sich Croll, der tatsächlich nur Vermittler und nicht Verkäufer war, und die Montagefirma verständigt haben, hat Frank Rosin nie erfahren. Trotzdem: Ganz koscher erschien ihm Crolls Verhalten nun wahrlich nicht.

Erst hatte Croll versucht, ihn bei dem Kauf der Solaranlagen über den Tisch zu ziehen. Jetzt versuchte er es mit dem Gourmettempel zum zweiten Mal. Das ärgerte Rosin. Und es ärgerte ihn dieses Mal besonders, weil es in diesem Fall nicht bloß um Geld ging. Es ging um seinen Namen.

Rosin weiß, dass er seinen Namen schützen muss, damit er als Marke nicht beliebig wird. Damit er nicht ausgenutzt werden kann. Von Leuten wie Bernhard Josef Croll. Er hatte Rosins Namen instrumentalisiert, um eiskalt seinen Vorteil aus der Geschichte zu ziehen – und eine ältere Dame in Oldenburg schamlos auszubeuten. Auch das ärgerte Rosin.

»Hören Sie, Frau von Stern«, sagte er am Telefon. »Ich werde jetzt meinen Anwalt anrufen, der alles, was bisher passiert ist, prüfen wird. Und ich rate Ihnen und Frau Leh- mann: Tun Sie dasselbe. Denn ich fürchte, wir drei sind über den Tisch gezogen worden.«

Als Frau von Stern nach dem Telefongespräch versuchte, Herrn Croll zu erreichen, war dieser nicht mehr aufzufinden. Er hatte die Stadt bereits verlassen.

Bettina Lehmann hat mehrere 100.000 Euro verloren und gegen Bernhard Josef Croll Anzeige wegen Betruges erstattet. Den Gastro-Bus hat es nie gegeben. Croll floh mit seiner Familie in die Schweiz, wo er schließlich verhaftet wurde. Im Jahre 2017 wurde ihm in Deutschland der Prozess gemacht. Er bekam eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und elf Monaten. Weder Frau Lehmann noch Frau von Stern können das Urteil begreifen, weil Croll im Tatzeitpunkt unter laufender Bewährung stand. Das Restaurant in Oldenburg hat einen neuen Pächter gefunden und bietet asiatische Spezialitäten. Der Sternekoch hat die von Croll ihm gegenüber ausgesprochene Entschuldigung angenommen. Frank Rosin glaubt an Karma.

Das PromiPhänomen: Die Zauberkraft des prominenten Namens

Eine erfahrene Immobilienmaklerin und eine vermögende Dame wurden zu Opfern eines Betruges, der – im Nach- hinein betrachtet – Kopfschütteln erzeugt. Ich habe beide Frauen kennengelernt und festgestellt: Sie haben Lebenser- fahrung und über die Jahre schon so manchen unseriösen Geschäftspartner rechtzeitig durchschaut. Aber sie waren geblendet – von einem Namen und ihren damit verbundenen Erwartungen. Die Erwähnung des berühmten Kochs Frank  Rosin und ein 25 Jahre altes Foto reichten, dass zwei gestandene Frauen sich nach Strich und Faden hereinlegen ließen.

Was dahinter steckt ...

Der Name ist das größte Kapital seines Trägers. Er kann zur Marke mit dem höchsten Wert werden, den die Informationsgesellschaft kennt: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist eine virtuelle Währung, die sich in Selbstbewusstsein oder bare Münze wechseln lässt. Etwa, wenn Prominente für ein Produkt werben und dafür hohe Honorare kassieren, oder durch den Besuch eines Tanzclubs oder die Eröffnung eines Autohauses dafür sorgen, dass mehr Gäste oder Käufer herbeiströmen. Oder, wenn sie ihren Namen für ein Geschäft hergeben und womöglich selbst darin investieren.

Geht es also nur ums Geld? Um die oberflächliche Aufwertung des Egos? Nein, so einfach würde das Geschäft mit der Berühmtheit dann doch nicht funktionieren. Wir werden im Verlauf dieses Buches noch feststellen, dass das Promi-Phänomen vielschichtig ist und bis in die tiefsten Winkel unseres Unterbewusstseins hineinspielt. Ein Phänomen, das nicht nur auf Einzel-, sondern auch auf kollektiven Erfahrungen basiert und ganze Gesellschaften beeinflussen kann.

Betrachten wir doch einmal das auffällige »Wegschauen« von Frau von Stern und Frau Lehmann. Hätte der Betrüger Bernhard Josef Croll nicht mit dem Namen Frank Rosin gewedelt, die beiden hätten ihn wohl nicht einmal empfangen. Aber die bloße Nennung des bekannten Namens genügte, dass beide ihre »Rauchmelder« deaktivierten. Und, um in der kulinarischen Bilderwelt zu bleiben, viel zu spät den »Braten rochen«.

Um zu begreifen, was hier passierte, hilft uns ein Blick in die Geschichtsbücher. Die sind nämlich voll von Anekdoten über Hochstapler, Betrüger und allzu gutgläubige Leute, die sich bereitwillig zum Narren halten ließen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etwa behaupteten gleich mehrere Frauen Anastasia, die verschollene jüngste Tochter des letzten russischen Zaren, zu sein. Trotz haarsträubender Ungereimtheiten in ihren Erzählungen hatten diese Frauen begeisterte, auch vermögende Unterstützer. Die erfolgreichste falsche Anastasia war die wahrscheinlich psychisch kranke, 1920 nach einem Suizidversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gezogene Fabrikarbeiterin Francisca Czentowsky, die als Anna Anderson bekannt wurde und deren Geschichte gleich zweimal – mit Ingrid Bergman und Lilli Palmer in den Hauptrollen – verfilmt wurde. Ihr Grab im bayrischen Seeon, einst Treffpunkt russischer Flüchtlinge, schmückt bis heute der kyrillische Schriftzug »Anastasia«, obwohl inzwischen auch ein DNA-Test an ihrem Leichnam ergab, dass die Tote eindeutig kein Mitglied der Zarenfamilie war.

Die Anastasia-Legende profitierte gleichermaßen von der Sensationsgier und den Träumen der nach dem Ersten Weltkrieg räumlich wie seelisch Entwurzelten, die sich nach der vermeintlichen Stabilität der alten Ordnung sehnten. Es heißt, ihre Unterstützer hätten diese »Anastasias« geradezu in ihre Rolle gedrängt. Es sind oft genug die Erwartungen des Publikums, die dazu beitragen, solche Torheiten zum Blühen zu bringen.

Heute, im Zeitalter der Fotoagenturen und leistbaren DNA-Tests, kann man sich nicht mehr so einfach als ein Anderer ausgeben. Der Betrüger Bernhard Josef Croll ging deshalb auf Nummer sicher und spielte den Prominentenbonus über die Bande aus – indem er eine frühere persönliche Nähe zu Frank Rosin ausnutzte und geschickt Wirklichkeit und Fantasterei verknüpfte. Croll spielte meisterhaft auf der Klaviatur der Wünsche und Träume seiner Opfer, erkannte intuitiv ihre Schwachpunkte und drückte zielsicher die richtigen Knöpfe. Frau Lehmann wollte so gerne ihrer Stadt ein großes Geschenk machen und sich selbst damit ein Denkmal setzen. Betrüger vom Schlag eines Croll kalkulieren die menschlichen Schwächen ihrer Opfer – Eitelkeit oder Gier, aber auch seelische Verletzungen und nie erfüllte Träume –, in ihre Pläne mit ein und nutzen diese schamlos für ihre Zwecke aus.

Macht und Ohnmacht der Prominenten

Ein prominenter Name gewinnt seinen Wert aus der Summe der erbrachten Leistungen seines Trägers und aller Vorstellungen, die Menschen damit verbinden. Wenn ein Name als Marke seinen Wert behalten oder steigern will, dann muss nicht nur die Leistung stimmen, müssen also nicht bloß Ster- ne erkocht, Hitparaden gestürmt und Filme gedreht werden. Die Marke muss auch Träume und Hoffnungen erfolgreich bedienen und vor »falschen« Vorstellungen geschützt wer- den.

Solange ein Prominenter die Kontrolle über seinen Namen behält, kann das gut gehen. Zum Problem wird der Name, wenn dieser missbraucht wird, von Betrügern wie im Fall von Frank Rosin, von unseriösen Geschäftspartnern oder Managern – oder wenn das Produkt, dem der Prominente seinen Namen und sein Gesicht leiht, sich als wertlos oder schadhaft entpuppt.

Die bayrische Schauspielerin Uschi Glas setzte ihrer über Jahrzehnte erfolgreichen Film- und Fernsehkarriere Anfang der Jahrtausendwende die Krone auf: Sie brachte ihre eigene Hautpflegeserie »Uschi Glas Hautnah« auf den Markt, zunächst mit großem Erfolg. Uschi Glas, der Name war dem Publikum so vertraut wie nur wenig andere Namen. Doch 2004 veröffentlichte die Stiftung Warentest schockierende Bilder von einer Probandin, die nach der Verwendung der Gesichtscreme unter Rötungen und Pusteln litt. Es half nichts, dass Uschi Glas vor Gericht zog, die Inhaltsstoffe ihrer Creme offenlegte und gleich vier Gutachten renommierter Institute vorlegte, die beweisen sollten, dass ihre Hautpflege unmöglich diese Rötungen verursacht haben konnten. Sie verlor an Reputation und ihr Geschäft. Auch ihre Schauspielkarriere nahm Schaden. So schnell ein Prominenter seinen Namen einsetzen kann, um damit Geld zu verdienen, so schnell kann er alles verlieren, wenn dieser Name es nicht mehr vermag, die Träume der Fans erfolgreich zu bedienen. Diese wenden sich dann ab, manchmal für immer, selbst, wenn den Promi keine Schuld trifft.

... und was es mit uns macht

Sobald wir mit einem Namen etwas Bestimmtes verbinden, hat dieser einen Wert – wir sind bereit, Zeit und Geld darin zu investieren. Nicht nur für CDs und Eintrittskarten, sondern auch für das Versprechen auf Nähe zu den Stars. Die Restaurantszene lebt über weite Strecken davon. Wer ein Lokal besucht, das auch Stars frequentieren, der fühlt sich selbst aufgewertet. Der Nimbus des bekannten Borchardt in Berlin gründet sich großteils auf seine Rolle als Treffpunkt der Berühmten und Wichtigen. Der Mitbesitzer der Edelsushi-Restaurantkette Nobu’s, der Starschauspieler Robert De Niro, sitzt im Geiste der Gäste gewissermaßen immer mit am Tisch. Man gehört eben gerne dazu, auch in Oldenburg, wo viele sich auf das versprochene Asia-Restaurant des großen Frank Rosin bereits gefreut hatten. Dahinter steckt mehr als bloße Eitelkeit. So mancher möchte mit dieser bemühten Teilhabe eine trostlose Kindheit abschütteln, in einer Zeit gesellschaftlicher Unsicherheit nach Halt suchen – oder die Aufwertung eines verletzten Selbst herbeiführen.

Menschen erhoffen sich etwas davon, in Verbindung mit dem Träger eines großen Namens zu stehen – gesellschaftlichen Aufstieg, gute Geschäfte, ein bisschen Glanz, der auf sie abfällt. Die harmloseste Variante dieses Strebens ist das Namedropping, die beiläufige Nennung eines berühmten Namens. Nur wenige können der Versuchung wiederstehen, sich selbst etwas von dem Glanz zu nehmen, den die Nähe zu einem Prominenten verleiht. Wer würde nicht stolz berichten, dass er in einem bestimmten Laden den Sowieso, den aus dem Fernsehen, gesehen hat? Selbst in privilegierten Medien- und Filmkreisen hört man mitunter Sätze wie: »Heute war ich im Borchardts, Altkanzler Gerhard Schröder war auch da, wir hatten beide das Schnitzel.« Wir fühlen uns durch die Nähe zu Trägern großer Namen aufgewertet. Das in Mode gekommene Selfie mit Prominenten ist eine neue Variante des Namedroppings – sehr menschlich, ein bisschen kokett, aber weitgehend harmlos.

Manchem Staunenden genügt es nicht, Leute mit glanzvollen Namen zu kennen, er will selbst Bedeutung erlangen. Der Handel mit Titeln und Adoptionsurkunden lebt von diesem Wunsch. Aus Marcus Eberhardt, Bordellbesitzer zu Ulm, wurde so Prinz Marcus von Anhalt, der Rotlichtprinz. Das Krönchen verdankt er dem schillernden Frederic Prinz von Anhalt, der seinerzeit über Vermittlung von Konsul Weyer von einer verarmten Prinzessin adoptiert wurde. Und der Erfolg gibt dem Prinzen recht: Ohne den Titel hätte so manche Fernsehredaktion den Unternehmer gar nicht erst eingeladen. Aber ein Prinz ... Selbst in der Trashversion funktioniert der Name als Marke. Inzwischen weiß man, dass Träger der Namen von Anhalt, Sayn-Wittgenstein oder Schaumburg-Lippe mitunter Talmi (Falschgold) sind. Die »Geborenen« sind damit beschäftigt, sich laufend von den »Gewissen« abzugrenzen – oft in ein und derselben TV-Sendung, in der ihr Namensvetter auftritt. Das wiederum schadet dem Namen insgesamt. Der Nächste, der einen Adoptivpapa in Geldnöten sucht, wird sich womöglich unter den Trägern anderer adeliger Nachnamen umsehen. Und alles geht von vorne los, bis man irgendwann vielleicht mit adeligen Namen nichts mehr verbindet als den billigen Glanz der falschen Verpackung. Und niemand mehr so heißen will – oder jemanden einladen will, der so heißt.

So weit, sehen wir, kann das Spiel mit den großen Namen reichen, so viel Schindluder kann damit getrieben werden. Kein Wunder, dass Frank Rosin, der sich seinen Namen, seine Marke, so hart erarbeitet hat, etwas unruhig wurde durch das Telefongespräch mit der Immobilienmaklerin – und mich, seinen Anwalt, einschaltete.

 

Lesen Sie am Montag ein weiteres Kapitel aus "Stars zwischen Macht und Ohnmacht": Warum wir mit Stars so hart ins Gericht gehen. Dabei hatte Ralf Fährmann, Torwart bei Schalke Null Vier, doch nur seinen Ferrari falsch geparkt ...

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