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Transgender: Abby Stein musste eine Welt aufgeben, in der sie Rabbiner sein sollte – um eine Frau zu sein

Abby Stein gehört zu New Yorks umtriebigsten Gender-Bloggerinnen und Aktivistinnen. Dafür musste sie eine ganze Welt aufgeben, in der sie Rabbiner sein sollte, Familienoberhaupt – vor allem aber: ein Mann.

Von David Baum

Abby Stein liegt in einem rosa Kleid auf einem Sofa.

Gut, dass wir da sind, sagt Abby, sie brauche noch jemanden für die Küche. Wir waren zum Interview verabredet, aber wenn wir schon mal hier sind, könnten wir auch gleich beim Umzug helfen. Im Flur der verwinkelten New Yorker Wohnung stehen Kisten und Säcke, in ihrem Zimmer ist beinahe alles verpackt. Abby, 26, eine blasse, schlanke Frau mit markanten Augenbrauen, sitzt auf ihrem Bettgestell und sortiert letzte Habseligkeiten. Nur das Foto eines kleinen Jungen hängt noch an der Wand und zwei Wimpel, die für irgendwas in der LGBT-Bewegung stehen. Und die Küche ist immer noch vollgerammelt, die Ex-Mitbewohner sind einfach raus, um den Küchenkram hat sich keiner gekümmert. Das Eisfach ist voll mit Essen, allerlei koscheres Eingefrorenes, am besten wir schmeißen alles weg, sagt Abby. 

Abby hat die rätselhafte Welt ihrer Familie verlassen

Wie gelassen kann jemand sein, der gerade einen Umzug vor sich hat, von der Upper West nach Harlem, in New York ist das eine Weltreise.

Nur wer Abbys persönliche Geschichte kennt, vermag zu ahnen, wieso das für sie keine große Sache ist. Abby hat ganz andere Umzüge hinter sich. Sie hat die rätselhafte Welt ihrer Familie verlassen, eine Realität, die sie früher einmal für die einzige Wirklichkeit hielt. Und sie hat einen Körper hinter sich gelassen, der jener eines Mannes gewesen ist. Mehr Veränderung als diese Frau hat wohl selten jemand gewagt. Man merkt ihr nicht an, was das alles auch an Verlet­zungen bedeutete. "Ob es schmerzlich war, ob es Narben hinter­lassen hat?", fragt Abby. "Natürlich! Aber meine Lebensauffassung ist, dass jede Persönlichkeit ein Resultat ihrer Erfahrungen ist. Und ich mag die, die ich gerade bin, insofern gehört alles, was davor war, zu mir."

Wir begleiten Abby in die Cafeteria der Columbia University, der Möbelpacker kommt erst morgen, auf dem Campus ist kaum was los, sind ja Ferien, aber das Sushi ist so köstlich, sagt sie. Abby studiert Genderwissenschaften, was naheliegend ist – aber auch Überraschungen birgt. Schon in einer der ersten Vorlesungen, die sie besuchte, wurde ein Video vorgeführt, das ein eindrucksvolles Beispiel eines Trans-Menschen zeigte: die Geschichte einer Trans-Frau, die in der ultraorthodoxen Parallelwelt der Chassiden in Williamsburg als Mann aufgezogen wurde, sich schließlich daraus befreite und heute als jene lebt, die sie innerlich schon immer gewesen war. Es war die Geschichte von Abby.

Abby Stein: Mehr Veränderung als diese Frau hat wohl selten jemand gewagt
Abby Stein lehnt an einem Hauseingang in New York

"Man kann es mögen oder nicht, was Abby in ihrem Leben gemacht hat", sagt ein Rabbi. "Aber sie hat gezeigt, dass Selbstbestimmtheit möglich ist und viele Menschen inspiriert." 

 Das Sushi schmeckt köstlich, danach essen wir frische Melonenstücke aus der Cafeteria. Als wir nun in den Universitätsgarten gehen, kommt Trubel auf. Ein Rabbiner, der Abby gut zu kennen scheint, hat Besucher aus Jerusalem dabei, darunter zwei aufgeregte Orthodoxe, die Abby wie ein kleines Weltwunder bestaunen. Alle wollen ein Foto, einer der Orthodoxen traut sich nicht recht, aber nimmt dann allen Mut zusammen und bittet um ein Selfie mit Abby. Sie ist eine Berühmtheit, fast wie eine Erscheinung. "Man kann es mögen oder nicht, was Abby in ihrem Leben gemacht hat", sagt der Rabbi. "Aber sie hat gezeigt, dass Selbstbestimmtheit möglich ist und viele Menschen inspiriert." 

Ein Mann ist sie nie gewesen

Am Nachmittag wollen wir also nach Williamsburg fahren, dieses Viertel in Brooklyn, wo Abbys Geschichte beginnt. Sie hat sich entschieden, nicht mitzukommen, noch nicht, übermorgen vielleicht. Ihr war nicht danach. Sie ist dort aufgewachsen, als sie noch ein Mann war. Nein falsch, sie hat es doch erklärt, ein Mann ist sie nie gewesen, das ist ihr wichtig. "Ich glaube, ich habe schon mit vier Jahren geahnt, dass ich ein Mädchen bin, dass ich und mein Körper nicht zusammenpassen", sagt sie. "Aber als Kind in dieser Community hat man natürlich kein Gefühl dafür, dass das möglich ist, dass es auch andere gibt, die so sind wie man selbst." 

Man kann googeln, wie Abby früher hieß, das ist kein Problem. In älteren ­Videoclips zeigt sie selbst noch Bilder von sich, auf denen sie Bart trägt, die chassidische Tracht und die traditionellen Schläfen­locken, den Pejes. Auf der Taxi-App, die Abby verwendet, blinkt auch noch ihr alter Name auf. Sie bittet, dass wir die alten Fotos weglassen, den früheren Namen auch. Man kann die ­Vergangenheit nicht ändern, sagt sie, das Leben in der männlichen Geschlechterrolle gehört zu ihr, ja. Aber es verblasst langsam. Als würde dieses letzte Foto in einem trüben Tümpel langsam hinabsinken. Und das ist gut so. 

Eine unwirkliche, tief religiöse Parallelgesellschaft

Mitten in Brooklyn existiert diese andere Welt, aus der Abby Stein stammt, aber in der niemand etwas von ihr wissen möchte. Es ist eine beson­dere Strömung des Judentums, die sich hier angesiedelt hat, Chassiden nennen sie sich. Eine unwirkliche, tief religiöse Parallelgesellschaft. Abby hat eine Theorie, wie diese entstanden ist. Rund 95 Prozent der Chassiden in New York seien Überlebende des Holocaust und deren Nachfahren. Als sie in der Stadt ankamen, ­waren sie zum ersten Mal mit einer Gesellschaft konfrontiert, die sie nicht in ein Ghetto sperrte, die sie nicht weghaben oder gar ausrotten wollte. Weil aber diese neue Freiheit, die Abwesenheit von Ausgrenzung auch eine Gefahr für den inneren Zusammenhalt bedeutete, schufen die Chassiden einfach ihr eigenes Ghetto. So könnte es jedenfalls gewesen sein.

 

Wir fahren hin, ohne sie. Bis wir in Williamsburg angekommen sind, klingen Abbys Schilderungen noch wie aus einer merkwürdigen Fantasy-Erzählung. Aber plötzlich steht man mittendrin. Auf einem großen Platz in dem Viertel herrscht Aufregung, Männer und an die hundert kleine Buben in traditioneller Kleidung schauen gebannt auf einen Wagen, auf dem mehrere Rabbiner sitzen und einem ganz besonders weiß­haarigen und sicher sehr wichtigen Rabbiner, der eigens aus Israel angereist ist, lauschen. Frauen mit Kopftüchern oder Perücken, mit Töchtern an der Hand und Babys in den Kinderwagen stehen am Straßenrand oder lugen aus den Hauseingängen.

 Einer der Gelehrten auf dem Wagen müsste Abbys Vater sein, der Anführer der Gemeinde. Und einer der Jungs auf dem Platz vielleicht sogar Abbys Sohn – das Kind, dessen Foto im Apartment an die Wand gepinnt war. Sie musste ganz schön mit den Augen rollen, als wir sie fragten, ob sie denn nach wie vor den Begriff Vater für sich in Anspruch nehmen würde. "Ernsthaft? Müssen wir denn alles in diese Kategorien zwängen?", hat sie geantwortet und etwas enttäuscht den Kopf geschüttelt. 

Dieser Begriff von der Parallelwelt bekommt in Williamsburg eine ganz neue Bedeutung. Es sind unterschied­liche Realitäten, die hier gleichzeitig existieren. Die eine scheint durch die andere hindurchzugucken. Wir wagen uns tief hinein in die Menge, wundern uns, wie gut man die jiddische Ansprache als Deutscher versteht. Aber man fühlt sich, als hätte man eine Tarnkappe aufgesetzt. Bis auf einige rasche, skeptische Blicke aus den Augenwinkeln tun alle so, als wäre man nicht da. 

Mehr ein Kult als eine Religionsrichtung

Am Abend erwartet uns Abby schon im Garten eines koscheren Restaurants, eigentlich wollten wir ins koschere Steakhouse nebenan, aber da spielt eine Band derart laut, man kann sich kaum unterhalten. Sie lacht, als wir ihr die Szenen des Nachmittags schildern. Und sie erklärt uns, was das eigentlich alles zu bedeuten hat. "Ich nenne es unser kleines 18. Jahrhundert", sagt sie. Alles sei extrem abgeschirmt, Fernsehen und Medien von außerhalb seien verboten.

"Selbst eine harmlose Serie wie ‚Seinfeld‘ gilt als gemeingefährlich. Es ist mehr ein Kult als eine Religionsrichtung. Sogar gläubige Juden, die nicht dieser besonderen Richtung anhängen, zählen für sie nicht als jüdisch, und ich selbst natürlich auch nicht." Dabei war Abby vor ihrem Coming-out Mitglied einer Art Royal Family der Chassiden. "Wir stammen angeblich vom Hause ­David ab, und über ein paar Ecken soll ich mit dem Großvater Mohammeds verwandt sein", trägt Abby ihre absurd ­klingenden Familienbande vor und lacht. "Bei uns wurde so oft untereinander geheiratet, dass ich den Eindruck habe, meine eigene Cousine zu sein."  

Man möge sie allerdings nicht missverstehen. "Ich habe nichts dagegen, dass Menschen so leben wollen. Es gehört zu einer freien Gesellschaft dazu, dass auch diese Lebensweise möglich sein darf", sagt sie. "Was mich stört ist, dass es keine Wahl gibt, dass die Optionen nicht einmal bekannt sind unter den Leuten." Dann wird das Essen serviert. Interessant, dass Abby immer noch jüdisch lebt, koscher speist, in die Synagoge geht. Denn an G’tt glaubt sie nämlich nicht (das ist kein Tippfehler, als Jude schreibt man das so). "Wie soll ich das erklären? Es liegt mir irgendwie im Blut, ich liebe diese jüdische Lebensweise, mir schmeckt das Essen, und ich schätze die Traditionen und die Spiritualität, die davon ausgehen", sagt sie. Aber damals, als sie den Entschluss zu gehen endlich umgesetzt hatte, da fuhr Abby mit neuen Freunden zum Campen und futterte "ein ganzes Wochenende lang nur Schweinefleisch". 

"Ich wusste mit etwa vier Jahren, dass ich ein Mädchen bin"

Wie ist das nun, in dieser Welt, in einer solchen Familie, drauf zu kommen, dass man in einem Körper mit einem falschen Geschlecht steckt? "Das Komische ist, dass man es ganz früh weiß, aber eben nicht einordnen kann", sagt Abby. "Ich wusste mit etwa vier Jahren, dass ich ein Mädchen bin, ich betete, dass ich eines Tages aufwache und es einfach so ist." Das Problem an dieser Konstellation sei, dass man sich mit niemandem unterhalten könne. "Ich glaubte zu diesem Zeitpunkt schließlich, dass die Mehrheit der Menschheit chassidische Juden wie wir sind und ich unter ihnen die einzige bin, die so fühlt, wie ich fühle." Der wichtigste Tag in ihrem Leben kam sehr viel später, als sie sich in ihre Rolle gefügt hatte, zum Rabbiner ausgebildet, mit einer braven gläubigen Frau verheiratet, die ihrem Ehemann einen Sohn geschenkt hatte.

"Ich war in einem Einkaufscenter und bekam ein Smartphone in die Finger, WLAN gab es auch." Selbst wenn manche Mitglieder der Gemeinde Smartphones besitzen, funktionieren diese in einem geschlossenen Netz, in dem nur Inhalte verfügbar sind, die die Glaubenshüter als unschädlich betrachten. Nun aber surfte Abby im großen weiten Internet und fand eine hebräische Wikipedia- Seite über Transgender. Englisch konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. "Das Allererste, das ich in ­meinem Leben gegoogelt habe, war, ob man mit dem falschen biologischen Geschlecht geboren sein kann." Man kann, sagte das Netz. Es war der Tag, an dem ihr neues, ihr eigentliches Leben seinen Anfang nahm. Ob es zu intim ist, wenn man Abby fragt, auf was sie heute steht? "Ich kann es gern sagen, es ist nichts Schlimmes", sagt Abby. "Ich bin bi-, vielleicht auch pansexuell. Eigentlich würde ich auf Männer stehen, leider sind die meisten aber Arschlöcher." Übrigens: Wenn wir morgen noch gemeinsam nach Williamsburg fahren wollen, dann müssten wir leider auch beim Umzug helfen, sonst klappt das zeitlich alles nicht. Kein Problem, sagen wir, ein paar Kisten schleppen, das schaffen wir. 

Jeden Freitag schickt sie ihrem Vater eine Nachricht – bisher ohne Antwort

Der Mann, der den Umzugswagen fährt, ist ein kantiger Kerl, mit Holzfällerhemd und Schlüsselbundkette an der Hose. Erst nach und nach kapieren wir, dass auch er ein Trans-Mensch ist. Wie Abby, nur umgekehrt. Das neue Apartment ist schön, schöner als das alte. Als das Taxi in Williamsburg hält, ist Abby die Anspannung anzumerken. Sie zeigt uns die Nachrichten, die sie ihrem Vater schickt, jeden Freitag. Sie bekam nie eine Antwort zurück. 

Dort sei die Synagoge, das Gemeindezentrum, sagt Abby und zeigt auf ein riesiges Gebäude auf der anderen Straßenseite. "Mein Vater hält gerade da drinnen einen Vortrag." Wir gehen in einen kleinen koscheren Laden, der köstliche Bagels macht, die man mit allem möglichen belegen lassen kann. Und un­gesüßten Grießbrei, so wie ihn Abby als Kind gern aß. 

Dann kommen nach und nach ein paar Herren herein, bestellen Essen. Einen erkennt Abby sofort, es sei ein Geschäftspartner ihres Vaters, sagt sie, und hofft, dass er sie umgekehrt nicht identifiziert. Er schreibt Nachrichten in sein Smartphone, er telefoniert, man weiß es nicht. Dann kommt ein gutmütig dreinschauender, gemütlicher Typ, der Pächter des Ladens. Er strawanzt um unseren Tisch herum, guckt verstohlen. Als sich Abby noch vom Grießbrei holt, traut er sich und spricht sie an. "Ich weiß, wer du bist", sagt er. Und dass er es ziemlich cool finde, dass Abby sich getraut hat, das alles durchzuziehen, so zu leben – na, sie wisse schon, wie er es meint. 

Es klingt wie ein Märchen

Nun ist Abby auch ein bisschen ver­legen, aber auch ein bisschen geschmeichelt. Sie verabschieden sich, er schaut Abby hinterher. Als wir die Straße entlanggehen, füllen sich die Gehwege, aus einem Laden kommt eine ganze Gruppe junger Chassiden heraus, sie sehen zu uns herüber. "Okay, sie wissen, dass ich es bin", sagt Abby. Ja und, fragen wir. "Ich will nicht, dass sie den Eindruck haben, dass ich sie vorführe, dass ich etwas gegen sie habe", sagt Abby. "Das Einzige, was ich möchte, ist, dass sie von den Optionen wissen, dass auch ein anderes Leben möglich ist, wenn man es will." Viele Augenpaare schauen jetzt herüber, neugierig, erstaunt. Sie haben verstanden, dass die schöne junge Frau einmal einer der ihren gewesen ist. Jemand, den sie für ihren Rabbiner hielten, für ihren chassidischen Prinzen. Dass der eine Prinzessin war, damit konnten sie nicht umgehen. Es klingt wie ein Märchen, aber das ist es nicht.  

Diese Geschichte stammt aus der fünften Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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