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Alek Wek: Die Welt ist nicht nur blond

Als Mädchen entfloh sie dem Krieg im Sudan, und als Frau erfährt Alek Wek den alltäglichen Rassismus der Modebranche. Ein Treffen mit einem Model, in dessen Leben nicht alles super war.

Auf dem Boden des Fotostudios in Lower Manhattan lag eine riesige weiße Espressotasse auf der Seite, größer als ein Auto. Darauf posierte eine nackte dunkelhäutige Frau, die dunkler war als alle anderen Frauen, die der Fotograf Albert Watson je gesehen hatte. Naomi Campbell? Cappuccinobraun. Tyra Banks? Latte macchiato. Hier, auf dem Tassenrand, saß purer Espresso mit langen, übergeschlagenen Beinen und raspelkurzem Haar. Der italienische Kaffeekonzern Lavazza fand die Idee lustig, mit einem eingeölten schwarzafrikanischen Model für sein Gebräu zu werben. Das war der Punkt, an dem Alek Wek nicht mehr konnte. "Ich wäre damals am liebsten davongerannt", erinnert sie sich heute. "Meine Hände zitterten und schwitzten."

Man könnte auch sagen: Der Espresso schäumte vor Wut. "Ein Witz, der wehtut, ist kein Witz mehr", sagt Alek Wek, 30, und heftet ihren Blick eindringlich und freundlich auf ihr Gegenüber. Wek ist gebürtige Sudanesin und zählt zu den wenigen Topmodels, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich in der Branche halten. Sie ist von Armani bis Versace für fast jeden namhaften Designer gelaufen, präsentierte sich vor Fotografen wie Herb Ritts und Peter Lindbergh - und brachte 1997 den gängigen Schönheitsbegriff in der Modelwelt ins Wanken. In dem Jahr schaffte sie es auf die Titelseite der amerikanischen "Elle", in einer weißen Armani- Jacke, die bis zum Bauchnabel offen stand. Bei einem Elefanten in Armani wären die Reaktionen vermutlich weniger spektakulär ausgefallen. Jede Zeitung, jedes Magazin in Amerika schien sich auszulassen über die brikettschwarze Frau mit der breiten Nase, den vollen Lippen, den schiefen Zähnen und "dem Hintern, auf dem man", wie einige Journalisten schrieben, "einen Bierkrug abstellen" könnte.

"Es ist wichtig, sie zu haben"

Zwar hatten es bereits vorher schwarze Models wie Naomi Campbell auf Titelseiten geschafft, doch die hatten alle eher europäische Züge. Die Branche sah Alek Wek und fragte sich: Was ist schön? Was hässlich? Karl Lagerfelds Antwort: "Es ist wichtig, sie zu haben, denn die Welt ist nicht nur blond." Alek Wek erscheint in Jeans, Hemd, Flipflops und Kopftuch in einem kleinen Café in Brooklyn, unweit ihres Backsteinhauses. Sie schafft es trotz Flipflops voller Würde, Eleganz und - vollkommen lautlos zu gehen. Nie, wirklich nie sei ihr der Gedanke gekommen, schön zu sein, erzählt Alek. "Ich sehe aus wie alle Dinka-Mädchen." Mit acht Geschwistern wuchs Alek in der Kleinstadt Wau im Süden Sudans auf. Ihre Familie gehört zum Volk der Dinka, deren Mitglieder bekannt sind für ihre grazile, hochgewachsene Gestalt und aufrechte Haltung: Kinn nach oben, stolzer Blick. "Viele legen das als Arroganz aus", erklärt Alek, "dabei ist es nur ein respektvoller Umgang mit Menschen." Wieder sieht sie einen mit diesen dunklen Augen an, als könnte sie bis zum Solarplexus blicken.

Ihren fortschrittlichen Eltern verdankt sie, dass ihre Haut keine Ritualnarben zieren, welche die Dinka ihren Kindern auf Stirn oder Arme ritzen - Wellen, Zacken, wilde Muster, je nach Kunstfertigkeit des Ausführenden. Nur gegen die Schuppenflechte, die sich auf Aleks Körper ausbreitete, waren auch ihre Eltern machtlos. An schlimmen Tagen, erinnert sich Alek, habe man durch die Risse und Kratzspuren in der Haut das Fleisch und den Eiter sehen können. "Ist es nicht absurd, dass ich jetzt mit meinem Aussehen Geld verdiene?" Es war ein weiter Weg von Wau bis nach Brooklyn. "Das hier ist mein fünftes Leben", sagt Alek. 1983 begann im Sudan der zweite Bürgerkrieg, nachdem Rebellen die SPLA (Sudan People's Liberation Army) gegründet hatten, um Truppen aus dem muslimischen Norden abzuwehren, die den animistisch-christlichen Süden beherrschen wollten. Fortan schlenderten Milizsoldaten durch die Stadt, schmetterten Michael Jacksons "Thriller", raubten Menschen aus und schossen auf alles, was sich bewegte.

"Primitiv, aber besser als Krieg"

Alek war sechs Jahre alt; zur gleichen Zeit übte Claudia Schiffer verufmutlich in Rheinberg mit Freundinnen den Moonwalk. Mit neun begann für Alek und die "Wek- Armee", wie sie ihre Familie nennt, die Flucht. Wochenlang marschierten sie durch die Steppe. "Ich lernte schon früh, dass es nicht wehtut, Mahlzeiten auszulassen", sagt Alek. Jetzt aber gab es nur Blätter und Wurzeln, die unterwegs zu finden waren. Und morgens "abgekochtes Wasser, das unsere Mutter uns als Teefrühstück verkaufte". Als zehn Jahre später eine Agentin in New York forderte, Alek solle abnehmen, ihr Hintern sei zu dick, lachte sie fast Tränen. In einem Dorf in dem entfernte Verwandte wohnten, begann Aleks zweites Leben. "Primitiv, aber besser als Krieg." Es folgten eine beschwerliche Rückkehr nach Wau und mit zwölf Jahren die nächste Flucht, diesmal allein in einem Militärflugzeug Richtung Khartoum.

Dort begann Aleks drittes Leben, und das ihres Vaters endete. Er starb an einem einfachen Hüftbruch, nichts Kompliziertes, wenn man Geld für einen Flug ins Ausland und eine teure Operation hat. Mit ihren Fingern, die zwischen den Knöcheln nur wenig dicker als ein Filzstift sind, greift Alek gedankenverloren an ein brillantenbesetztes Kreuz, das an ihrem Hals baumelt, ein Geschenk von ihrem Freund Riccardo. "Mein Vater ist an Armut gestorben", sagt sie und will das Thema wechseln. Ein einzelner Stein ihrer Kette hätte damals wohl gereicht, die Operation zu bezahlen. Immerhin erhielt sie als Halbwaise ein Flüchtlingsvisum und konnte zu ihrer älteren Schwester Ajok, die in London verheiratet war, fliegen. Ajok bezahlte den Flug und damit das vierte Leben ihrer inzwischen 14-jährigen Schwester. Anfangs schrieben Journalisten gern, man habe Alek im Busch entdeckt. Ein urzeitliches Wesen, das der große Agent gezähmt habe, ohne seine wilde Schönheit zu zerstören. In Wahrheit wurde sie mit 19 als Kunststudentin im Londoner Crystal Palace Park von einer Agentin angesprochen.

Sie will auf das Schicksal ihrer Landsleute aufmerksam machen

"Der nächstgelegene Busch war eine gut gepflegte Azalee", sagt Alek und lacht so breit und tief und laut, dass man meinen könnte, ihre großen, weißen Zähne wackelten. Und noch während man sich fragt, ob die Zähne so strahlend scheinen wegen des Kontrasts, ertappt sie einen und sagt: "Good Lord, mein Zahnarzt ist sehr zufrieden mit mir." Im Übrigen könne sie die sudanesische Zahnpflege, die sie 14 Jahre lang praktizierte, empfehlen: hausgemachte Zahnpasta - Asche aus verbranntem Kuhmist - und Stöckchen, auf denen man so lange herumkaut, bis sie weich werden. Dass so ein Mädchen Tarzanfantasien weckt, ist erbärmlich, aber nicht verwunderlich. Etliche Fotografen lichteten sie mit Speeren oder auf Leopardenfellen ab. Das Lavazza-Motiv war nur der Gipfel eines Bergs aus alltäglichem Rassismus, der in der Modeindustrie herrscht. Seit der Espressorolle lehnt Alek Jobangebote, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe bekommt, kategorisch ab. Weitaus problemloser klappt das mit ihren Nebentätigkeiten: mit ihrer Taschenkollektion "Wek1933" (benannt nach dem Geburtsjahr ihres Vaters), mit ihrem Engagement für ein Flüchtlingshilfswerk, für Unicef und Ärzte ohne Grenzen.

Sie will auf das Schicksal ihrer Landsleute aufmerksam machen, deren Lebensverhältnisse auch mehr als zwei Jahre nach dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der SPLA noch katastrophal zu nennen sind. Auch mit ihrer Autobiografie, die in diesem Monat erscheint ("Alek Wek. Nomadenkind", Krüger Verlag). Aleks Mutter Akuol, die zwei Jahre nach ihr aus dem Sudan fliehen konnte und seitdem in London lebt, begleitete die Arbeit an dem Buch mit gemischten Gefühlen. Zu viele Erinnerungen. "Sie ist fast aufgeregter als ich", sagt Alek. Eine Fashion-Show hat die 62-jährige Mutter nie besucht. Alek: "Sie sagt immer, da habe sie nichts verloren." Auf Glamourpartys sucht man allerdings auch ihre Tochter vergebens. "Ich habe immer Mama im Ohr: "Alek, verschwende dein Leben nicht." Denn wer weiß, wie das nächste wird.

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