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Modeltrend: Der Modehimmel ist weiß

Die Scheinwerfer strahlten hell auf die Laufstege von New York, London, Mailand und Paris, wo die herrlichsten Kleider vorgeführt wurden von den schönsten - weißen - Mädchen. Farbige Models suchte man vergebens, die Modewelt scheint derzeit farbenblind.

Von Claudia Pientka

Die mächtigste Frau im US-Mediengeschäft, Oprah Winfrey, ist schwarz, auch einer der aussichtsreichsten Kandidaten für das US-Präsidentenamt, Barack Obama, und selbst der Oscar wurde in den vergangenen Jahren mehrfach an farbige Darsteller verliehen: Halle Berry, Forest Whitaker, Jamie Foxx und Morgan Freeman. Nur eine Branche scheint derzeit farbenblind: die Modeszene.

"Die Laufstege verblassen" titelte die "New York Times" kürzlich und erkannte damit einen Trend, der sich während der großen Modewochen in New York, London, Mailand und Paris zeigte. In New York wurden 101 Kollektionen präsentiert, in mehr als einem Drittel von ihnen waren jedoch keine schwarzen Models zu sehen. Die meisten anderen Designer hatten nur ein oder zwei Farbige engagiert. Noch weißer sah es bei den europäischen Schauen aus: Bei Chanel, Prada und Dior saßen mit Pharrell Williams, Naomi Campbell und Kanye West zwar Menschen afroamerikanischer Abstammung in der ersten Reihe - aber über den Laufsteg gingen keine. Und auch bei Jil Sander rangierten die Haarfarben von platinblond über honigblond zu einem hellen Brünett. Nie waren die Catwalks, aber auch Magazine und Werbekampagnen weißer als bei den Präsentationen der Kollektionen für 2008.

Immer dieselben Ausreden

Dabei geben nach Schätzungen einer Verbraucherstudie allein in den USA farbige Frauen jährlich mehr als 20 Milliarden Dollar für Kleidung aus. In London sind 30 Prozent der Einwohner nicht hellhäutig. Bei Modeschauen und in Magazinen jedoch finden sie ihren Typ nicht repräsentiert. "So schlimm wie zurzeit war es noch nie", bestätigte Bethann Hardison der "New York Times". Naomi Campbell, Veronica Webb und Tyson Beckford, Vorzeige-Schwarzer einer bahnbrechenden Ralph-Lauren-Kampagne der 90er, waren bei Ex-Model und -Agenturchefin Hardison unter Vertrag. Heute hört sie immer dieselben Ausreden: "Ach wissen Sie, farbige Mädchen sind derzeit eher ein europäischer Trend" oder vice versa: "Sind gerade beliebter in New York" oder "Wir haben schon unser schwarzes Model" - das Alibi-Model.

Dabei haben berühmte Modelagenturen wie IMG durchaus farbige Schönheiten unter Vertrag, neben den Superstars Alek Wek, Naomi Campbell und Liya Kebede auch Newcomer wie Honorine Uwera oder Mimi Roche. "Der Anteil dunkelhäutiger Models bei uns hat sich nicht verändert", sagt Amin Peyman, Direktor der Pariser Modelagentur IMG und Jurymitglied von "Germany's Next Topmodel", zu stern.de. "Und sie werden genauso professionell vermarket: Für die Schauen bereiten wir eine Art Showpackage vor, darin präsentieren wir unsere besten Models - unabhängig von ihrer Hautfarbe." Doch die Mädchen würden einfach weniger gebucht: "Eine schockierende Tendenz, die ich mir nicht erklären kann". Läuft ein erfolgreiches russisches Nachwuchsmodel über mehr als 20 verschiedene Laufstege während der großen Schauen, muss das farbige bereits fünf Auftritte als Erfolg verbuchen.

Diskriminierung einer ganzen Konsumentenschicht

Die Abwesenheit verschiedener Ethnien ist nicht nur diskriminierend für aufstrebende Mannequins, sondern auch für eine riesige Käuferschicht. Immerhin inspirieren Modeschauen und -magazine Konsumenten und bestimmen ihre Wahrnehmung. Sie kreieren eine fantasievolle, romantische, schöne, sexy Welt, der jeder gern angehören möchte. Welchen Eindruck muss es auf sie haben, wenn Farbige meist das verrückte, bunt bedruckte Kleid tragen oder nur in Dschungelkulissen posieren - bewaffnet mit einem Speer?

Doch wer schuld ist an der Misere? Die Modelagenten beschuldigen die Designer, explizit nach dem "kaukasischen Typ" zu fragen. Die Designer wiederum bezichtigen die Agenturen, ihnen nur blonde Mädchen zu schicken. Und die Moderedakteure erklären die Abwesenheit dunkelhäutiger Frauen mit einem bestimmten Look, der eben nötig sei, die Trends der jeweiligen Saison zu illustrieren. Richtig ist, dass derzeit ein bestimmter Frauentyp die Modeszene dominiert. Hellhäutige und -haarige Frauen mit eher unauffälligen Gesichtern. Typen wie die Supermodels der 90er, Linda Evangelista oder Cindy Crawford, sind nicht gefragt Anfang des 21. Jahrhunderts. Es gilt: Je unauffälliger das Mädchen, je androidenhafter, desto weniger konkurriert es mit dem Kleid auf ihrem Körper. Nicht die Mädchen sollen im Vordergrund stehen, sondern das, was sie tragen. Nichts darf von der Kleiderkunst ablenken. Noch nie wurden Models so konsequent als lebende Kleiderstangen eingesetzt. Ein Grund dürfte auch die industrielle Organisation der Modeunternehmen sein. Viele einstige Familienbetriebe wurden aufgekauft von Großkonzernen, die ihr Geld mit dem Geschmack einer weltweiten Klientel verdienen - und der wird von Jahr zu Jahr konservativer und nivellierter. Die Designer recyceln jede Saison eine andere vergangene Ära. Und gleichen sich dabei einander immer mehr an - mit den immergleichen, weißen Mädchen.

Wer ist schuld?

In einer Diskussionsrunde kürzlich in New York versuchten die Teilnehmer noch expliziter die Schuldigen herauszupicken. So klagten viele Miuccia Prada an, die nicht ein einziges schwarzes Model engagiert hatte - und der man auch den Aufstieg des superdünnen Modeltyps vorwirft. Andere zeigen mit dem Finger auf die übermächtige Chefin der US-"Vogue" Anna Wintour. Seit fünf Jahren habe sie kein "Vogue"-Titelbild mehr geziert, hatte sich kürzlich Naomi Campbell in der Zeitung "Daily Telegraph" beschwert, während ihrer gesamten Karriere sei sie nur achtmal auf dem Cover gewesen - Kate Moss 24 Mal. Auch die Grande Dame der britischen Designer, Vivienne Westwood, sprang Campbell bei und forderte eine Quote für schwarze Models. "Eine Redakteurin erklärte mir, Zeitschriften mit dunkelhäutigen Models auf dem Titel würden sich schlechter verkaufen", polterte Westwood im "Daily Telegraph". "Das ist rassistisch. Man sollte Journalisten zwingen, Bilder farbiger Models zu drucken."

Dabei waren die Catwalks nicht immer so einfarbig: Noch in den 70er- und 80er Jahren dominierten farbige Models die Shows von Givenchy oder Yves Saint Laurent. Grace Jones, Iman und Naomi Sims waren Superstars; in den Neunzigern lieferten sich die schwarzen Topmodels Naomi Campbell und Tyra Banks einen viel beachteten Zickenkrieg. Und natürlich gibt es auch heute Ausnahmen: So schmückt sich Diane von Fürstenberg immer mit Mädchen unterschiedlicher Ethnien, sieben dunkelhäutige Models liefen bei ihrer New Yorker Show. Als Vorsitzende des "Council of Fashion Designers of America" möchte sie bewusst ein Vorbild sein.

Doch sie ist die Ausnahme. Gängiger sind Beispiele wie die 17-seitige Modestrecke der Septemberausgabe der italienischen Vogue: Gerade einmal ein dunkelhäutiges Model hatte der Fotograf Miles Aldrige abgelichtet für den mit "Die Launen der Mode" betitelten Beitrag. Darin räkelt sich eine blonde Frau in einem Park-Avenue-Apartment, umringt von zwei flachsköpfigen Kindern, funkelnden Roben - und einem schwarzen Zimmermädchen.