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ANNE WILL UND MARIETTA SLOMKA: »Wir denken ja nicht mit dem Unterleib«

Die eine moderiert die »Tagesthemen«, die andere das »heute journal«. Ein Gespräch mit Anne Will und Marietta Slomka über Gefühle in Zeiten des Krieges, Kopfarbeit und Stillsitzen, über Fußball, Klatsch und das Schöne an Pannen.

Seit drei Monaten haben Sie täglich mit Schreckensmeldungen zu tun. Berühren die Sie noch?

Will: Natürlich, immer noch. Nur geht es ja nicht darum, mich und meine persönliche Haltung auf den Schirm zu bringen. Es geht darum, die Arbeit einer Redaktion zu präsentieren. Und es ist eine Illusion, anzunehmen, dass sich derjenige da auf dem Schirm so gibt, wie er wirklich ist.

Müssen Sie als Moderatorin auch Schauspielerin sein?

Slomka: Man muss sich disziplinieren können, aber man muss nicht schauspielern. Wenn ich ein Vorstellungsgespräch habe, bin ich auch nicht so, wie wenn ich mit einer Freundin morgens um halb drei nach dem fünften Glas Wein am Tisch hänge.

Können Frauen Themen wie Krieg und Terror einfühlsamer rüberbringen?

Will: Das lässt sich nicht am Geschlecht festmachen. Eher an der Persönlichkeit. Ich kenne auch viele einfühlsame Männer in unserem Job, die das bis in den Schlaf verfolgt.

Slomka: Mir ist schon aufgefallen, dass man sich, gerade in der Schockwoche nach dem 11. September, ein bisschen so fühlte, als müsse man eine Grabrede halten, nach jedem Wort vorsichtig suchen, alles abwägen. Man muss ja auch die Emotionen der Zuschauer abholen. Aber von Tränen in den Augen halte ich nichts - wir sollten in solchen Zeiten Ruhe behalten.

Will: Es gab bei mir einen Moment, wo mich ein Beitrag sehr angerührt hat.

Worum ging es darin?

Will: Das war eine Reportage über die Feuerwehrleute in New York. Da war dieser große, starke Feuerwehrmann, der sein Interview abbrechen musste, weil er anfing zu weinen. Ich hatte den Beitrag vorher nicht gesehen, er wurde live eingespielt. Mir kamen die Tränen, und der Nachrichtensprecher neben mir schluckte auch. Dann sagte die Regisseurin: Noch zehn Sekunden. Und ich habe das schnell weggedrückt.

Slomka: Ärzte oder Chirurgen werden auch mit Schicksalsschlägen konfrontiert, die ihnen nahe gehen, aber letztlich geht?s darum, den Patienten professionell zu versorgen.

Frau Will, Ihnen ist ein wunderbarer Versprecher gelungen: »Herr bin Laden hat sich per Video zu Mord gemeldet.«

Will: Das war am 7. Oktober, als die Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan begannen. In einer dieser langen Sendestrecken, die frei moderiert waren und in denen es sehr hektisch zuging. Aber das soll keine Entschuldigung sein.

Schlafen Sie nach so was schlecht?

Will: Ich nehme mir das schon zu Herzen. Vielleicht einen Tag noch. Aber das ist eigentlich schon übertrieben. Es ist ja nachvollziehbar, dass man sich auch mal verspricht. Jeder, der auf einer großen Geburtstagsfeier eine Rede halten musste, kann sich vorstellen, wie das ist.

Man kennt Sie nur ziemlich unbeweglich und ohne Unterleib. Reicht Ihnen das?

Will: Wir haben, glaube ich, beide nicht den Ehrgeiz, uns zu stilisieren. Ich kenne einen Kollegen, der drückt am Ende der Sendung immer auf seinen Kugelschreiber - klack! So was kann man sich überlegen, aber es wäre mir zu affig.

Slomka: Im Übrigen ist es auch in Ordnung, wenn man uns nur so sieht. Wir machen ja Kopfarbeit. Wir denken da nicht mit dem Unterleib. Das können wir außerhalb des Studios tun. Außerdem kann man unter dem Tisch mit den Beinen rudern, wenn man unter Strom steht. Manchmal wackel ich, dass ich fast aus dem Bild rausfalle. Dann sage ich mir, Marietta, halte dich mal wieder ruhiger.

Haben Sie einen Kontroll-Tick?

Will: Eigentlich nicht. Stillzuhalten ist nun mal ein Erfordernis dieser Arbeit. Und das kann man für eine halbe Stunde pro Tag auch verlangen.

Sind Sie zu Hause eigentlich auch so ordentlich, wie Sie vor der Kamera wirken?

Slomka: Eine Riesenchaotin bin ich nicht. Die vollen Aschenbecher fallen auf. Und mein Schreibtisch ist unordentlich.

Will: Meine Tasche liegt immer noch unausgepackt da, obwohl ich seit Tagen wieder zu Hause bin. Ich finde überhaupt nix. Mir fehlen die Ladegeräte für mein Handy und für meinen Mini-Disc-Player. Aber ansonsten bin ich ganz ordentlich.

Wird man im Privatleben vorsichtiger, wenn man die »Tagesthemen« oder das »heute journal« moderiert?

Slomka: Nein, weil sich mein Privatleben nicht durch den Job geändert hat.

Keine Angst, nachts in der Kneipe von Paparazzi abgeschossen zu werden?

Slomka: Was sollen die schreiben? Die Slomka war in einer Kneipe? Das ist normales Leben - das ist doch keine Story.

Für manche Publikationen schon.

Slomka: Ich glaube, da müsste man schon nackt auf dem Tisch tanzen, um mit sowas in »Bild« oder »Bunte« zu kommen.

Will: Wir gehen beide nicht unablässig auf irgendwelche Empfänge und Kleinst-Galas. So kann man andersrum für sich beanspruchen, in Ruhe gelassen zu werden.

Interessieren Sie sich denn für Klatsch?

Will: Geht so.

Slomka: Das ist doch immer das Gleiche.

Will: Meine Freundinnen wissen viel besser Bescheid als ich. Die halten mich immer für bescheuert, wenn ich sage: Wer ist denn das? Ich interessiere mich halt mehr für Sport.

Lesen Sie lieber den »Kicker«?

Will: Nicht mehr. Ich habe ihn lange Zeit gelesen. Ich habe zuletzt aber gemerkt, dass ich neidisch war. Da fuhr so ?n Postwagen bei uns durch die Redaktion, untendrauf lag die »Sport-Bild« - und die fuhr einfach so an mir vorbei. Da hätte ich gern reingeguckt.

Mögen Sie Fußball, Frau Slomka?

Slomka: Ich guck ganz gerne Fußball - vor allem bei Europa- und Weltmeisterschaften, weil in meinem Freundeskreis auch einige Sportjournalisten sind. Ich könnte allerdings nicht gegen Anne antreten. Aber mit zehn Leuten Fußball gucken und ausflippen - das macht einfach Spaß.

Will: Das war lustig, als Deutschland neulich in Dortmund gegen die Ukraine gespielt hat, das wahre Entscheidungsspiel ...

Slomka: Ich weiß, das hab ich mitgekriegt, das war ein Relegationsspiel. Tolles Wort!

Will: Ich saß im Büro und hatte einen unheimlich netten Moderationsredakteur, der mir den Tag über Mappen zusammenstellt: Matthias. Auch ein Fußballfan, und wir beide grantelten: heute arbeiten! Wir haben beim 1:0 und beim 2:0 die ganzen Büros zusammengeschrien. Und dann telefonierte ich mit der Kollegin Christiane Meier in Washington, da ging es um den Erlass von Bush, dass Terroristen vor Militärgerichte gestellt werden sollen ?

Auch kein unwichtiges Thema.

Will: Selbstverständlich. Ich rief sie an und sagte, übrigens, es steht schon 2:0! Und sie: Häh? Interessiert mich überhaupt nicht. Ach so, na ja, dann erzählen Sie mir doch mal, was Sie in Ihrem Beitrag drinhaben. Und in dem Moment geht die Tür auf, und Matthias kommt auf Knien reingerutscht - jaaa, 3:0! Wir wurden überhaupt nicht mehr ernst genommen.

Können Fußballer sexy sein?

Will: Ja.

Wer zum Beispiel?

Will: David Beckham ...

Slomka: ... der Brad Pitt des Fußballs. Beckham sieht doch ein bisschen aus wie Brad Pitt, oder?

Will: Nee.

Slomka: Ein hübsches Jüngelchen.

Will: Ich finde den echt sexy. David Beckham sieht doch super aus. Vor allem kann der fantastisch Fußball spielen. Einfach großartig, unglaublich elegant. Aber wer noch...? Michael Ballack vielleicht?

Slomka: Ist das der, der gegen die Ukraine das erste Tor geschossen hat?

Will: Ja, und das vierte.

Slomka: Erfolg macht auch sexy.

Ihnen beiden wurde die Fähigkeit attestiert, komplizierte Sachverhalte einfach und verständlich darstellen zu können. Frau Will, würden Sie uns mal schnell Abseits erklären?

Slomka: Ist das jetzt für den Sportteil?

Will: Also, Abseits ist... hmm.

Frau Slomka, können Sie uns inzwischen den Leitzins erklären?

Slomka: Der Leitzins wurde früher von der Bundesbank, inzwischen von der EZB festgelegt und bestimmt den Preis des Geldes. Wenn der Leitzins gesenkt wird, wird Geld billiger, und das kann konjunkturanregend wirken, muss aber nicht.

Ach so. Frau Will?

Will: Also, nach dem Regelwerk des DFB - ein kleines, grünes Büchlein, das hatte ich als Sportmoderatorin immer dabei - ist dann Abseits, wenn zwischen Torlinie und dem ballführenden Spieler der gegnerischen Mannschaft nur noch ein Spieler ist: gewöhnlich der Torwart. Kommt das hin?

Im Moment der Ballabgabe ...

Will: Genau, entscheidend ist der Moment der Ballabgabe. Aber das weiß man ja...

Frau Slomka, wo liegen Ihre Stärken - außer beim Erklären des Leitzinses?

Slomka: Ich glaube, dass ich mit der deutschen Sprache ganz gut umgehen kann. Wenn es darum geht, einen Satzrhythmus zu finden oder zwischen den Zeilen Pfeile abzuschießen, ohne direkt in einen Kommentar abzugleiten. Und ich glaube, dass ich ganz gute Interviews führen kann.

Und Ihre Schwächen?

Slomka: Das Rauchen ist eine und dass ich mir nicht immer gerne in die Karten gucken lasse. Das führt schon mal zu der Einschätzung: Die wirkt sehr distanziert.

Ärgert Sie so was?

Slomka: Es ärgert mich insofern ein bisschen, weil ich mir denke, mein Gott, soll ich mich da durch die Sendung grinsen? Ich kann das aber durchaus abstrahieren, weil ich als Privatperson sicher nicht cool bin. Und das ist mir lieber, als wenn man sagen würde: Ach, ist die süß.

Der Kollege Jens Riewa bemerkte nach Frau Wills »Tagesthemen«-Premiere, sie würde so gut duften ...

Will: Da hat er auch Recht gehabt.

Slomka: Findest du das nicht superalbern?

Will: Warum? Er hat mich ja nicht nur darauf reduziert. Es war ihm halt aufgefallen, das war Jil Sander No. 3.

Slomka: Da wären mir an deiner Stelle die Augenbrauen hochgegangen.

Frau Will, Sie haben gesagt, dass Sie in der Schule sehr strebsam waren und selten angeeckt sind. Sind Sie wirklich so brav?

Will: Sagen wir so: Zum Glück seh ich ja nicht so aus, als hätte ich noch nie ?ne Kneipe von innen gesehen.

Slomka: Sonst nehme ich dich mal mit.

Will: Genau, zeig mir die Welt, Marietta. Aber wenn Sie so wollen: Ich bin schon durchaus ? na ja, brav klingt so negativ. Ich hab halt nicht den Ehrgeiz, allen meine düstere Seite zu zeigen. Warum sollte ich das tun? Also, ich bin eigentlich ganz nett. Und ein bisschen albern.

Frau Slomka, Sie sagten, die Moderation des »heute journals« und der »Tagesthemen« sei wie ein Sechser im Lotto. Hat Ihr Job auch Schattenseiten?

Slomka: Ich glaube, dass man für alles, was man bekommt, auch einen Preis bezahlt. Abgesehen von der journalistischen Herausforderung ist es eine Arbeitslosenversicherung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ARD und ZDF uns nicht auch Jobs anzubieten haben, wenn man mal an Schwangerschaft gedacht hat. Aber der Erwartungsdruck ist natürlich sehr hoch. Ich finde auch dieses Pendel-Leben, das ich führe, sehr stressig.

Zwischen Mainz und Berlin, wo Sie leben.

Slomka: Was ich wirklich schmerzlich vermisse, ist das Reporter-Dasein: selbst vor Ort zu sein, selbst im Schnittraum zu sitzen und ein Produkt abzuliefern, auf das man stolz sein kann. Dieses Stolzsein hat man beim Moderieren so nicht.

Will: Man lernt wahnsinnig viel. Aber man erlebt halt relativ wenig.

Slomka: Das Einzige, wo man wirklich noch was erlebt, sind die Interviews. Ansonsten ist alles vorhersehbar.

Will: Außer bei einer Panne. Da denke ich dann nie, oh Mist, sondern, oh wow - endlich passiert was.

Slomka: Endlich mal was los im Studio!

Will: Macht mir richtig Spaß, wenn was schief läuft.

Lüften Sie doch bitte das große Geheimnis: Was sagen Sie während des Abspanns zu den Nachrichtensprechern?

Will: Der Kollege Wickert hat mir erklärt, dass wir auf diese Frage immer antworten: »Wir haben ein Gelübde abgelegt, dass wir dazu nix sagen.« Sehr pfiffig. Man braucht auch seine kleinen Geheimnisse.

Slomka: Ich erzähl das auch nicht. Aber vielleicht wird mal das Mikro aufgezogen, und das war dann die letzte Moderation.

Was würden Sie gern mal vermelden?

Slomka: Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Will: Das ist sehr schön. Und passt auch prima zu Weihnachten. Dann verkünde ich: Der Sozialhilfesatz ist auf 5000 Mark gestiegen.

Slomka: Da würde ich als Volkswirtin sagen: No way! Das vermelde ich nicht.

Will: Das Kindergeld für wirklich Bedürftige ist auf 5000 Mark im Monat gestiegen.

Slomka: Wir haben heute eine Bundeskanzlerin gewählt.

Will: Das wär auch mal was.

Slomka: Oh, jetzt wird das wahrscheinlich auf Frau Merkel bezogen - stopp, vergessen Sie's, keine parteipolitischen Statements.

Dann bitte noch einen schönen letzten Satz - nach dem Wetter sozusagen.

Will: Tschö.

Slomka: Tschö mit ö.

Will: Genau. Dem Kölner reicht ja nie ein Satz. Deshalb sagt er lieber: Tschö. Mit ö.

Interview: Ulrike von Bülow und Bernd Teichmann

Vita: Marietta Slomka

Geboren am 20. April 1969 in Köln, wo sie auch aufwuchs; von 1988 bis 1995 Studium der Volkswirtschaft in Köln und an der Universität von Kent; es folgte ein Volontariat bei der Deutschen Welle, für die Slomka 1997 als Europakorrespondentin nach Brüssel ging; 1998 wechselte sie als Parlamentskorrespondentin ins ZDF-Hauptstadtstudio - zunächst nach Bonn und dann nach Berlin; ab Oktober 2000 Moderatorin bei »heute nacht« und seit Januar 2001 beim »heute journal«. Slomka lebt in Berlin.

Vita: Anne Will

Geboren 1966 in Köln, aufgewachsen in Köln-Hürth; studierte von 1985 bis 1990 Geschichte, Politik und Anglistik in Köln und Berlin; volontierte bis 1992 beim SFB, ab November 1992 Reporterin und Moderatorin beim Berliner Lokalsender B1 (»Sportpalast«, Polit-Talkshow »Mal ehrlich«); 1996 bis 1998 Moderatorin der WDR-Talkshow »Parlazzo«; ab November 1999 Moderatorin der ARD-»Sportschau«; seit dem 14. April 2001 bei den »Tagesthemen«. Will wohnt mit ihrem Lebensgefährten in Berlin.