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Bayreuther Festspiele: Lachs und Seide sollen's richten

Mit einem großen Aufgebot an Prominenz sind in Bayreuth die 94. Richard- Wagner-Festspiele eröffnet worden. Auch mit dabei: Angela Merkel. Schwierigste Aufgabe acht Wochen vor der Bundestagswahl: Ein Kleid zu finden, das allen gefällt.

Zuerst ist sie noch ganz die bescheidene Vorsitzende der CDU. Als Angela Merkel gegen 15.40 Uhr auf dem Grünen Hügel vor dem Festspielhaus Bayreuth ankommt, will sie am liebsten möglichst schnell durch das mit mächtigen Marmorsäulen eingerahmte Königsportal verschwinden. Nervös streicht sie ihren Rock glatt, das Lächeln wirkt noch ein wenig schüchtern. Doch die ungefähr 2.000 Schaulustigen wollen Merkel und ihren Ehemann Joachim Sauer nicht ziehen lassen. Immer wieder klatschen sie und rufen nach ihr.

Nachdem Merkel im vergangenen Jahr noch die politisch pikante Farbkombination schwarz-rot gewählt hatte, zeigt sie im Jahr der vorgezogenen Bundestagswahlen mehr Gespür: Eine lachsfarbene Kombination aus modischem Blazer und Rock hat sie sich ausgesucht.

Sie hatte bereits Festspielchef Wolfgang Wagner, dessen Frau Gudrun und Tochter Katharina - traditionell begrüßt die Familie Wagner alle Staatsgäste persönlich - passiert, da kehrte sie doch noch einmal mit ihrem Mann im Schlepptau um. Freundlich schüttelt sie Hände, wechselt ein paar Worte. Die Bayreuther danken es ihr mit lautem Applaus. Jetzt ist Merkel nicht mehr die Vorsitzende der CDU, jetzt ist sie Kanzlerkandidatin der CDU/CSU und Wahlkämpferin auf der Jagd nach Stimmen für die Bundestagswahl im September.

Klassentreffen der Polit-Prominenz

Die 94. Richard-Wagner-Festspiele - wie in jedem Jahr ein Großauflauf von Promis aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Zur Eröffnung am Montag gibt es "Tristan und Isolde". Doch das ist für die vielen Menschen, die vor den Absperrgittern stehen, völlig nebensächlich. Auf ein Festspiel-Ticket müssen Normalsterbliche sowieso jahrelang warten. Da ist ein Ausflug zum Promi-Gucken billiger und weniger zeitaufwendig. Und gerade dieses Jahr ist es besonders interessant: denn fast wirken die Festspiele wie ein Klassentreffen mit den Protagonisten des Politikspektakels der vergangenen Wochen - obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer der Veranstaltung ferngeblieben sind.

Mit Spannung wird vor allem Bundespräsident Horst Köhler erwartet. Nachdem seine Amtsvorgänger Walter Scheel und Richard von Weizsäcker bereits an den Fotografen und Kamerateams vorbei flaniert sind, ist es soweit: Kurz nach Merkel fährt Köhler vor, zeitgleich mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Applaus brandet auf. Eva Köhler in ihrem schwarzen Abendkleid mit elegant ausgefransten Ärmeln fühlt sich jedoch sichtlich wohler als ihr Mann. Der wirkt ein bisschen erschöpft von den turbulenten Wochen, winkt aber dennoch mit starrem Gesichtsausdruck tapfer in die Menge.

Das Ehepaar Stoiber hingegen gibt sich locker, posiert artig für die Fotografen, die nach ihnen rufen. Ein Bad in der Menge wie Merkel lässt Stoiber dann aber sein. Er will seiner Kanzlerkandidatin nicht die Schau stehlen.

Auch Merkels potenzieller Koalitionspartner ist vertreten, in Gestalt von FDP-Chef Guido Westerwelle. Der hat seinen Lebensgefährten Michael Mronz mitgebracht und genießt den Applaus der Bayreuther sichtlich.

Ehepaar Gottschalk stielt Merkel die Show

Nur Vertreter der Bundesregierung haben einen schweren Stand im bayerischen Bayreuth. Bundesjustizministerin Monika Zypries und die Bundeskulturbeauftragte Christina Weiss huschen beinahe unerkannt an den Menschenmassen vorbei. Und Finanzminister Hans Eichel erntet noch spöttische Kommentare über leere Bundeskassen.

Doch auch Stars aus der deutschen Society sind vertreten. Gloria von Thurn und Taxis - gekleidet mit weißem Blazer und Rock in Orange und behangen mit klobigen Goldketten - genießt den Applaus ebenso wie Volksmusikstar Carolin Reiber, die ganz in türkis erschienen ist.

Ein Vertreter aus dem Show-Business ist es dann auch, der Merkel die Schau stiehlt, als die Bläser schon zum dritten Mal auf dem Balkon des Festspielhauses erschienen sind, eine Fanfare gespielt und damit den Beginn der Vorstellung angekündigt haben, kommt er: Thomas Gottschalk und seine Frau Thea, die ihre Haare schrill getönt hat, einen auffälligen Haarkranz trägt und ein ebenso ausgeflipptes Kleid am Leibe hat. Das Jubelgeschrei der Massen lässt den altehrwürdigen Grünen Berg zur Pop-Arena werden. Angela Merkel wird neidisch gewesen sein.

Volker ter Haseborg, AP / AP