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Tokio-Hotel-Star "Abseits der Bühne gab es kein Leben für uns": Bill Kaulitz über die Schattenseiten des Erfolgs

Bill Kaulitz veröffentlicht am 12. Januar 2021 seine Biografie "Career Suicide"
Bill Kaulitz wurde mit 16 Jahren weltbekannt. Mit dem stern spricht er über den Erfolg mit seiner Band Tokio Hotel und wie er sich in den vergangenen Jahren verändert hat
© Dominik Wilzok
Im Interview mit dem stern lässt Bill Kaulitz seine Karriere Revue passieren. Der Tokio-Hotel-Sänger spricht über seine Flucht nach L.A., neue Musik und sein Liebesleben.

Herr Kaulitz, als Sie gerade einmal 16 Jahre alt waren, wurden Sie mit Tokio Hotel weltbekannt. Jetzt, 15 Jahre später, gibt es die Band immer noch. Wie kommt es, dass Sie sich in all der Zeit nicht zerstritten haben oder am Druck zerbrochen sind?

Das frage ich mich manchmal auch. Ich glaube, wir sind viel mehr eine Familie als nur eine Band oder Arbeitskollegen. Wir kannten uns schon, bevor der Erfolg losging und haben uns zu viert super verstanden. Und das ist bis heute noch so. Wir sind alle super gute Freunde, unter denen es keine Missgunst gibt. Es ist niemand beleidigt, wenn der eine mal größer auf dem Cover erscheint als der andere. Und diese tiefe Freundschaft und dass wir uns alle so nehmen, wie wir sind, macht glaube ich den Unterschied aus.

Sie haben Ihren ersten Hit "Durch den Monsun" noch mal neu aufgenommen. Warum war es Ihnen wichtig, dem Song ein Update zu verpassen?

Die Idee gab es schon recht lange. Schon zum zehnjährigen Jubiläum wollten wir das machen. Tom war aber immer ein bisschen dagegen. Die Aufgabe, an so einen erfolgreichen Song nochmal ranzugehen, ist ja auch wirklich groß und zwischenzeitlich dachten wir uns: "Warum machen wir das?" Aber auf der anderen Seite sind die Lyrics gerade in diesem Jahr so passend wie nie: Am Ende wird alles gut, wenn wir durch den ganzen Schlammassel gelaufen sind. Daran will man glauben. Deshalb haben wir uns nur die Lyrics genommen und was ganz Neues daraus gemacht. Genau so hätten wir den Song in diesem Jahr aufgenommen, hätte es ihn nicht schon gegeben.

Sie sprechen es schon an: In diesem Jahr lief einiges nicht so, wie geplant. Die Corona-Pandemie hat Ihnen auch einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Total! Als die ersten Meldungen hochkamen, dass es Einreiseverbote geben wird und uns bewusst wurde, was für ein Ausmaß das nehmen wird, war das für uns Horror. Zum Glück konnten wir schnell handeln und Tom und ich haben es geschafft, den letzten Flieger zurück nach LA zu nehmen. Wir haben mit Versicherungen telefoniert, hatten ja auch ein riesengroßes Team und eine Crew, die wir nach Hause kriegen mussten. Wir waren auf Tour in Lateinamerika. Das alles hat einen super langen Rattenschwanz nach sich gezogen. Zum Glück konnten wir viele Dinge regeln und hatten dann auch Zeit, uns anderen Projekten zu widmen, die wir sonst hintenangestellt hätten.

Wird die Tour nachgeholt?

Geplant ist jetzt erst einmal 2021, im Dezember startet der Vorverkauf. Aber wer weiß, was bis dahin noch passiert. Mit der Unsicherheit müssen wir jetzt erstmal leben.

Ihre Fans hatten sich natürlich schon auf Ihre Tour gefreut. Sicherlich sind viele aber nicht mehr so aufdringlich wie zu Beginn Ihrer Karriere. Wie haben Sie den Fan-Hype damals erlebt? War das nicht manchmal zu viel?

Doch, auf jeden Fall. Die ersten Jahre war es erst mal nur geil. Doch dann waren wir auch oft überfordert, wussten nicht, was wir tun sollten und fühlten uns eingesperrt und überwacht. Nie ohne Security, keine Privatsphäre. Wir sind dann wirklich so oft es geht geflüchtet, haben uns im Hotel verschanzt. Auf der einen Seite war es natürlich schön, dass wir so viele Fans hatten, aber abseits der Bühne gab es kein Leben für uns. Heute ist das etwas anders. Wobei es natürlich immer Fans gibt, die uns belagern, in Mexiko ist das zum Beispiel super krass. Da ist es schwer vom Flughafen ins Auto zu kommen. Aber das ist auch schön, wenn es manchmal noch so ist. Das gehört dazu und ist ja auch schmeichelnd. Heute haben wir eine bessere Balance und können anders damit umgehen.

Sie und Ihr Bruder Tom sind damals nach L.A. gezogen. Sicher auch, weil der Erfolg und die Aufmerksamkeit überfordernd waren.

Genau. Wir waren auch einfach durch und hatten keinen Bock mehr. So wie es war, konnte es nicht weitergehen. Da mussten wir einmal raus und einen Cut setzen. Um uns zu finden, um wieder kreativ sein zu können.

Wie hat sich Ihr Leben in L.A. verändert? Konnten Sie abseits des Hypes zu sich selbst finden? Sie waren ja erst Anfang 20.

Ja, das war eine total wichtige Phase für uns, um uns selbst auch kennenzulernen. Wir waren 15, als wir erfolgreich wurden und in der Öffentlichkeit standen. In der Zeit, in der sich andere gerade selbst entdecken und kennenlernen, wurden wir immer nur von anderen bewertet, es wurde über uns gesprochen und geurteilt. Wir wussten noch gar nicht richtig, wer wir sind. Wo sich andere gerade im Leben zurechtfinden, waren wir immer auf der Bühne. In L.A. haben wir unser Leben nur für uns gelebt, waren Architekten unseres eigenen Lebens und konnten noch besser herausfinden, wer wir sind und was wir wollen. Die Zeit hat uns geholfen, nicht nur unsere Persönlichkeiten reifen zu lassen, sondern auch wieder kreativ zu werden. Also auch beruflich war das die beste Entscheidung. Ich würde das alles nochmal genauso machen.

Neben dem Erfolg gab es aber auch viel Hass, vor allem Ihnen gegenüber, weil Sie schon rein optisch hervorstachen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Den Hass gab es schon vor unserem Erfolg mit Tokio Hotel. Natürlich war es nach dem Erfolg noch krasser. Tatsächlich sind mir viele Dinge aber erst später bewusst geworden und dass der Hass und Morddrohungen und Co. vielleicht doch mehr mit einem gemacht haben, als man in dem Moment gedacht hätte. Aber Tom war da immer an meiner Seite, Gustav und Georg auch, wir sind da gemeinsam durchgegangen und waren auch schon immer sehr selbstbewusst.

Es war nicht so, dass ich mich heulend in meinem Zimmer eingesperrt habe und depressiv war. Gar nicht. Wir wollten ja auch den Erfolg, wir wollten uns der Öffentlichkeit zeigen. Wir haben uns das so ausgesucht. Madonna sagt immer, Künstler sind hier, um den Frieden zu stören und darin waren wir immer gut. Hass gehört nun mal mit dazu. Dadurch lebten wir aber auch sehr isoliert. Auf Tour hatten wir zum Beispiel immer acht Security-Leute dabei.

Inwiefern gab es Hass schon vor dem Erfolg?

Tom und ich hatten schließlich vorher schon unseren extravaganten Stil, er ist mit Dreads durch die Straßen in unserer alten Heimat gelaufen, ich bin geschminkt zur Schule gegangen. Da wurden wir schon oft heftig angefeindet. Wir wuchsen in einem Dorf auf, in dem es sofort auffiel, wenn jemand anders war. Als ich zur Schule kam, verliebten sich die Jungs in mich und schrieben mir Liebesbriefe. Als sie herausfanden, dass ich kein Mädchen bin, gab es auf die Fresse. Solche Geschichten gibt es zuhauf. Das kannten wir also schon. Angefeindet wurden wir immer, das gehört für uns dazu und so sind wir aufgewachsen.

Die Bindung zu Ihrem Bruder ist wahnsinnig eng. Wie würden Sie Ihr Verhältnis selbst beschreiben?

Es ist so eng, ich kann mir gar nicht vorstellen, ohne ihn zu sein. Es gibt wirklich kein Geheimnis zwischen uns, wir sprechen über alles, wir denken gleich, der andere könnte jeden Satz beenden, ohne dass er zu Ende ausgesprochen wurde. Wir haben damals mit sieben Jahren gemeinsam an Songs geschrieben und hatten immer die gleichen Interessen. Das ist bis heute so.

Manchmal denke ich darüber nach, wie es gewesen wäre, hätten wir Abitur gemacht und jeder eine andere Richtung eingeschlagen. Durch unsere gemeinsame Musik sind unsere Leben so miteinander verschmolzen, dass es fast wie ein einziges Leben ist. Klar gibt es auch Unterschiede, aber in den meisten Dingen sind wir uns sehr ähnlich. Es ist auch schön, dass ich dadurch immer Familie auf meinem Weg mit dabei habe. Auch wenn Georg und Gustav mittlerweile ebenfalls mehr Familie als Freunde sind.

Leben Sie noch in L.A.? Derzeit ist die Rede davon, dass Heidi Klum und Tom in Berlin wohnen.

Wir sind gerade alle in Berlin, weil Heidi für "Germany’s next Topmodel" dreht und Tom und ich musikalisch beschäftigt sind. Anfang November soll ja auch schon die neue Single erscheinen. Wir arbeiten meistens von Deutschland aus und bereiten hier alles vor. Aber unser Hauptwohnsitz ist in L.A.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann wieder in Deutschland zu leben?

Wir sind schon sehr oft hier, arbeiten viel hier und mögen es auch in Deutschland. Unsere Familie und viele Freunde leben hier. Ich mag es herzukommen und sich wie ein Tourist im eigenen Land zu fühlen. Manchmal gehen wir ins Wirtshaus und essen Knödel, freuen uns übers deutsche Brot. Aber ich mag es auch zu wissen, dass wir immer wieder abreisen können. L.A. ist mein Zuhause.

Sie verbringen viel Zeit mit Ihrem Bruder und seiner Frau Heidi Klum. Über Ihr eigenes Liebesleben wird dagegen immer wieder nur spekuliert. Nervt Sie das manchmal?

Nein, das ist okay für mich und nervt mich nicht so penetrant. Es ist ja auch klar, dass das interessiert und ich kann es sogar verstehen. Wenn ich irgendwann glücklich vergeben sein sollte, kann ich es sowieso nicht lange verheimlichen und werde es euch alle definitiv wissen lassen.

Eine Beziehung mit jemandem, der nicht in der Öffentlichkeit steht, ist aber sicherlich kaum möglich.

Ich bin ja ein echter Romantiker und sage deshalb: Ich denke schon, dass es möglich ist. Ich glaube, wenn man die Person richtig mag und Schmetterlinge im Bauch hat, ist es egal, ob sie bekannt ist oder nicht. Gustav und Georg haben ja auch Beziehungen außerhalb der Öffentlichkeit. Die beiden stehen zwar nicht ganz so sehr im Fokus, aber es klappt ja auch. Deswegen möchte ich auch daran glauben.

In Ihrer Biografie "Career Suicide", die im Januar 2021 erscheint, wird es unter anderem um Ihre sexuelle Identität gehen. Was genau werden Sie verraten?

Es wird definitiv etwas sein, das man noch nicht wusste. Mehr kann ich noch nicht sagen. Aber ich kann insgesamt verraten, dass ich in dem Buch so viel preisgeben werde, wie es wohl niemand erwarten würde. Es wird vieles sehr überraschend sein. Ich werde total ehrliche und ungeschönte Einblicke in mein Leben geben und man wird mich danach sicher mit anderen Augen sehen.

Warum haben Sie sich für so ein offenes Buch entschieden?

Ich wollte kein weichgespültes Buch. Ich finde eine Biografie mit Dingen, die man schon weiß oder die ich schon in Interviews gesagt habe, einfach nicht richtig für mich. Ich dachte mir, wenn ich das mache, dann muss es auch komplett ehrlich und offen und neu sein. Ich habe nie etwas gemacht, um anderen zu gefallen oder mich verstellt. Und damit wollte ich bei meinem Buch auch nicht anfangen. Ich habe wirklich alles selbstgeschrieben und erzähle auch viel von den Anfängen und von Toms und meinem Leben vor Tokio Hotel. Wie wir aufgewachsen sind, was alles vor unserem Erfolg passiert ist. Ich denke, dass man uns dadurch dann auch besser verstehen wird.

Warum "Career Suicide"?

Zum einen wurde mir immer wieder von verschiedenen Leuten gesagt: "Wenn du das jetzt machst, könnte das deinen Karriereselbstmord bedeuten." Das hat mich also schon immer begleitet. Dabei habe ich nie Sachen gemacht, nur weil andere es so wollten. Das wird im Buch auch deutlich werden. Zum anderen könnte das Buch tatsächlich im schlimmsten Fall den Karriereselbstmord bedeuten. Ich hab meinem besten Freund einige Passagen vorgelesen und er fragte mich, ob ich mich wirklich so "nackt" machen will. Das ist also echt ein Wagnis und ich bin wahnsinnig aufgeregt.

Im besten Fall könnte das Buch aber auch denen, die ebenfalls anders sind oder hervorstechen, Mut machen.

Das würde ich mir natürlich wünschen. Ich hoffe, dass ich inspirieren und Mut machen kann und werde sicher eine Woche vor der Veröffentlichung nicht schlafen können.  

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Statt Karriereselbstmord gab es bisher bei Ihnen aber nur Erfolg: musikalisch, mit Ihrer Mode, Sie saßen in der DSDS-Jury, waren bei GNTM dabei – was soll jetzt noch kommen?

Ich hab noch so viel vor! Das Buch soll auch nicht das Ende sein, ich wollte ja nicht meine Memoiren schreiben. Es heißt schließlich "Meine ersten dreißig Jahre" und auf die blicke ich zurück. Wir wollen vor allem musikalisch noch so viel machen. Ich hab ständig das Gefühl noch besser sein zu können. Ich bin mein härtester Kritiker und fordere mich ständig neu heraus. Wir haben alle noch so viele Ideen und sind so kreativ.

Mit meiner Mode geht es ebenfalls einen Schritt weiter: Da werden wir die Kollektion verdoppeln und noch einmal richtig durchstarten. Und auch sonst habe ich noch so viele Ideen, die man umsetzen könnte. Ich bin ja erst 31, ich fange gerade erst an.

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