HOME

Britney Spears: Baby, come back!

Dass ein Comeback im Fiasko enden kann, weiß keine so gut wie Britney Spears: Heute feiert ihre neue Single "Hold It Against Me" Radiopremiere. Die Geschichte eines Popsternchens, das in den Abgrund geschaut hat.

Von Jens Maier

An Superlativen mangelt es bei ihr nicht: Bis heute hat sie 146 Millionen Platten verkauft. Sie ist die jüngste Sängerin, die je einen Stern auf dem "Walk of Fame" in Hollywood bekommen hat und "Baby One More Time" ist das meistverkaufte Debütalbum einer Künstlerin, das je in den USA erschienen ist. Britney Spears ist unbestritten nach Madonna die einzig legitime Anwärterin auf den Titel "Queen of Pop". Nach über einem Jahr meldet sich die 29-Jährige jetzt mit ihrer neuen Single "Hold It Against Me" und einem neuen Album zurück. Trotz ihrer langen Auszeit will Spears von einem Comeback allerdings nichts wissen. Denn mit Comebacks ist das bei ihr so eine Sache.

Das vom September 2007 ging gründlich daneben. Nach etlichen Alkoholexzessen, einem kahl rasierten Kopf, der Einweisung in eine Entzugsklinik, der Fahrerflucht nach einem Blechschaden und dem Verlust des Sorgerechts für ihre Kinder wollte Britney Spears es allen zeigen. Bei der Verleihung der MTV Video Music Awards in Los Angeles wollte die damals 25-jährige Sängerin beweisen, dass sie ganz die Alte ist: knackig, fit und sexy wie eh und je.

Doch stattdessen bekamen Millionen von Zuschauer weltweit ein unsicher stolperndes, dickliches Mädchen in einem Glitzerbikini und Haarextensions, wie sie jeder zweitklassige Friseursalon in einer amerikanischen Einkaufsmall besser hinbekommen hätte, zu sehen. Brit hatte bei ihrem Auftritt Spuren von Selbstbräuner unter den Achseln, ihr fehlte ein Fingernagel und sie hatte getrunken. "Oh, the Horror!", titelte das US-Blatt "Entertainment Weekly" nach dem desaströsen Auftritt. Und das, obwohl Britney Spears ihren neuen Titel "Gimme More" nicht mal live gesungen hatte. Doch selbst die Playback-Einsätze hat der Profi, der schon als Kind im Fernsehen auftrat und mit dem Showbusiness aufgewachsen ist, verpatzt. Die Kritiker waren sich einig: Dieses Mädchen ist am Ende.

Die Jungfrau vom Dienst

Der Absturz hatte bereits 2002 begonnen. Nach der Trennung von Dauerfreund Justin Timberlake, den sie seit Kindheitstagen kannte, als beide zusammen mit Christina Aguilera den Micky-Maus-Club moderierten, hatte Britney Spears keine Lust mehr darauf, das liebe Mädchen von nebenan zu sein. Eines, das amerikanischen Moralvorstellungen entspricht, keinen Sex vor der Ehe möchte und immer brav tut, was Mutti sagt. Jetzt wollte sie nachholen, was sie all die Jahre versäumt hatte, als sie im kleinen Städtchen Kentwood statt in eine Schule zu gehen von ihrer Mutter Lynne Spears zu Hause unterrichtet und schon damals auf eine Karriere als Sängerin getrimmt worden war.

Im Schnellgang machte Brit das, was in ihrem Leben vorher verboten war. Sie trank, feierte wilde Partys und ließ sich mit zwielichtigen Typen ein. Anfangs noch heimlich. Doch dann sickerten die ersten Details von Britneys exzessivem Partyleben an die Öffentlichkeit durch. So erfuhren ihre Fans von einer Blitzhochzeit nach einer wilden Partynacht in Las Vegas mit Jugendfreund Jason Alexander. Die Jungfrau vom Dienst, sie war auf einmal verheiratet! Ihr Management versuchte mit einer schnellen Annullierung der Ehe zu retten, was zu retten war. Doch da waren die Dämme längst gebrochen.

Die Scheiter-Show des einstigen Popsternchens

Frei nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's gänzlich ungeniert" schnappte sich Britney nur ein halbes Jahr später einen ihrer Ex-Tänzer. Sie heiratete Kevin Federline im September 2004, wurde schwanger und bekam zwei Kinder. Die Scheidung ließ nur zwei Jahre auf sich warten. Doch das war genug Zeit, um die einst so erfolgreiche Sängerin an den Rand des Abgrunds zu bringen. Britney Spears war alkoholsüchtig. Sie wurde mehrfach in Entzugskliniken eingeliefert und verlor sogar das Sorgerecht für ihre Kinder. In einer regelrechten Hetzjagd belagerten Fotografen und Reporter ihr Haus, verfolgten Britney auf Schritt und Tritt: Ob beim Einkaufen, beim Eis essen oder beim Tanken ihres Wagens - die Paparazzi sorgten stets dafür, dass die ganze Welt den freien Fall eines Sternchens hautnah mitverfolgen konnte.

Den Höhepunkt dieser Scheiter-Show bekamen sie am 3. Januar 2008 zu sehen: In einer Verzweiflungstat verbarrikadierte sich Britney Spears mit ihren Kindern in ihrer Villa in Los Angeles. Kamerateams filmten live aus einem Helikopter, wie sie auf einer Trage aus ihrem Haus geholt und schließlich sogar in eine Klinik zwangseingewiesen wurde, weil sie eine "Gefahr für sich und andere" darstelle. Das war nur wenige Wochen, nachdem mit ihrem Comebackversuch bei den MTV Video Music Awards eigentlich alles hätte gut werden sollen.

Ein musikalisches Wunder rettet Britneys Karriere

Erst als alle glaubten, dass Britney wirklich am Ende wäre, sie wegen ihrer Affäre mit Paparazzo Adnan Ghalib für verrückt gehalten, schließlich sogar entmündigt und unter die Vormundschaft ihres Vaters gestellt worden war, ließ das Interesse an ihr nach. Physisch war sie ein Wrack, doch musikalisch geschah ein kleines Wunder. Eines, das wahrscheinlich ihre Karriere gerettet hat. Denn trotz ihrer Eskapaden und des peinlichen MTV-Auftritts kletterte ihre Single "Gimme More" in den Charts nach oben und wurde nach "Baby One More Time" die erfolgreichste Single, die Spears bis dato veröffentlicht hatte. Das bald darauf folgende Album "Blackout" bezeichnete die "International Herald Tribune" sogar als das beste ihrer Karriere. Und obwohl sie zur Zeit der Veröffentlichung Ende 2007 wegen ihrer privaten Probleme keinen einzigen Promotiontermin wahrnehmen konnte, wurde auch das Album ein Erfolg.

Auf das musikalische folgte ihr persönliches Wunder: Sie absolvierte ihre Entziehung erfolgreich, machte sich mit einem eigenen Trainer wieder fit und hatte ihr Leben wieder im Griff. Dass sie ein Jahr nach ihrem Schockauftritt erneut die MTV Video Music Awards eröffnen würde, hatte trotzdem niemand für möglich gehalten. Und noch viel weniger, dass sie gleich drei der wichtigsten Kategorien gewinnen würde. Britney war nur neun Monate nach ihrem Totalabsturz wieder ganz oben angelangt.

2010 war es nach dem Abschluss ihrer "Circus"-Tour still um sie geworden. Keine Skandale, keine anzüglichen Fotos, keine neue Platte. Stattdessen ein neuer Mann an ihrer Seite - noch dazu ein vernünftiger! Jason Trawick ist nicht nur Spears' Agent, sondern auch ihr Geliebter. Er scheint wesentlichen Anteil daran zu haben, dass Ruhe in ihr Leben eingekehrt ist. Er gibt ihr Kraft, um das anzugehen, was 2007 so gründlich in die Hose gegangen ist: ihr Comeback. Im März erscheint ihre neue Platte, vorab feiert am Dienstag die neue Single "Hold It Against Me" Radiopremiere.

Der Song soll nichts weniger als ein neuer Hit werden. Und obwohl eine im Internet vorab veröffentlichte Version nicht nur Lob, sondern auch viel Kritik bekommen hat, spricht Vieles dafür, dass Britney das gelingen wird. In ihrer Diskografie haben es schließlich 17 Singles in die Top 10 der Charts geschafft. Und so könnte es sein, dass ihr erneutes Comeback sein Ende wiederum bei den MTV Video Awards findet. Nämlich dann, wenn Britney als Preisträgerin auf der Bühne steht.