HOME

Charlize Theron: Die Schöne ist das Biest

Was für ein "Monster": Für das Porträt einer Serienmörderin verbarg Charlize Theron all ihre Reize. Jetzt hat sie einen Oscar und den Respekt Hollywoods

Besonders gern hat Charlize Theron immer erzählt, wie sie von Hollywood träumte, ihre Mutter schließlich einen Flug für sie buchte und Charlize aufschrie, als sie das Ticket sah: denn darauf stand Los Angeles. Sie habe an einen Irrtum geglaubt, weil sie nicht wusste, dass Hollywood ein Stadtteil von Los Angeles ist.

Besser kann man sich gar nicht als unschuldiges Blondchen verkaufen. Fast ein Jahrzehnt lang hat Charlize Theron artige Interviews gegeben, artig allen Paparazzi zugewinkt und überhaupt alle Spielregeln Hollywoods befolgt. Und Hollywood hat die Südafrikanerin dafür belohnt, mit ziemlich großen Rollen in ziemlich teuren Filmen wie "Im Auftrag des Teufels", "Die Legende von Bagger Vance" und "The Italian Job", in denen sie mal kapriziös, mal patent, vor allem aber immer blond sein durfte.

Doch hätte jemand vor einem Jahr prophezeit, dass das ehemalige Modell Theron für eine Rolle, in der sie buchstäblich nicht wiederzuerkennen ist, 2004 den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewinnen würde, wäre die gesamte Branche in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Es muss der klugen,

kühlen Theron irgendwann furchtbar gestunken haben, nur eines der vielen "Golden Girls" zu sein, die kommen und gehen in Hollywood, ohne eine Spur zu hinterlassen. Bis irgendwann ein schäbiges kleines Drehbuch auf ihrem Schreibtisch landete, verfasst von einer unbekannten Anfängerin namens Patty Jenkins. "Monster" erzählte eine authentische Geschichte, die in den USA jahrelang reißerische Schlagzeilen gemacht hatte: die der lesbischen Prostituierten Aileen Wuornos, die sieben ihrer Freier umgebracht hatte. Aber "Monster" war kein Reißer, sondern eine aufwühlende Liebesgeschichte - und das beklemmende Porträt einer Frau, die Opfer und Täterin zugleich war.

"Mich hatte noch nie ein Filmemacher so gesehen, wie Patty mich sah", sagt Charlize Theron, 28, und zündet sich eine neue Zigarette an. Sie wirkt so leuchtend und pumperlgesund, dass alle Zigarettenhersteller sich darum prügeln müssten, sie als Werbeträgerin anzuheuern: Durchs Rauchen ein Teint wie Goldstaub! Atemberaubende Schönheit dank Nikotin!

"Noch nie hatte jemand durch meine äußere Hülle hindurchgeschaut und mir zugetraut, dass ich auch jemand ganz anderen verkörpern könnte", sagt Theron. "Das war befremdlich." Beim ersten Treffen mit der Regisseurin kauerte sie sich so weit zusammen, dass ihr Kopf fast zwischen den Beinen hing. "Charlize war die Einzige, die begriff, wie schwer es werden würde, diesen Film durchzustehen", sagt Jenkins.

Der Rest ist fast schon Filmgeschichte. Theron übernahm die Rolle der Aileen, fraß sich knapp 30 Pfund an, ließ sich jeden Tag anderthalb Stunden lang hässlich schminken, setzte ein unförmiges Gebiss ein - und überrumpelte Hollywood.

Denn der ketzerische Gedanke, dass man hier ein entstelltes Starlet am Werk sieht, verflüchtigt sich nach wenigen Filmminuten. Mit ungeheurer physischer Wucht verkörpert Theron eine Frau, die gelernt hat, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, eine Frau, die ihren schweren, plumpen Leib als Bollwerk gegen die Zumutungen der Welt einsetzt, eine Frau, deren trotzig heruntergezogener Mund alles über Bitterkeit, Verrat und Verzweiflung weiß. Diese Aileen ist längst am Ende und zugleich lebensgierig, bedrohlich und erbarmungswürdig, ein unstet flackernder Geist in einem unruhigen Körper. Selten wird ein Film derart von einer einzigen Figur beherrscht.

Man kann ruhig davon ausgehen, dass bei der Besetzung von "Monster" auch Kalkül eine Rolle gespielt hat. Natürlich hätte sich eine Darstellerin finden lassen, deren Schönheit man nicht erst hätte zuspachteln müssen, damit sie der echten Aileen Wuornos ähnelt. Aber Charlize Therons beeindruckender Verwandlungs-Stunt sorgte für eine Publicity, die ein winziger Independent-Film sonst nie und nimmer hätte bezahlen können.

Und natürlich hat auch Theron gewusst, dass "Monster" eine einzigartige Chance war, endlich ihren Ruf als austauschbares Blondchen abzuschütteln - und vielleicht einen Oscar zu gewinnen. Denn der ist in den vergangenen Jahren - dank des unnachahmlichen Selbsthasses, der die Glamourbranche plagt - fast immer an Darstellerinnen vergeben worden, die ihre Kunst bis an die Grenze der Selbstverstümmelung getrieben haben.

Aber allein aus Kalkül lässt man sich auf eine Grenzerfahrung wie "Monster" nicht ein. Theron brennt für diesen Film. Sie hat die echte Aileen nie kennen gelernt, denn die wurde noch vor Drehbeginn hingerichtet (siehe Kasten). Aber sie ist monatelang wie besessen Wuornos' Leben durchgegangen und hat zahlreiche Briefe gelesen, die Aileens beste Freundin aufbewahrt hatte. "Ich saß in ihrer Küche und fing immer wieder an zu weinen", sagt Theron. "Wenn man weiß, was Aileen alles erlitten hat, kann man sich nicht vorstellen, wie jemand das überlebt und sogar noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft gehabt haben kann." Sie wollte die innere Wahrheit dieses Menschen zeigen, der in der amerikanischen Öffentlichkeit zum Unmenschen degradiert worden war. "Das war meine Verantwortung."

Als Charlize Theron 15 Jahre alt war, erschoss ihre Mutter vor ihren Augen in Notwehr den randalierenden Vater. Man kann nur ahnen, welch jahrelange Tortur dieser Tat vorangegangen sein muss. Theron mag es nicht, wenn man ihre private Geschichte erwähnt, aber es fällt auf, dass sie sich mit großem Engagement für Frauen einsetzt, denen Gewalt angetan worden ist. Seit Jahren arbeitet sie in ihrer Heimat bei einer Anti-Vergewaltigungs-Kampagne mit, und einer ihrer nächsten Filme, "Class Action", erzählt die wiederum authentische Geschichte einer Minenarbeiterin, die in den USA den ersten Modellprozess wegen sexueller Belästigung angestrengt hat.

Ohne "Monster" wäre sie für diese Rolle nie auch nur in Erwägung gezogen worden. "Ich bin so unglaublich stolz auf diesen Film", sagt Theron, und plötzlich füllen sich ihre Augen mit Tränen. Und auch wenn man weiß, was für eine verdammt gute Schauspielerin sie ist: Man glaubt ihr die Rührung.

Susanne Weingarten / print
Themen in diesem Artikel