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Chris Noth: Stinkstiefel mit Charme

Sechs Jahre lang war er Mr. Big in "Sex and the city", heute läuft nun die letzte Folge der Serie. Zum Abschied wollten wir mit Chris Noth Bilanz ziehen, doch der Herr war etwas launisch: ein ungewöhnlicher Hausbesuch in New York

Der Traummann hat schlechte Laune. Sieht man gleich. Allein, wie er seine Wohnungstür aufmacht, unwillig und heftig, und wie er dann die Nase hochzieht, dass sein Schnauzer sich wölbt wie eine haarige schwarze Raupe auf der Flucht. Im Hausflur bellt ein Hund. Er macht eine Geste, als würde er eine Pistole abfeuern, und knurrt: "Ich hasse Kläffer." Der Traummann soll ein Interview geben, Interviews hasst er auch. Er soll über "Sex and the City" sprechen, die TV-Serie, die ihn weltweit zum Sexsymbol gemacht hat.

Aber ihn nervt diese ganze Sexsymbol-Sache

, und "Sex", nervt ihn das auch? Seine braunen Augen durchbohren sekundenlang die Fragestellerin. Es ist ein Blick, den Gärtner für Blattläuse haben, und dann raunzt er mit einer aus der Tiefe seines durchaus mächtigen Bauches kommenden Stimme, dass das ja wohl nicht im Ernst eine Frage sei, oder? Und er wirft sich aufs Sofa und streckt seinen Besucherinnen grob gestrickte Socken mit gelben Käppchen entgegen. Willkommen bei Mr. Big.

Als bindungsscheuer Charmeur mit jenem Spitznamen, der sich keineswegs auf seine Einsdreiundneunzig-Körpergröße bezieht, eroberte Chris Noth in der New Yorker Kultserie erst die Hauptdarstellerin, dann das Publikum; erstere vergrätzte er wiederholt, letzteres blieb ihm über alle sechs Staffeln treu. Am 14. Dezember läuft auf ProSieben die letzte Folge - und bringt die Antwort auf die quälende Frage, ob die beiden, Mr. Big und Carrie, Chris Noth und Sarah Jessica Parker, Streithammel und Liebende, sich endlich, endlich kriegen.

Der Schauspieler wurde 1956

in Wisconsin geboren. In den Staaten kam er schon vor "Sex and the City" mit der Polizeiserie "Law and Order" zu Fernsehruhm. Chris Noth lebt in New York. Und zwar in einem Apartmenthaus in einer jener begehrten Straßen im Westen der Stadt, wo Touristen immer wieder stehen bleiben und staunen, dass es Bäume gibt in Manhattan. Direkt vor Noths Haus parken die Lastwagen einer Filmgesellschaft. Er sei aufgewacht von dem Krach, knurrt er, und dann stellte sich auch noch raus, dass dort "Law and Order" gedreht wird. Hat er die ehemaligen Kollegen begrüßt? Langer Gärtnerblick. "Nein", sagt er dann. "Wollen Sie jetzt etwa über "Law and Order" reden?"

Oh nein, natürlich über "Sex and É" "Ich habe damit längst abgeschlossen", unterbricht er barsch und gähnt und krümmt die Sockenspitzen. Okay, okay, was hat er gemacht, als es dann also endlich vorbei war? "Meine Wohnung gestrichen", sagt er. Sein Wohnzimmer ist erbsengrün, dunkle Holzregale halten ein paar hundert Bücher, im Flur lehnt ein Rennrad. Ein Frauenporträt hängt an der Wand gegenüber der hohen Fensterfront, davor steht der Prachtband "Sumo" von Helmut Newton, aufgeschlagen, wo sonst, bei einer Nackten in Stöckelschuhen. "Vorher waren die Wände pissgelb." Kleine Pause. "Wie Ihre Haare." Und jetzt sieht der Traummann zum ersten Mal richtig vergnügt aus.

Spätestens an dieser Stelle muss man mal etwas klarstellen. Chris Noth ist, auch wenn der Hauch einer Ahnung davon entstanden sein könnte, kein fundamentales Ekel. Er hat nur die vergangenen vier, fünf Jahre damit zubringen müssen, seine beiden Egos zu trennen wie Bunt- und Kochwäsche: Hier der Schauspieler Noth, da Mr. Big, und immer warf man alles zusammen, und immer ist der eine von beiden eingelaufen. Noth ist Big, er wird auf Flughäfen wissend angegrinst, von japanischen Touristinnen geknipst, von französischen geküsst, von polnischen gefragt, was Männer richtig scharf macht. Ist es ein Wunder? Sechs Jahre lang drang der Mann regelmäßig in Millionen Wohn- und Schlafzimmer als Teil dieses New Yorker TV-Ensembles, das nur ein Thema kannte, in allen Variationen, von hinten, von vorn, mit dem Mund, mit dem Feuerwehrmann, im Loft, im Lift, mit Lust, mit Liebe, ohne Liebe, ohne Scham, aber stets mit Witz. "Ich geriet immer mehr in die Scheißrolle von einem Scheißsexratgeber", knurrt Noth. "Es macht dich verrückt."

"Sex and the City" sei doch nur eine Fernsehserie, mein Gott, kein Grund zur Hysterie. "Kommen Sie heute Abend in meine Bar", sagt er unvermittelt. "Da können Sie sehen, was mir wirklich wichtig ist."

Also gut.

Das Lokal ist in Chelsea, eine dunkelholzige Höhle mit langem Tresen und einem Hinterraum, in dem Live-Bands auftreten. Noth hat "The Cutting Room" vor ein paar Jahren mit einem Freund aufgemacht. "Wir wollten eine Alternative zu HipHop", sagt er. "Musik für Erwachsene." Blues, Rock'n'Roll, Jazz. Er wirft Münzen in seine Jukebox. Eric Clapton. Trotz der Schummerbeleuchtung folgen ihm ein paar Blicke; der Mann sieht gut aus, klar, aber er ist eben auch der prominente Chef hier, und natürlich kommen viele Leute wegen Big, nicht Blues.

An diesem Abend tritt eine temperamentvolle Soul-Sängerin auf, anschließend, gegen Mitternacht, beginnt die Jazz-Session. Die Stimmung ist großartig. Noth steht hinten im Publikum, hoch gewachsen und schwer, seine Züge so scharf, dass man sie auf Münzen prägen könnte. Seltsam, er sieht ganz friedlich aus. Die Jack-Nicholson-Brauen zucken in die Höhe. Kein Zweifel, der Mann hat gute Laune. "Na gut", sagt er. "Reden wir über Sex."

Mr. Noth, reden Frauen lieber über Sex als Männer?

Sie klatschen mehr als Männer, das steht fest. Und gerade Amerikanerinnen sind besessen davon, ständig ihre Beziehungen zu analysieren. In allen Einzelheiten. Sie liefern ihren Freundinnen detaillierte Berichte. Also, erst hat er das getan und dann das É Männer hingegen sagen: Gestern war klasse, wir sind zu ihr und haben die ganze Nacht gevögelt.

Welche der 94 Folgen von "Sex and the City" war Ihnen die liebste?

Die, in der Carrie gefurzt hat. Sie erinnern sich, wir liegen im Bett, sie lässt einen fahren. Vor dem Dreh habe ich gesagt: Ich bestehe darauf, persönlich den Soundeffekt zu machen! Sarah, sage ich, was für einen möchtest du haben - ein elegantes, kleines Fürzchen oder einen richtig dicken Stinker? Sarah war das furchtbar peinlich, aber ich sagte, ich müsse doch wissen, worauf ich in dieser Szene reagiere - höre ich ein dezentes Pffft oder ein deftiges Pfffffoooaaaahhpfuideibel!

Vermissen Sie die Serie?

Ein bisschen. Wir sind ja immer in die schönsten Restaurants gegangen, und sie haben mich in so elegante Anzüge gesteckt. Ich hatte viel Spaß. Es gab den Plan, einen "Sex and the City"-Kinofilm zu drehen. Aber dank einer gewissen Kollegin...

...Kim Cattrall, die die frivole Samantha spielt und angeblich überhöhte Honorarforderungen hatte...

... wird daraus nichts. Das passiert ja vielen Kollegen, plötzlich bläht sich das Ego, und sie erkennen die größte Karrierechance nicht mehr. Schade, ich hätte Lust gehabt.

Haben Sie in den sechs Jahren, in denen Ihre Kolleginnen unentwegt über Sex und Männer sprachen, eigentlich etwas gelernt?

Nein.

Sie wussten also, was Manolo Blahniks sind - nämlich Schuhe?

Gut, die waren mir neu. Allerdings weiß ich bis heute nicht, wieso diese Dinger so teuer sind. Und noch etwas habe ich mir gemerkt: Störe nie eine Schauspielerin, wenn ihr gerade die Haare zurechtgemacht werden. Ist mir mal passiert mit Sarah. Mann, hat die gefaucht.

Es gibt in der Serie eine kurze Phase, in der Carrie und Mr. Big versuchen, Freunde zu sein. Sie scheitern kläglich. Können Männer und Frauen überhaupt Freunde sein?

Aber klar. Einige meiner besten Freunde sind Frauen! Man muss nur welche finden, die nicht ständig über ihre Beziehungen quatschen. Sie können bessere Kumpel als Männer sein, denn die sehen sich immer gleich als Rivalen. Allerdings: Wenn Sex ins Spiel kommt, ist es vorbei mit der Freundschaft. Das ist mein Rat an dieser Stelle: Don't fuck your best friend, Fräuleins!

Wäre die Sexkolumnistin Carrie im wahren Leben interessant für Sie?

Aber ja, sie ist mir die liebste von den vieren. Witzig, gescheit, hellwach, man kann gut mit ihr reden.

Als Mr. Big haben Sie sie aber nicht besonders gut behandelt.

Finden Sie? Ich denke, es war eine faire Beziehung. Sie wusste, worauf sie sich einlässt. Er hat ihr nie etwas vorgemacht. Anders als seiner Ehefrau.

Mochten Sie Big?

Aber ja. Er war immer gut geschrieben.

Wären Sie mit so einem Mann gern befreundet?

Warum nicht? Er ist reich, könnte mich in teure Restaurants mitnehmen, und er ist ja ein netter Kerl. Wobei, "netter Kerl", warten Sie, das ist so eine doofe Beschreibung. Mir sind die "netten Kerle" immer suspekt. Denn wenn einer nur nett ist, dann bringt er verdammt viel Energie auf, um über 30 nicht so nette Eigenschaften hinwegzutäuschen. Und ist in Wahrheit ein Arschloch.

Diese Energie möchten Sie nicht verschwenden?

Nett sein ist nichts für mich. Nettsein ist Teil unserer "Starbucks"-Kultur, in der alle so denken und so sein wollen wie alle anderen auch. Wir Amerikaner sind so entsetzlich konform geworden. Alle mögen die gleichen Fernsehsendungen, die gleiche Musik, den gleichen Kaffee. Alle Schauspieler haben die gleichen durchtrainierten Körper, das gleiche perfekte Lächeln. Es gibt keinen Platz mehr für Mängel und Fehler und dunkle Seiten. Unsere Welt ist so klein geworden.

Was klagen Sie? Sie wohnen in New York.

Ach, der Spaß ist vorbei. Das ist nicht mehr die Stadt, die niemals schläft, es ist die Stadt, die immer schläft! Es gibt keine intellektuelle Neugier mehr. Die Leute lesen nicht mehr, gehen nicht mehr ins Theater, sie sehen bloß noch fern und besuchen Clubs. Und haben Angst vor allem Fremdem.

Klingt, als hätten Sie bessere Zeiten erlebt.

Ich glaube, die 60er und 70er Jahre waren kreativer. Ich hätte gern in New York gelebt zu der Zeit, als meine Eltern hier gearbeitet haben. Damals wurden Außenseiter und Menschen mit ungewöhnlichen Ansichten gefeiert, heute begegnet man ihnen mit Misstrauen. Die Leute wollen Sicherheit. Und Bequemlichkeit. Alles dreht sich nur noch ums Geld.

Sie leben auch nicht schlecht.

Durchaus nicht. Ich lebe sogar gerne gut. Und trotzdem: Sie glauben gar nicht, wie viele Angebote ich abgelehnt habe, weil mich die Rolle deprimiert hat. In diesem Land gilt man als erfolgreich, wenn man viel Geld verdient. Ich finde aber: Erfolg ist, wenn man sein Leben nach seinen Vorstellungen leben darf.

Wie sehen die denn aus?

Ich könnte nie einen so genannten geregelten Job annehmen, egal wie gut bezahlt, ich wäre nicht glücklich. Deshalb will ich nicht wieder in einer Fernsehserie mitspielen. Ich fühle mich dabei wie einer, der immer nur Fast Food isst. Zurzeit probe ich das neue Theaterstück von Gore Vidal. Da merke ich wieder, weshalb ich überhaupt Schauspieler geworden bin! Ich weiß, es klingt scheißprätentiös, aber: Da erkenne ich den Sinn meines Lebens. Ich fühle mich im Theater wie ein Bergsteiger, der oben ankommt, oder wie ein Surfer, der die perfekte Welle reitet.

Im Fernsehen finden Sie dieses erhebende Gefühl nicht?

Klar bin ich froh, wenn eine Szene gut läuft. Aber an jedem Tag, den ich jetzt älter werde, wird es wichtiger für mich, dass meine Arbeit etwas bedeutet. Und nur im Theater kannst du die Leute berühren, du bist bei ihnen, wenn sie etwas erkennen über sich selbst, lachen oder weinen.

Das macht Sie glücklich?

Sagen wir: streckenweise. Ich kann nicht behaupten, dass ich ein glücklicher Mensch bin.

Woran liegt das?

Wer weiß, vielleicht an meiner Chemie. Vielleicht auch an meiner Familie. Mein Vater starb bei einem Autounfall, als ich zehn war, das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Außerdem hatten meine Eltern keine gute Ehe geführt - viel zu früh geheiratet, alles sehr chaotisch. Für mich, ich bin der jüngste von drei Söhnen, war es sehr schwierig. In meinem Leben ist eine gewisse Traurigkeit. Wenn Menschen Farben wären, gäbe es sicher ein paar ganz sonnig gelbe ... aber ich wäre dunkelrot. Mit einem Schuss Schwarz.

Das Interview mit Chris Noth führten Ulrike von Bülow und Christine Kruttschnitt

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