Erotikmesse Streifzug über die Venus


Einmal im Jahr präsentiert sich die Erotikbranche auf der Fachmesse "Venus". Neben immer extremeren Trends fand stern.de-Mitarbeiter Carsten Scheibe dort auch viel Verspieltes.

Meine Frau ist sauer, die Freunde neidisch: Ich gehe zur "Venus". Die Sexmesse, die einmal im Jahr in den Messehallen unter dem Funkturm stattfindet, unterscheidet sich von den üblichen Schmuddel-Sexmessen, die im ganzen Land in abgedunkelten Turnhallen abgehalten werden. Hier geht es um das ganz große Geschäft, hier versuchen sich Pornoanbieter, Sexsternchen und vor allem die Verkäufer von Sextoys und Massageölen zu profilieren. Die Betreiber der "Venus" dürfen sich freuen: Längst gilt die Messe mit 320 Ausstellern, 5000 Facheinkäufern aus 45 Ländern und 20.000 Privatbesuchern als weltweit größte Fachmesse für Sex in Internet, Multimedia und für das Adult Entertainment. In diesem Jahr lief es sogar so gut, dass noch eine Halle hinzugemietet wurde, um die Ausstellungsfläche zu vergrößern.

Züchtige Messemiezen

Beim Betreten der Messe wundere ich mich einmal mehr darüber, wie hell das Messegelände erleuchtet ist. Eigentlich erwartet man ein diffuses Schummerlicht, das verhindert, dass man dem ebenfalls anwesenden Nachbarn ins Gesicht sehen muss. Am Eingang stehen breitschultrige Männer mit Handscannern und lesen den Barcode der Eintrittskarten ab. Kaum habe ich diese Hürde genommen, drücken mir auch schon zahlreiche Hostessen Tüten der Sponsoren in die Hand. Sie enthalten Prospekte, Kugelschreiber und jede Menge kostenlose Trailer-DVDs fürs private Heimkino. Da der Besucher 18 Jahre alt sein muss, um die Messe betreten zu dürfen, darf es in den Hallen ruhig pornografisch zugehen und das gilt selbst für die ausliegenden Prospekte: Die sind so scharf, dass der Kauf weiterer Heftchen überflüssig wird. Allerdings fällt mir auf, dass die Messemiezen am Eingang diesmal ziemlich züchtig angezogen sind - im letzten Jahr waren sie noch oben ohne.

Beim ersten Flanieren durch die großen Messehallen stechen mir die riesigen Stände der Pornohersteller ins Auge: Eroticplanet, Redlight District, Magma, Muschi Movie. Hunderte, ja tausende DVDs stapeln sich in den Regalen, während die Heroinnen der Filme lächelnd an den Ständen Autogramme geben und sich mit ihren Fans fotografieren lassen. Große Videotafeln zeigen wie Verkehrsleitsysteme auf der Autobahn, was von den einzelnen Filmen zu erwarten ist. Es ist immer wieder erstaunlich, was sich mit drei Körperöffnungen so alles anstellen lässt - und doch stehen die Pornohersteller unter dem Druck, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen. Markus Otto von Herzog Videos fasst den Trend in Worte: "Die Filme werden immer extremer. Es muss immer schlimmer, immer heftiger, immer kranker sein."

Visuelle Übersättigung

Tatsächlich ist es so, dass auf vielen Kassettenhüllen Dinge zu betrachten sind, die vor wenigen Jahren noch niemand erwartet hätte. Da die weiblichen Modelle laut Gesetz nicht mehr jünger werden dürfen, werden sie eben älter. Oder dicker. Immer mehr Gewalt, Sado und Maso kommen zum Einsatz.

"Es ist eine Übersättigung da", erklärt Kerim Vorberg von Muschi Movie. "Sie werden hier zugeschmissen mit amerikanischen Produktionen. Das ist alles das gleiche. Die Leute wollen wieder mehr deutsche Produktionen." Ist das so? Ich entdecke schließlich den ersten Stand, der wirklich etwas Neues zu bieten hat - Türken-Pornos. Hier zeigen Machos vom Bosporos, wie sie ihre züchtig verhüllte Fathma nehmen. Und P. B. Film Entertainment aus Berlin präsentiert die ersten deutschen Hip-Hop-Pornos. "Das ist Sex aus dem Hip-Hop-Milieu", sagt Geschäftsführer Romeike. "Natürlich mit passender Musik."

Keine unerreichbaren Sexgöttinnen

Ziemlich erstaunt bin ich über die berühmten Darstellerinnen: Viele sind klein, extrem dünn und haben dazu noch jede Menge Pickel im Gesicht. Im Film sieht das immer ganz anders aus. Die unerreichbaren Sexgöttinnen aus dem Pornokino - es sind doch nur Menschen wie du und ich. Und auch Analkönigin Renée Pornero flüstert: "Bin ich froh, wenn ich wieder nach Hause fahren kann."

Selbst am Fachbesuchertag gibt es auf der "Venus" schon sehr viel nackte Haut zu sehen. Wo immer es sich anbietet, turnen nackte Frauen an der Stange, räkeln sich verführerisch im Whirlpool oder lassen sich live vor Publikum ein Bodypainting mit der Airbrush-Pistole aufspritzen. Und sobald ein nackter Busen blitzt, strömen die männlichen Besucher in Scharen heran, jeder bewaffnet mit einer Digitalkamera. Eine Frau bleibt neben mir stehen, betrachtet das Getümmel, hinter dem die nackte Schönheit schon gar nicht mehr zu sehen ist, und sagt: "Als ob die noch nie einen Busen gesehen haben."

Zum Abschuss freigegeben

Aber es gibt nicht nur Busen zu sehen: Eine überall tätowierte Brünette zeigt erst ihre gepiercten Nippel, dann lüpft sie auch noch ihr Höschen fürs gierige Publikum. Nun ist kein Halten mehr: Digitalkameras und Fotohandys gehen auf Tuchfühlung. Wie gut, dass es ein Makro-Objektiv für Entfernungen unter fünf Zentimetern gibt. Neben mir herrscht ein Fotograf einen allzu vorwitzigen Japaner mit Handy an: "Mensch, am liebsten würdest du ihr wohl noch das Handy reinschieben, was?"

Gespenstisch ist nur, dass all diese Aktionen ganz stumm ablaufen. Alle drängeln, alle schubsen, aber kaum jemand spricht ein Wort. Nach vier, fünf Minuten ist der Spaß auch wieder vorbei. Etwas genervt ziehen sich die Mädels dann wieder an und verschwinden hinter der Bühne. Und die Besucher strömen auseinander, auf der Suche nach der nächsten Überraschung.

Wärmespeichernde Granitdildos

Neben nackten Frauen präsentiert die Venus aber auch Gebrauchsgegenstände: Besucher können auf erotischen Möbeln Probesitzen, sich über neue Sexkino-Kabinentechniken informieren oder Handy-Pornos bestaunen. Richtig interessant wird bei den Sexspielzeugen: Die kunstvoll bemalten und mitunter sehr ungewöhnlich geformten Glasdildos kenne ich bereits aus dem letzten Jahr. Dieses Mal kommen Granitdildos der Firma Cempel Imports hinzu. Die ganz aus Stein gearbeiteten Kunstpenisse wecken zunächst mein Misstrauen, doch die Verkäufer wissen, wo der besondere Vorteil liegt. "Einmal angewärmt, behalten die Dildos ihre Temperatur und fühlen sich ganz angenehm an", erklärt Torsten Cempel. Stimmt, überhaupt nicht wie ein Stein. Trotzdem möchte ich nicht, dass mir ein solcher Steinbolide auf den Fuß fällt.

Das absolute Messe-Highlight sind sicherlich die „Screaming O“s Goodies der amerikanischen Firma Bushman Products. Dabei handelt es sich um kleine Ringe aus Gummi, die beim Sex über den Penis gezogen werden. Auf ihnen sitzt ein winziger Vibrator, der sich ein- und ausschalten lässt. Das soll beim Verkehr für ein exstatisches Vergnügen sorgen. Justin Ross sagt: "Unser Produkt ist die absolute Nummer 1 in allen amerikanischen Sexgeschäften." Den Aufsatz mit Vibrationsei gibt es in einer Einmalversion, die nach dem Einschalten 30 Minuten lang ohne Pause sirrt und summt. Profis nutzen lieber den Big O, der ackert doppelt so lange und lässt sich zwischendurch auch ausschalten.

Enten, Maulwürfe und Delfine

Richtig erstaunt bin ich über den tantraBeam. Dieses Gerät wird mit einer Manschette um das Armgelenk geschnallt, von dort aus führt ein Kabel zu einem schmalen Fingeraufsatz. Als die Verkäuferin mit dem tantraBeam ein Infoblatt anfasst, das ich in den Händen halte, spüre ich die Vibration in meinen Händen. Der Wahnsinn. Das Gerät bringt alles zum Vibrieren, ohne dass man es sieht. Die Verkäuferin schaut mich mit festem Blick an: "Ich kann dir genau ansehen, was du jetzt gerade denkst."

Wer glaubt, bei Vibratoren und Dildos schon alles gesehen zu haben, kennt noch nicht die bunten Silikon-Spielzeuge der Fun Factory. In diesem Unternehmen haben zwar die Frauen das Sagen, der Designer ist aber ein Mann. Und der hat den Tuschkasten kräftig ausgereizt und präsentiert gestreckte Delfine, Maulwürfe und in Silikon gegossene Sternbilder in bunten Farben, die per Knopfdruck zu summen anfangen. Und weil Silikon ein schönes, hautverträgliches und immer handwarmes Material ist, hat es auch seinen Preis. Richtig gut verkaufen sich kleine Vibratoren, Juliane Bessner weiß auch, warum: "Die passen in jede Handtasche."

Neben "Fun Factory" versucht auch die amerikanische Firma "Big Teaze Toys" unverkrampften Spaß ins Schlafzimmer zu bringen. Sie präsentiert wasserfeste Badeenten, die in jedes Badezimmer passen und per Knopfdruck vibrieren. Damit dürften sie die ersten Vibratoren sein, die man auch einmal offen liegenlassen kann. Neben den Entchen vibrieren auch Sonnenblumen, wackeln grüne Raupen und schütteln sich Lollis.

Wundermittel und Chirurgen

Gedrängelt wird auch am Stand von Boom!. Kein Wunder, gibt es hier doch das rezeptfreie Kräuteräquivalent zum teuren Viagra. "Wer Boom! nicht kennt, hat den besten Sex verpennt", heißt es an der Wand und drei Mädels grinsen dazu um die Wette. Das Pulver sieht aus und schmeckt wie Kakao und gilt als Scharfmacher für sie und ihn. "Pornostar Conny Dachs hat es schon getestet - und meinte, es wäre ein echt tolles Zeug", preist der Verkäufer das Gemisch an. Und er raunt mir zu, dass er Boom! selbst nimmt, zwei Mal die Woche.

Auf dem Weg zu weiteren Neuheiten komme ich an einem Stand vorbei, der für die Wunder der Schönheitschirurgie wirbt. Drei Damen zeigen mit ihrem üppigen Busen die Nachher-Variante einer erfolgreichen Vergrößerung. Ein Messebesucher staunt und wird auch gleich angesprochen: "Hier, fühl doch mal. Das fasst sich absolut an wie echte Titten." Dem scheint es zwar zu gefallen, aber das mit dem Testen traut er sich nicht.

Erlkönig in Lack und Leder

An anderen Ständen sehe ich hauchzarte Dessous, Krankenschwester-Outfits mit passenden Klistieren, dicke Peitschen und immer wieder Lack und Leder. Manchmal ist die Ware erstklassig, aber bei der Präsentation mangelt es noch an der nötigen Professionalität. An einem Stand für hochwertige Lack- und Leder-Fetischware stehen ein langhaariger Hühne und seine Freundin. Beide sind in ihre eigenen Produkte gehüllt, einen Katalog gibt es nicht. Als ich nach einer Visitenkarte fragen, bekomme ich einen dünnen von Hand ausgeschnittenen Zettel mit einem Stempel drauf. "Ruf doch mal an", heißt es zum Abschied. Ich schau auf den Zettel. "Erlkönig" steht da. Komischer Name für Fetisch-Mode.

Dann ist es auch an der Zeit, Abschied zu nehmen. Nach einigen Stunden in der Halle verschwimmen die Reize. Es wird Zeit, dem allgegenwärtigen Sex wieder zu entkommen. Draußen, in der kalten Luft Berlins, atme ich erst kräftig durch und schüttel mich aus. Renée Pornero hat Recht: Das reicht dann erst einmal wieder für ein Jahr.

Carsten Scheibe

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