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Toronto in Kanada: So entspannt ist New Yorks kleine Schwester

Wer durch Toronto läuft, bereist mal eben die halbe Welt. Kanadas größte Stadt ist multikulturell - und stolz darauf. Auf Streifzug durch die erstaunlich entspannten Viertel dieser Millionenmetropole.

Toronto

Die Skyline von Toronto, vom Lake Ontario aus gesehen

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Die Stadt Toronto hat einen Ruf wie Frankfurt, und das ist nicht unbedingt das Beste, was einem als Stadt passieren kann. Ganz okay, Großstadt halt, viele Hochhäuser, Wirtschaftszentrum – zum Sehnsuchtsziel wird man da nicht so leicht, schon gar nicht in einem Land wie Kanada, in dem man in Konkurrenz steht zu überwältigender Natur mit Wildnis, Bären, Seen und anderen Stadtrivalen wie dem frankophilen, kunstverliebten Montreal und dem Funktionsjackenträger-Paradies Vancouver samt Bergen und Meer.

Doch den Ruf der Irgendwie-egal-Großstadt trägt Toronto völlig zu Unrecht. Dass die Stadt sich nicht so einfach mit einem Label versehen und bewerben lässt, liegt nur daran, dass Toronto zu vielfältig ist. Kanadas größte Stadt ist eine Patchworkdecke aus so unterschiedlichen Architekturstilen, Nationalitäten und Geschwindigkeiten, dass sich ein langer Spaziergang von Viertel zu Viertel anfühlen kann, als habe man im Schnelldurchlauf mehrere Länder und Kontinente bereist: von China über Portugal, Korea und Italien, Indien und Tibet nach Polen.

Wie New York - nur ein paar Nummern kleiner

Rund die Hälfte der 2,8 Millionen Einwohner ist nicht in Kanada geboren, mehr als 140 Sprachen und Dialekte werden in Toronto gesprochen. Und auch diejenigen, die schon ein oder zwei Generationen länger da sind, pflegen gern ihre Wurzeln. Stolzer Pole und zugleich stolzer Kanadier zu sein – in dem Land, das seine Einwanderungskultur so hingebungsvoll pflegt, wird das nicht als mangelnde Integration, sondern als Bereicherung gesehen.

Wenn diese vielfältige Stadt sich schon vergleichen lassen muss, dann taugt dafür am besten New York. Wie die große amerikanische Schwester hat auch Toronto ein Zentrum mit Wolkenkratzern und Straßenschluchten, ein großes Chinatown und von angesagten Bars besiedelte Viertel. Allerdings ist alles ein paar Nummern kleiner und entspannter – wie eine sauberere und freundlichere Miniaturversion. Auf der Rangliste der sichersten Städte weltweit, die die britische Zeitschrift "The Economist" erstellte, landete Toronto auf Platz vier, hinter Tokio, Singapur und Osaka.

Drehort Toronto

Toronto sei wie eine Art New York, das von Schweizern geleitet werde, soll der britische Schauspieler Peter Ustinov gesagt haben. Die Stadt macht sich die Ähnlichkeit zunutze – und spielt oft das Double für New York in Filmen und Fernsehserien, zum Beispiel in "American Psycho", "Der unglaubliche Hulk" oder "Suits". Die Filmindustrie boomt: Mehr als 1400 Filme, TV-Serien, Werbespots und Musikvideos wurden 2016 dort gedreht, eine Location- Datenbank listet die Orte auf, an denen Toronto aussieht wie die Wall Street, Brooklyn oder die Upper East Side.

Touristen haben die klassischen Sehenswürdigkeiten schnell abgehakt: Sie können die Aussicht bestaunen vom 553 Meter hohen CN Tower, das Royal Ontario Museum mit dem Erweiterungsbau von Daniel Libeskind besuchen und die Art Gallery of Ontario, die von Frank Gehry neu gestaltet wurde. Dann bleiben noch das skurril-kitschige Herrenhaus Casa Loma und der Genuss eines Sandwichs mit Peameal Bacon in der historischen Markthalle St. Lawrence.

In der Lobby des Drake Hotels in der Queen Street 

In der Lobby des Drake Hotels in der Queen Street 

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Doch um Toronto wirklich nahezukommen, sollte man nicht die Reiseführer- Highlights abarbeiten, sondern einfach flanieren. Auf der Queen Street West kann man von den Bürotürmen Downtown sechs Kilometer geradeaus Richtung Westen laufen. Von Shoppingzentren weg führt die Straße hinein ins Herz der Hipsterszene, vorbei an den langen Schlangen vor einer Eisdiele, die mit Kohle schwarz gefärbte Eissorten verkauft. Es folgen kleine Läden mit Designerklamotten, Vintagemöbeln und Papeterie, das angesagte Drake Hotel, tibetische Restaurants und Rock 'n' Roll-Bars.

"Das zweitcoolste Viertel der Welt"

Die "Vogue" kürte West Queen West 2014 zum "zweitcoolsten Viertel der Welt", nach Shimokitazawa in Tokio und vor Södermalm in Stockholm. Am Ende der Queen Street West beginnt auf der Roncesvalles Avenue das polnische Viertel, das von Grüne- Smoothies-Trinkern und jungen Familien gentrifiziert wird, die in die hübschen Reihenhäuschen mit Vorgarten ziehen.

Ein paar Blocks weiter nördlich führt die Bloor Street West an traurigen Stripclubs vorbei nach Osten, erst ins quietschbunte Koreatown, dann am britisch wirkenden Uni-Campus entlang bis zu den Schaufenstern der Luxusmodeketten. Auf der Spadina Avenue läuft man durch Chinatown, nebenan spürt man in Kensington Market bei Marihuana-Duft noch den Geist des alten Hippie-Viertels. In Little Portugal sitzen im Sommer jeden Tag ein paar ältere Herren mit Schiebermützen und Hosenträgern nebeneinander auf einem Mäuerchen, beobachten Passanten und schwatzen in ihrer Muttersprache.

Wie es sich entspannt international in Toronto – von den Bewohnern als "Turonno" genuschelt – lebt, zeigt sich auch an solchen Begegnungen: Während man in einem chinesischen Waschsalon in Koreatown darauf wartet, dass die Jeans, die man sich beim Essen mit vietnamesischer Pho bekleckert hat, sauber wird, lernt man einen Inder kennen. Und obwohl beide Gesprächspartner mit deutlichem Akzent ihrer jeweiligen Heimatländer Englisch sprechen, fällt die typische Smalltalk- Frage, woher man eigentlich komme, erst nach fünf Minuten Geplauder. Denn viel interessanter, als wo man war, ist doch schließlich, dass man gerade hier ist.

Adi Astl Toronto Sun


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