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Leipziger Buchmesse: Sex hat Konjunktur

Möglichst feucht und ordinär - dieser Trend zeichnet sich auf der Leipziger Buchmesse ab. Nach Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" boomt die erotische Literatur wie nie zuvor. Von lockerer Alltagserotik bis zur Liebe im Wasser ist alles dabei. Ein Streifzug durch die Neuerscheinungen.

Als vor rund einem Jahr Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" erschien, stürmte das Buch die Bestsellerlisten. Es löste eine Debatte über den Feminismus aus, über weibliche Sexualität und Hygiene. Junge Frauen kamen in Scharen zu den Lesungen, Jugendliche lasen sich als "Mutprobe" gegenseitig die ekligsten Stellen vor. Und das Feuilleton überschlug sich, mit Lob, aber auch mit Kritik. Mittlerweile wurden rund 1,5 Millionen Exemplare verkauft, die Übersetzungen in 25 Sprachen nicht mitgerechnet. Dieser überraschende Erfolg hat offenbar auch andere deutsche Verlage nicht ruhen lassen. Auf dem weiten Feld der erotischen Literatur sind für dieses Jahr etliche neue Bücher geplant, von denen einige bereits erschienen sind.

Das Spektrum reicht dabei von Bodo Kirchhoffs furios geschriebenem neuesten Roman, in dem Charlotte Roche und ihre Romanfigur Helen eine nicht unerhebliche Rolle spielen, über gesammelte erotische Erzählungen bis hin zu einer ganz neuen Buchreihe und einem kuriosen kleinen Sammelsurium rund ums Meer und den Sex. Auch ein Sachbuch über die Vulva könnte zu der Reihe der neuen Bücher über intime Zonen gezählt werden.

Bodo Kirchhoffs Roman "Erinnerungen an meinen Porsche" handelt von einem 38-jährigen Investmentbanker, der sich in einer Kurklinik davon erholen will, dass die Freundin seinen "Porsche" - sein männliches Prunkstück unterhalb seines Bauchnabels - mit einem Korkenzieher ruiniert hat. Da liegt er nun zwischen einstigen Lichtgestalten aus Politik, Wirtschaft und Vermischtem, die allesamt leiden unter einem "Leereschock, dem Nichts anstelle früherer Größe", was ja beim Romanhelden durchaus bildlich zutrifft. Man spricht über das Essen, die Finanzkrise, den Verlust eigenen Geldes. Eines Tages taucht eine neue Patientin, Helen, auf: "Das war die blutjunge Autorin des Hämorrhoidenbestsellers, die womöglich an ihrer Turboperformance litt." Helen hilft dem Notleidenden letztlich, seinen "Wagen" wieder flott zu bekommen.

"Honigkuss" ist das erste Buch von Salwa Al Neimi. Wie die Hauptfigur in ihrem Roman stammt die Autorin aus Damaskus, lebt aber in Paris. Im arabischen Raum landete das Buch, das 2007 zunächst im Libanon erschien, vielerorts auf dem Index. Es geht um die Verführung durch Bücher, um leidenschaftlichen Sex und um das arabische Liebesleben. Die Hauptfigur des Buches, eine Bibliothekarin, hat ein verborgenes Liebesleben, für das sie Anregungen findet in erotischen Büchern der arabischen Literatur. Da sie verheiratet ist, droht ihr für diese Amouren nach islamischem Recht das Gefängnis. Salwa Al Neimi beschwört die Freuden des Beischlafs, beleuchtet aber auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Das Buch hat keinen durchgängigen Handlungsstrang, sondern ist eine Mixtur aus Erzählung und Gesellschaftsstudie, mit Betrachtungen zur Religion und gesellschaftlichen Scheinheiligkeit.

Erotik mit literarischem Anspruch

Auch andere Verlage setzen auf sinnliches Lese-Vergnügen. "Erotische Literatur hat schon immer eine breite Leserschaft gehabt. Mit Charlotte Roche hat sich eine prominente junge Frau zu Wort gemeldet, die aus dem Fernsehen bekannt ist und viele - vor allem auch Nicht-Leser - auf neue, offene und flippige Weise angesprochen hat", meint Stefanie Proske von der Frankfurter Edition Büchergilde, die als Herausgeberin einer Sammlung erotischer Erzählungen unter dem Titel "Die leuchtenden Farben der Nacht" firmiert. Erotische Inhalte sollen hier mit literarischem Anspruch und exklusiver Aufmachung verbunden werden. Der Erzählband steckt in einem aufwendig gestalteten Schuber, der bereits optisch-sinnliches Vergnügen verspricht. Das Buch enthält elf erotische Geschichten unter anderem von von Christina Peri Rossi, Anais Nin, David Herbert Lawrence, Kerstin Hensel, Patricia Duncker und Guy de Maupassant.

Mit "Anais" hat der Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf jüngst gleich eine ganze Reihe für erotische Literatur gestartet. Sie richtet sich an die weibliche Leserschaft und ist ausnahmslos von Frauen geschrieben. Vier Bände sind bereits erschienen, bis zum Sommer sollen es zwölf sein. Allesamt von jungen Autorinnen, die "Erotik im Alltag aufspüren, deren Heldinnen locker und offen durchs Leben gehen, und die unverkrampft und explizit über Sex schreiben, ohne beim Porno zu landen", wie es beim Verlag heißt. Anais sei entwickelt worden, "weil wir nicht nur ins Klassikerregal greifen möchten, um richtig gute Erotika zu lesen." Authentische, aufregende Storys werden ebenso versprochen wie komplexe Charaktere und vielfältige Neigungen, sei es zarter Blümchensex oder harte SM-Praktiken.

Mit "Frühling und so", dem Debüt der erst 18-jährigen Berlinerin Rebecca Martin, startete die Reihe durch: Nur zwei Monate nach seinem Erscheinen landete der Roman über ein ausschweifendes Jahr im Leben einer 17-jährigen mit One-Night-Stands, Schule, Freunden, Clubs und der Suche nach sich selbst auf der Bestsellerliste.

Der Mythos des weiblichen Geschlechts

Der Berliner Wagenbach Verlag hat mit "Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" ein ungewöhnliches Sachbuch herausgebracht. Es sei eine kleine Kulturgeschichte des Abendlandes - anhand der Darstellung des weiblichen Genitals in Alltag, Folklore, Medizin, Mythologie, Literatur und Kunst, schreibt die Autorin Mithu M. Sanyal in ihrem Vorwort. Sanyal hat indisch-polnische Wurzeln, studierte Kulturwissenschaften und arbeitet als Journalistin und Autorin. In ihrer Studie über die Vulva zeichnet sie den historischen und kulturellen Bedeutungswandel des weiblichen Geschlechts auf. Sie erzählt von Baubo, die in der griechischen Mythologie die Menschheit durch die Enthüllung ihres Genitals rettete, findet zahlreiche explizite Darstellungen selbst in der eher prüden mittelalterlichen Kunst, geht auf gewaltsame Verstümmelungen ein und untersucht Schleiertanz und Striptease.

Nach seinem Erfolg mit dem "Kleinen Kielschwein" schickt Lorenz Schröter nun "Die kleine Kielsau" ins Rennen um die Gunst der Leser - ein Sammelsurium, "knallheiß aus der Koje", zum Thema Sex und Erotik im und am Wasser. Das Bändchen gibt Tipps für den Sex unter Wasser. Es verrät, welche Parteien auch Bikinis verkaufen und welches Strafmaß man in den verschiedensten Ländern für "Sex on the beach" riskiert. Die Traummaße der Meeresbusen sind ebenso aufgelistet, wie die weltweit zehn besten FKK-Strände. Das Ganze ist angereichert mit frivolen Texten und Gedichten, beispielsweise von Ringelnatz, Robert Gernhardt und Berthold Brecht. Und wer schon immer mal den genauen Text von "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" lernen wollte, wird ebenfalls fündig. Musik und Text stammen von Ralph Arthur Roberts. Er starb übrigens an Austernvergiftung. Auch das entnimmt man diesem Sammelsurium.

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Isabelle Pfleiderer/DPA / DPA