HOME

Filmindustrie: Götterdämmerung in Hollywood

Sie sind gefeuert! Der überraschende blaue Brief des Paramount - Studios an Tom Cruise ist das bisher spektakulärste Beispiel für die Krise des Star-Systems in der amerikanischen Filmindustrie.

Von hier unten aus gesehen ist da oben die Hölle los. Erst die Sache mit Pluto - eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass verdiente alte Himmelskörper einfach so degradiert werden. Dann der Warnschuss für das Sternchen: Lindsay Lohan, glimmend am amerikanischen Teenie-Firmament und funkelnd vor allem in den Nachtclubs und Diskos von Los Angeles, wurde von einem grantigen Vorgesetzten öffentlich des Herumluderns bezichtigt. Und nun das: Tom Cruise, von unabhängigen Wirtschafts- und Glamour-Gremien zuverlässig zum größten aller Stars gewählt - Tom Cruise wird geschasst und obendrein für plemplem erklärt. Letzteres ahnte man schon länger, Ersteres kam auch für die Fachwelt so hart und überraschend wie ein Blitz aus heiterstem Oben.

Was war geschehen? Ein 83-jähriger Medien-Profi, Harvard-Absolvent und seit vielen Dekaden in der ökonomisch unberechenbarsten Industrie der Welt tätig, hatte die Faxen dicke. Über 14 Jahre hatte Sumner Redstone den Schauspieler Cruise und dessen Geschäftspartnerin Paula Wagner über einen lukrativen Vertrag an sein Filmstudio Paramount gebunden. Rund zehn Millionen Dollar zahlte das Medienunternehmen für die Verwaltung der Cruise-Wagnerschen Kleinfirma, gab ihnen genügend Dollars an die Hand, um Drehbücher und Kinolizenzen einzukaufen. Eine weit verbreitete Symbiose: Jeder Schauspieler, der mehr als nur fremder Leute Text aufsagen möchte, ist Chef so einer Produktionsfirma. Tom Hanks arbeitet über seine "Playtone Films" mit Universal zusammen und stellte mit dem Studio gemeinsam Filme wie "Cast Away" auf die Beine. Sandra Bullock ("Fortis Films") kooperiert mit Warner Brothers, Will Smith ("Overbook Entertainment") mit Sony. Im Schnitt zahlen die Studios 500 000 bis zwei Millionen Dollar für das Recht, als Erste Zugriff auf die Projekte ihrer Schützlinge zu haben. Cruise hatte, neben einer generösen Umsatzbeteiligung, die besten Konditionen herausgeschlagen, die je einem Star gewährt wurden. Doch bei den Neuverhandlungen des Vertrags wollte Paramount jetzt nur noch zwei Millionen bieten; so viel wie zum Beispiel Brad Pitt mit seiner Firma "Plan B" bekommt.

"So geht's nicht weiter

Es muss wohl einen Tag im Leben von Sumner Redstone gegeben haben, an dem ihn der Blick in die Rechnungsbücher von Paramount in etwa so peinigte wie der in den Fernsehapparat, wo sein Star und Vertragspartner sich gerade in der Diskussion um Medikamente gegen Depressionen zum Affen machte oder zum selben Zweck auf Sofas hüpfte und seine junge Verlobte knutschte. Der Scientology-Missionar Cruise schleuderte sich zielstrebig von einem PR-Debakel ins nächste, seine Sympathiewerte beim Publikum stürzten in den Keller. Sein jüngster Film, "Mission: Impossible III", spielte weltweit zwar 393 Millionen Dollar ein, kostete allerdings in Herstellung und Vermarktung rund 250 Millionen, und der Hauptdarsteller ist über Prozentanteile am Einspielergebnis beteiligt. Paramount erlitt angeblich einen Verlust von bis zu 150 Millionen Dollar. Da zog der alte Mann die Reißleine.

Als der laut "Forbes"-Liste "mächtigste Star der Welt" vor die Studiotür gesetzt wurde, erlitt nicht nur Cruise einen Nackenschlag, sondern das ganze Star-System. Redstone: Schauspieler seien überbezahlt, "die kriegen alles, und die Studios müssen ums Überleben kämpfen". Seine Warnung an Hollywood: "So geht's nicht weiter."

Schlägt das Imperium zurück? Holen die alten Studiobosse sich die Macht wieder, die sie seit den 50er Jahren an die Publikumslieblinge abgeben mussten? Es war Olivia de Havilland, ausgerechnet die schafssanfte Melanie aus "Vom Winde verweht", die in einem Musterprozess gegen ihr Studio damals die Leibeigenschaft der Stars und damit das gefürchtete alte Star-System beendete - fortan durften Darsteller ihre Arbeitgeber, Rollen und Filme weitgehend selbst aussuchen. Berühmte Schauspieler entwickelten sich im Lauf der Jahre zum Garanten dafür, dass die vielen Millionen, die so ein Film kostet, gut angelegt sind. Und in der hysterischen Hochspannung, mit der Hollywood auf das so genannte opening weekend starrt, also die Einnahmen am Premierenwochenende einer Produktion, wurde Tom Cruise zum Mega-Star, denn keiner "öffnete" so gut wie er.

Auch ein Oscar-Preisträger darf sich nicht verhalten wie Sau

Derzeit aber läuft nichts mehr so richtig doll im Filmgeschäft. Und die großen Namen, sie spüren den rauen Wind der Veränderung. Wenn Götter nicht mehr zaubern können, dann werden sie halt vom Podest geholt. Schon als vor ein paar Wochen ein angeschickerter Mel Gibson in Malibu antisemitische Tiraden ausspuckte, reagierte die Industrie mit Eiseskälte - auch ein Oscar-Preisträger darf sich nicht verhalten wie Sau. Studiobosse - auch nichtjüdische - äußerten lautstark ihren Abscheu, das Fernsehstudio ABC sagte ein Filmprojekt mit Gibson ab.

Der Produzent Mark Gordon, der unter anderem die Emmerich-Filme "The Day After Tomorrow" und "Der Patriot" finanziert hat, erklärt den neuen harschen Ton in Hollywood so: Wegen der beständig wachsenden Kosten würden "immer weniger Filme gedreht. Deswegen wird die Toleranzschwelle gegenüber Stars, deren Wert sinkt, immer niedriger. Die Leute trauen sich jetzt eher, es zu sagen, wenn ihnen etwas stinkt".

Kratzer am Image der Stars

Und so wird neuerdings abgestraft. Gleich zwei Projekte des einstigen Kassenmagneten Jim Carrey sind gestoppt, offenbar als Folge seines Misserfolgs "Dick und Jane". Während Produktionen mit weniger bekannten - billigeren - Darstellern zu Hits geraten ("X-Men"), ist dem kostspieligen Talent nicht mehr zu trauen: Die Komödie "Bewitched - Verliebt in eine Hexe" floppte trotz Nicole Kidman, ebenso das Science-fiction-Spektakel "Aeon Flux" mit Charlize Theron und der Actionthriller "Firewall" mit Harrison Ford. Der übrigens ist, gemessen am Einspielergebnis seiner Werke, der erfolgreichste Schauspieler der vergangenen 40 Jahre. Er ist aber - und da hilft auch der Ohrring nichts - ein Herr in den Sechzigern. Die Zeiten ändern sich, nicht nur für Mr. Ford.

Spielen gehätschelte, übermächtige, überbezahlte Leinwandhelden überhaupt noch eine Rolle im Zeitalter von YouTube und MySpace, von Computerspielen und tragbaren Minifilmen? Zwei schöne deutsche Wörter gibt's im englischen Sprachgebrauch, die in der Entertainment-Branche nun abwechselnd zum Einsatz kommen: Götterdämmerung. Und: Schadenfreude. Am Tag nach Redstones Gepolter stieg die Aktie von Paramounts Mutterhaus Viacom um 21 Cent. Wie schön passt da die Nachricht, dass auch die US-Finanzbehörde an der Star-Aura kratzt, sie fordert Steuern auf die üppigen Geschenkkörbe, mit denen Zelebritäten zu Galas und Preisverleihungen gelockt werden (im Körbchen warten oft technische Spielereien und Gutscheine im Wert bis zu 100 000 Dollar).

Die Musikbranche hat sich schon vor einer ganzen Weile umgestellt. "Berühmtheit wird immer unwichtiger", sagt Jeff Fenster, Geschäftsführer der Plattenfirma Jive Records, die unter anderem Britney Spears und die Backstreet Boys entdeckt hat. "Ein großer Star garantiert nicht mehr den Erfolg eines Albums oder eines Films."

Der Musik-Manager Andy Gould: "Es gab Zeiten, da konnten Superstar-Bands alles verlangen, inklusive einer Nacht mit der Ehefrau ihres Plattenlabel-Chefs. Aber heutzutage gibt es so viele Prominente, da verliert Prominenz ihren Wert. Stars werden durch Talent-Shows gemacht und dann schnell wieder entsorgt. Die Plattenfirmen lieben das, denn wer zu viel verlangt, wird sofort durch einen anderen ersetzt."

Tom Cruise lässt das natürlich erst mal kalt. Er setzt auf Hedgefonds. Mit Paula Wagner zusammen will er eine unabhängige Firma aufbauen, weit weg vom alten Redstone. Ein Traum sei das, erklärte das Duo dem "Wall Street Journal". Wenn der Traum funktioniert, holt Hollywood halt wieder die Podeste raus. Wenn der Traum platzt - Tom Cruise fällt ja weich. Jedenfalls von hier unten aus gesehen.

Christine Kruttschnitt Mitarbeit: Anke Kapels / print