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GESPERRT! 60. Geburtstag von Meryl Streep: Sie ist ein Grund zum Feiern

Die Allergrößte ist sie ja längst schon. Aber neuerdings gilt Meryl Streep auch über alle Generationen hinweg als Kassenschlager. Nicht schlecht für eine Frau, die am 22. Juni 60 Jahre alt geworden ist. Happy Birthday!

Von Christine Kruttschnitt

Hollywood-Schauspielerinnen werden nicht 60. Hollywood-Schauspielerinnen werden höchstens 38, dann erlischt ihr Leben in der Öffentlichkeit dank nervöser Studiomanager ("Würdest du die Alte vögeln wollen? Ich auch nicht. Gib die Rolle einer anderen!") oder nach selbst verschuldeten Panikbesuchen beim Schönheitschirurgen (aufgeschnappt am roten Teppich: "Das soll Daryl Hannah sein? Die hätte ich nie im Leben wiedererkannt. Die sieht doch aus wie Meg Ryan!" - "Unsinn, niemand sieht aus wie Meg Ryan, am allerwenigsten Meg Ryan."). 60-jährige Hollywood-Schauspielerinnen müssten sich - gäbe es sie überhaupt - um die einzige Rolle pro Jahr balgen, die für ihr Alter geschrieben wird (Harrison Fords Mutter), und sich ansonsten in transzendentaler Meditation üben, um nicht wahnsinnig zu werden, wenn sie von Shia LaBeoufs Gagen hören.

Nicht nur also wenn man ihre unerreichten 15 Oscar-Nominierungen und weltweit angehäuften 73 (!) Filmpreise in Betracht zieht, ist Meryl Streep ein echtes Wunder. Am 22. Juni feiert sie tatsächlich ihren Sechzigsten, sieht dabei kein bisschen aus wie Meg Ryan und spielt derzeit im Kino fast alles außer Harrison Fords Mutter. Anti-Terror-Chefin der CIA, US-Senatorin, hartgesottene Reporterin: In den vergangenen anderthalb Jahren hat sie nicht weniger als sechs Filme gedreht, darunter das sonnendurchflutete Musical "Mamma Mia!", das weltweit 600 Millionen Dollar eingespielt und aus der hochverehrten Aktrice eine dampfende Blockbuster-Maschine gemacht hat. Im August läuft in den USA ihr jüngstes Werk an, eine Komödie über Amerikas berühmteste Köchin, und Hollywood-Kenner vermuten, dass Meryl Streep wieder Massen von Actionfilm-müden Frauen ins Kino zieht: "Sie ist stärker denn je!", schmachtete "Entertainment Weekly".

Der Sechzigste ist in Wahrheit kein Grund, jemanden überschwänglich zu feiern (es sei denn, es handelt sich um die Bundesrepublik oder in zehn Jahren um Barbie) - aber die Zeit muss einfach sein, wenn jemand in diesem Alter so lässig den Hollywood-Old-Boys-Club in den, mit Verlaub, Arsch tritt wie die wunderbare Meryl Streep. Seit Jahren schon nennt sie unverblümt die Entscheidungsträger der Filmwelt "dumm und gierig", ätzt über Regisseure, die mit Hirn nichts Besseres anfangen können, als es in Schießereien gegen Windschutzscheiben spritzen zu lassen, und holt sich nun endlich das Stück Kuchen, das Frauen generell und in dem Alter sowieso verwehrt wird.

Die hippe Legende

Für ihren Part als kulinarische Größe Julia Child in "Julie & Julia" (Deutschland-Start im September) hat sich die vierfache Mutter, wie sie stolz verkündet, einen saftigen Anteil am Einspielergebnis gesichert, das machen die Jungs in Hollywood schon lange so. Überhaupt verdient sie heute mehr als früher, da sie noch jung und knackig war. Und wichtiger noch: Sie ist erfolgreicher als die meisten männlichen Stars ihrer Generation.

Al Pacino, Robert De Niro, Jack Nicholson: Mit all diesen grauen Eminenzen stand die zeitlos Aschblonde vor der Kamera; aber während sich Pacino und De Niro, angeblich des Universums bedeutendste Mimen, in schwerfällige Testosterondramen verirren (Nicholson befindet sich mehr oder weniger im Ruhestand), eroberte sich vor drei Jahren Meryl Streep ein frisches, junges Publikum mit der immens erfolgreichen Komödie "Der Teufel trägt Prada". Teufel auch: Die Ikone, die Legende, sie war plötzlich hip.

Seit dieses so bodenständige und dabei ätherisch-dünnhäutig scheinende Wesen 1978 in der Fernsehserie "Holocaust" einem Massenpublikum ins weinende Auge fiel, gilt die Streep als Star - bewundert für ihre Schauspielkunst von Zuschauern und Kollegen. Sie beherrscht die exotischsten Akzente, kann singen, komisch sein, tragisch, nobel, proletarisch, kann reiten und die Peitsche schwingen und sich dabei von Robert Redford den Kopf waschen lassen, kann aussehen, als ob sie übler stänke als Mickey Rourke an seinen wasserscheuesten Tagen, und kommt einem dann im Nonnenhabitat katholischer vor als der Mann in Rom. Dass sie nicht atemraubend schön ist - trotz dieser unglaublichen Wangenknochen! -, gereichte ihr stets zum Vorteil: Zwar sprach sie vergeblich vor für Rollen wie in "King Kong" (der Part der kreischenden Blonden ging an Jessica Lange, der Produzent fand die Streep zu hässlich). Doch landete sie nie in der Herren-Garnitur-Schublade, war nie das Mädchen, das der Held am Schluss mit nach Hause nimmt. Nie "the girl", immer eine Frau, und immer mit einem Geheimnis.

Erarbeiteter Erfolg

Sie habe viele schlechte Filme gemacht, räumt sie ein. Aber sie musste ja die Familie ernähren. Der Ehemann Don Gummer ist Bildhauer, das Paar seit 30 Jahren verheiratet ("einander in Ruhe zu lassen" sei das Erfolgsrezept). Seit die Kinder - zwischen 18 und 30 Jahre alt - aus dem Haus sind, stürzt sich die Vielbewunderte wieder in Arbeit.

Sie freut sich, dass es überhaupt welche für sie gibt. Aber sie hält es nicht wirklich für einen krassen Glücksfall. "Ich habe immer hart gearbeitet", sagt sie gelassen. "Da kann man doch wohl Erfolg erwarten."

Klar, auch mit 60 hat man noch Träume. Aber in dem Alter weiß man endlich, wie man sie durchsetzt.

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